Es ist sechs Uhr morgens in Antananarivo. Männer laufen die Straßen entlang. Nicht einer, nicht fünf, sondern viele, junge, mittelalte und manch älterer Herr. Was die Einwohner der madagassischen Hauptstadt hier absolvieren, ist kein kollektives Fitnessprogramm, es ist Notwendigkeit. Sie müssen zur Arbeit. So früh fahren kaum Taxibusse die Hügel hinauf und wieder hinunter, und wenn, dann kommen sie oft nicht pünktlich an. Achsenbrüche, parkende Lkw, ein Zebu auf der Straße: Die Möglichkeiten, eine Fahrt zu verzögern, sind scheinbar endlos. Also laufen die Männer, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen.

Antananarivo, genannt Tana, eine Stadt im Aufbruch. In der Frühe wirkt das malerisch. Der Morgennebel vom Hochlandrücken, der sich über die viertgrößte Insel der Welt zieht, lichtet sich. Die Konturen der Gebäude werden schärfer, bunte Häuser kleben an den Hängen der bis zu 1.500 Meter hoch gelegenen Stadt und erinnern ein wenig an Rio de Janeiro vor. Hier wie dort liegt hinter der Fassade ein hartes und entbehrungsreiches Leben.

"Wenn ich in die Stadt muss, gehe ich um halb sechs los", sagt Diana, danach sei die Stadt selbst für Fußgänger zu verstopft. Diana ist 30 und arbeitet als Bibliothekarin in einer Schule, in den Ferien führt sie Touristen durch die Stadt. Oft sind es Franzosen, die ihre ehemalige Kolonie besuchen. Diana zeigt den Reisenden die katholische Kirche, den Präsidentenpalast, der wie die rot geziegelte Miniaturausgabe eines Loire-Schlosses aussieht, den mausoleumsartigen Palast der Königin Rasoherina, der weithin sichtbar in der Oberstadt thront, und den alten Bahnhof in der Unterstadt, der inzwischen in eine feine Shoppingmall umgebaut wurde.

Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wer hierher reist, will eigentlich Natur sehen, die Regenschirmkronen der Affenbrotbäume, die scharfen Steinnadeln der Tsingys und die flauschig-gestreiften Lemuren. Die Zwei-Millionen-Stadt Tana ist ein notgedrungener Stopp, weil die Touristen hier am internationalen Flughafen ankommen. Bloß schnell in den Dschungel, scheinen die Fremden zu denken, dabei entgeht ihnen das Leben der Inselbewohner.

Der Duft von Vanille

Tana ist das Herzstück des Inselstaats vor der Ostküste Afrikas, sowohl geografisch als auch politisch. Und mitten im Zentrum gibt es noch ein künstliches Herz, einen in dieser Form angelegten See, auf dessen Insel ein Denkmal für die gefallenen Madagassen im Ersten Weltkrieg steht. Neben dem Anosy-See erheben sich die zwei Hügel, über die sich die Stadt erstreckt. Die Unterstadt dazwischen ist heute Verwaltungs- und Shoppingzentrum.

Dort liegt auch das Café de la Gare, ein hübsch renoviertes Restaurant im stillgelegten Jugendstilbahnhof mit Kamin und Ledersesseln, auf der Karte stehen hochgestapelte Burger. Hier treffen sich die oberen Zehntausend, um die Armut auf der Avenue der Unabhängigkeit zu vergessen. Auf dem einzigen Boulevard der Stadt predigen Wanderpriester, betteln Kinder, feilschen Straßenhändler mit Hausfrauen um den Preis von duftenden Vanilleschoten. Während vor dem Kamin im Café chinesische Wirtschaftsdelegationen mit madagassischen Regierungsbeamten um Schürfrechte für Nickel und Titan verhandeln.

Das Café ist ein sorgloser Ort in einer besorgten Stadt. "Ich gehe abends nie aus dem Haus", sagt Diana, "zu gefährlich." Schon zwei Mal sei ihr auf der abendlichen Fahrt nach Hause das Geld entwendet worden, ritschratsch, einfach die Tasche im Taxibus aufgeschnitten. Banditen nennt sie die jungen Männer, die an den Straßenecken herumlungern. Aber ein reguläres Taxi kann sie sich nicht leisten.

Stadtspaziergang © Ulf Lippitz/Zeit Online

Umgerechnet wenige Euro kostet es, sich mit dem Taxi den Hügel hinab- und wieder hinauffahren zu lassen, ins Viertel Isoraka. Dort gibt es Tapas-Bars, kleine Restaurants und Karaokeläden. Eine Erste-Welt-Simulation, die trotzdem einen Funken Hoffnung für die Dritte birgt. Man muss ja nicht jeden Mist übernehmen. Auf der Zugangsstraße den Berg hinauf, wo das Ausgeh- und Wohlstandsdreieck liegt, bietet ein Fitnessstudio Zumba-Kurse an. Was wohl die täglich durch die Stadt trabenden Arbeiter davon denken?

Die Armut hat Tana im Griff. Industrie gibt es kaum, dafür dringt die Landwirtschaft bis an die Grenzen der bebauten Flächen vor. Zwischen den bebauten Hügeln erstrecken sich Terrassenfelder, Beton und Reis, Grau und Grün wechseln sich ab. Auf den Flächen bauen die Madagassen ihr Hauptnahrungsmittel an, das es zu Frühstück, Mittag und Abendbrot gibt. Ohne Reis im Magen geht kein Madagasse auf die Straße.