Die alten Hasen haben ihre eigenen mitgebracht. Kleine, faltbare Sackkarren aus schwarz lackiertem Aluminium, daran ein Spanngurt mit Haken. Olutkärry nennen die Finnen dieses Gefährt – Bierkarre. Und wer es richtig draufhat, kann bis zu acht Paletten darauf stapeln. Ein riesiger Mann steht im Fährterminal von Helsinki und schwenkt erwartungsfroh sein olutkärry. Ein älteres Ehepaar hat seine Koffer aufs olutkärry geschnallt. Gemurmel, Gedränge: Wer an Bord der Autofähre nach Tallinn geht, setzt Kurs auf eine Welt der Hamsterkäufe und des billigen Suffs: Estland.

Tallinn liegt nur zwei Fährstunden von Helsinki entfernt. Es lockt mit einer mittelalterlichen Altstadt, günstigen Restaurants und Sowjetgeschichte. Doch für viele Touristen aus Helsinki ist es vor allem: ein riesiges Alkoholregal. Rausch, Sucht und Geiz eskalieren hier an den Wochenenden in einem grotesken Schauspiel. Es verschmelzen darin der homo oeconomicus (profitorientiert) und der homo alcoholicus (promilleorientiert) zu einer neuen Gattung Mensch: In Horden oder Paaren streift der homo alconomicus durch Supermärkte und Kneipen, ebenso spar- wie trinkwütig.

Finnland erhebt europaweit die höchsten Steuern auf Alkohol. Getränke mit mehr als 4,7 Prozent darf nur das staatliche Monopolgeschäft Alko verkaufen, und Alkoholwerbung unterliegt strengen Auflagen. Trotzdem ist jeder 16. finnische Mann alkoholsüchtig, und weit über 1.000 Finnen saufen sich jedes Jahr zu Tode. Der Staat versucht verzweifelt, seine Bürger zu schützen, aber die pfeifen drauf und kaufen sich Fährtickets nach Estland, wo Schnaps und Bier nur rund ein Drittel kosten. Manche verlassen die Fähre erst gar nicht, denn an Bord sind die Preise ähnlich günstig. Wenn sie Glück haben, gibt es auch noch Gratisproben, wie heute. Kaum an Bord, greifen die ersten Hände nach den Plastikbechern mit Whiskey. Es ist 11.30 Uhr.

Wenn man schon mal da ist

Alte Lagerhallen aus Ziegelsteinen säumen den Hafen von Tallinn. Zentrale Lage und industrieller Charme: In Berlin hätten sich hier Künstler und ein unabhängiges Theater angesiedelt, in Hamburg würden sie ein Konzerthaus aufs Dach bauen. Hier prangt an der Fassade ein oranges Schild: SuPerAlko Cash and Carry. Daneben liegen Läden, die Alcostock, Alcomarina oder Alcoexpressheißen, außerdem zahlreiche Kneipen.

Johan und seine Frau Niina haben ihr Auto vorm SuPerAlko abgestellt. Sie sind Mitte 50 und kommen aus Jyväskylä in Zentralfinnland. Johan – Kurzhaarschnitt, Bierbauch, Sonnenbrille und Lederjacke – wuchtet drei Paletten Granatapfel-Cider in den Kofferraum und stapelt sie auf Gin-Grapefruit-Longdrinks. Dreimal im Jahr schippern die beiden über den Finnischen Meerbusen und machen sich ein paar schöne Tage. Sie besichtigen die Altstadt von Tallinn, streifen durch Wälder, erkunden Steilküsten und Lagunen. "Wir sind nicht wegen des Alkohols hier", sagt Johan. Aber wenn man schon mal da ist.

Ein Denkmal für den finnischen Trinker

So wie Deutsche auf dem Rückweg vom Mittelmeer in Österreich noch mal volltanken, füllen Finnen bei SuPerAlko ihren Kofferraum. Mit so einer Ladung sparen sie leicht mehr als 200 Euro. Johan knallt die Heckklappe zu: "Wir müssen noch mal rein", sagt er. Und Niina klappt die Rückbank um.

Im SuPerAlko stapeln sich die Bierpaletten bis unter die Decke. Es sieht aus wie bei Ikea, nur mit Dosen in den Abholregalen. Zwischen den Reihen surfen Angestellte auf Einkaufswagen und arbeiten Bestellzettel ab. Es gibt Shuttlebusse und einen Lieferservice direkt zum Fährterminal. Kaum etwas tun sie in Estland so hingebungsvoll, wie Finnen Alkohol anzudrehen – und so erfolgreich: 200 Millionen Liter alkoholischer Getränke wurden 2015 verkauft, ein Drittel davon an finnische Touristen.

Wenn es nach Janek Kalvi ginge, könnte es ewig so weitergehen. Er leitet die Firma Liviko, Estlands größte Schnapsbrennerei. Kalvi steht im Konferenzraum, wiegt eine Flasche Gin in den Händen und sagt: "Wir sollten den finnischen Trinkern ein Denkmal bauen." Denn vom billigen Alkohol ins Land gelockt, geben Finnen nach der Grenzöffnung 2004 jedes Jahr Hunderte Millionen Euro aus, shoppen aus allen Rohren Elektronik, Kleidung und Lebensmittel.