"Mein Großvater hat mal fast einen Schatz gehoben", sagt mein Tischnachbar über sein Bier hinweg. Wir sitzen in der Kneipe eines kleinen Nests im Osten Neufundlands. Draußen vor dem Fenster prasselt der Regen auf die See, zerrt der Wind am Holz der Häuser, lässt es Ächzen und Stöhnen. John, Mitte zwanzig, erzählt vom fischenden Großvater, der dort, wo die Bucht in die offene See übergeht, eine Truhe am Haken hatte. Als er sie ins Boot hieven will, löst sie sich, sie sinkt und rutscht vom flachen Boden der Bucht hinab in die Tiefsee. 

Es ist eine Geschichte, die ich in ähnlicher Form immer wieder höre, während ich auf den Spuren der regionalen Piratenlegende Peter Easton durch Neufundland reise, die große Insel vor Kanadas Ostküste. Anfang des 17. Jahrhunderts war die Gegend zwischen Bonavista und Ferryland Eastons Wirkungsstätte. Weil die Marine zu klein war, stellte Elisabeth I. damals Freibriefe für private Sicherheitscrews zur See aus. Ab 1602 kreuzte Easton unter englischer Fahne vor der Küste Neufundlands, um heimische Fischer vor fremden Mächten zu beschützen. Nebenbei soll er Schiffe der Spanier und Franzosen überfallen haben. 

Als ihm James I. wenig später seiner offiziellen Aufgabe beraubt, macht Easton seinen Nebenjob zum Hauptberuf: Er wird Pirat. Er soll sogar bis in die Karibik gesegelt sein, wo er tonnenweise Silber und Gold erbeutete. Was mit dem Schatz geschehen ist – wenn es ihn denn gab – weiß niemand. Aber beinahe jeder hat eine Idee, wo er sein könnte.

Happy Adventure hieß das Schiff von Easton und Happy Adventure heißt dieser Ort, der nur aus einer Handvoll Häusern besteht. Sie stehen kreuz und quer auf dem zerklüfteten Land, dort wo der Fjord eine kleine Falte wirft, bevor er Teil des Terra Nova Nationalparks wird. "In unserer Bucht hat Easton sich vor Verfolgern versteckt", sagt Chuck, der bärtige Kneipenwirt, als er die nächste Runde bringt. Deshalb, sagt Chuck, sei der Ort nach Eastons Schiff benannt. Sein Englisch ist schwer zu verstehen, eine genuschelte Wortsammlung irgendwo zwischen Irisch und Schottisch.

Andere Spuren der Piraten sind längst von der Karte verschwunden, sie existieren nur noch in den Erzählungen über sie: St. Chad's hieß früher Damn the Bell, weil eine Schiffsglocke der britischen Marine verriet, wo sich die Gauner im dichten Nebel versteckt hielten. Und Sandy Cove soll früher Silver Buckle geheißen haben, weil die Piraten silberne Gürtel trugen. Es sind Geschichten im Konjunktiv – hätte, könnte, wäre – Geschichten, bei denen die Wahrheit eine Sache des Glaubens ist. Belege gibt es nicht.

Die Umverteilungspolitik der Piraten

Die Piraten sind in den Geschichten der Neufundländer nicht unbedingt die Bösen. Wenn man so will, betrieben sie eine frühe Umverteilungspolitik: Sie nahmen von den Reichen und gaben den Armen. Als reich galten alle, die große Schiffe hatten, arm waren die Fischer, die aus England, Irland oder Schottland rübergekommen waren. Sie waren getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, fanden aber nur ein anderes vor. Piraten wie Easton halfen ihnen, indem sie sie auf ihren Schiffen anheuerten. Die Reichtümer, die sie auf ihren Raubzügen angehäuft haben sollen, fesseln die Neufundländer bis heute.

Geschichten von Schätzen und Verstecken tauchten immer wieder auf, erklärt mir Philipp Hiscock. Er ist Professor für Folkore an der Memorial University, dem renommiertesten Institut seiner Art in Kanada. Die Storys werden weitergetragen, weil sie Menschen bewegen. In jeder Schatzgeschichte schwingt die Frage mit: Was würdest du tun, wenn du ihn fändest und plötzlich sagenhaft reich wärst?

Hinter Hiscock im Regal stehen die beiden Wörterbücher für neufundländisches Englisch, die er verfasst hat. Neufundländer sprechen kein Hochenglisch, erklärt er, sondern Newfie-Englisch, eine Eigenart der Hochsprache, wie sie Kanadier oder US-Amerikaner sprechen. Lord, thunder, jesus and B'y ist ein Fluch, den man nur hier hört. Und wenn die Temperatur ausnahmsweise mal über 20 Grad steigt, sagen die Einheimischen: Die Sonne spaltet den Fels. Der Fels, so nennen die Neufundländer ihr steiniges Stück Kanada.