Einen der schönsten Momente während unserer Reisen erlebten wir in Indien. Es war eine Gruppenreise mit Familien. Meine Tochter war die jüngste, sechs Jahre alt, und die einzige, die kein Englisch sprach. Also brachten ihr die anderen Kinder englische Wörter bei. Als wir durch die wunderschöne Stadt Jaipur fuhren, saßen alle Kinder hinten im Bus und zeigten sich gegenseitig die Tiere auf den Straßen und Dächern. "Look, Monkeys", riefen sie. Und meine Tochter rief mit: "Monkeys!" Dann rief sie: "Look, a Cow!", denn das konnte sie inzwischen. Kühe standen überall herum. So ging es weiter: Pig, Donkey und dann schrien die Kinder auf einmal: "Elephant!"

Und meine Tochter schrie mit den australischen, neuseeländischen und englischen Kindern mit: "Elephant!" Direkt neben dem Bus war ein Elefant aufgetaucht, den Kopf auf Höhe des Busfensters. Oben drauf saß der Mahut, Turban und Stock. Alle Kinder rannten zu der Busseite und dann auch alle Erwachsenen. Ein Wunder, dass der Bus nicht umfiel. Der Kopf des Elefanten war bunt bemalt. Der Koloss trottete zwischen Fahrrädern, Rikschas, Autos und Fußgängern, als wäre es ganz normal, und das war es für ihn. Ihm folgten weitere bemalte Elefanten, die ihrer Wege latschten. Am Abend sagte meine Tochter: "Es ist alles so schön fremdisch hier!"

Da hatten wir schon das Ziel der Reise erreicht. Zumindest meins. In einer Zeit, wo fremd nicht mehr nach Abenteuer klingt, sondern nur nach Angst, da war es mir wichtig, meiner Tochter diese Angst gleich von Anfang an zu nehmen. Mir ging es um das Gewöhnen an die Welt, an das Reisen, an die Fremde und die fremden Menschen, die gar nicht so fremd sind, an die Sprachen, die Veränderungen und das Akzeptieren von geänderten Umständen. Ich gehe von einer Zukunft aus, in der sie davon profitieren wird, weltoffen zu sein, denn sie wird vielleicht in der Lage sein auf Veränderungen zu reagieren und zu entscheiden, wo sie leben möchte und wie.

Die Welt verändert sich in einem Tempo, dass man entweder ruft: "Herrjemine, wie ist mir? Ich erkenne nichts wieder!" oder das man sagt: "Alles schön fremdisch." Warum haben einige Menschen diesen wunderbaren Zugang zur Welt nicht? Hatten ihn nie? Haben ihn verloren? Wieso bringen wir das nicht automatisch unseren Kindern bei, ihnen zuliebe und ihren Mitmenschen zuliebe? Es geht dabei nicht um einen egoistischen Marktvorteil, sondern um unser Sozialverhalten in der Zukunft. Und um die Fähigkeit, sich anzupassen in den Umbrüchen, die unseren Kindern bevorstehen. So denke ich.

Jetzt aber mal die Fakten: Zwischen 2015 und 2017 unternahm ich mit meiner heute siebenjährigen Tochter zehn mehr oder weniger weite Reisen, von der Schlittenhundeweltmeisterschaft im Schwarzwald bis Indien, die längste Reise dauerte einen Monat. Zwischendurch waren wir immer wieder zu Hause, weil ich es organisatorisch und emotional nicht anders organisiert bekommen habe. Das hat sich auch bewährt, da das Heimweh manchmal doch groß war. Bei beiden. Außerdem hätten die Erlebnisse in jedem Land einander überdeckt, glaube ich, und meine Tochter wäre total durcheinander gekommen, was wo war.

Über mich hinaus gewachsen

Weltreise. Mit sechsjähriger Tochter. Wie das klingt. Gar nicht nach mir. Da bin ich über mich hinaus gewachsen und danach nie wieder so klein geworden, wie ich vorher war. Normalerweise denke ich mir etwas aus und schreibe das auf, ich denke es mir also auf. Es passiert in meinem Kopf und im Kopf der Leser. Wie lange war das Papier mein Papierflugzeug, das Schreiben ein Vermeiden der Realisierung. Weil es immer als Befriedigung reichte?

Ich habe die Weltreise nicht gemacht, weil ich so gern reise, sondern weil ich so ungern reiste. Diese ganzen Unsicherheiten: Ist das der richtige Zug? Was ist in dieser Teigrolle drin? Wenn man einmal vor ungeübten Situationen Angst hat, dann wächst sie, ohne dass man genau weiß, ob einem in Frankreich wirklich der Kopf abgerissen wird, weil man etwas falsch ausspricht.

Im Grunde genommen will ich das, was alle Eltern wollen: Das Kind soll es mal besser haben als ich. Es soll mit weniger Angst und Unfähigkeit aufwachsen und dadurch einen leichteren Start ins Leben haben. In ein Leben, das sich radikal geändert hat und weiterhin radikal ändern wird. Mein Schiss vorm Reisen bestand aus Kannichnicht und Willichnicht und der Ausrede, dass ich in der DDR natürlich als Kind nicht weit gereist war.

Es war mit 38 nicht zu spät, es zu lernen. Vielleicht habe ich es erst durch meine Tochter und für meine Tochter gelernt, aber ich habe es gelernt. Und zwar richtig, mit Flug verpassen, vom Kind im Nachtzug in die Hand gekotzt bekommen, Flüge umbuchen wegen Fieber, Koffer weg und heulen, aber am Ende wurde alles gut. Und das hat mich zu einem angstfreieren Menschen gemacht. Weil es doch irgendwie immer weiter geht.

Wenn ich mit Leuten über diese Reisen gesprochen habe, waren zwei Reaktionen am häufigsten. Erstens: Oh, toll, das wollten wir auch immer mal machen. Zweitens: Bist du verrückt, so weit weg mit einem kleinem Kind? Meistens haben diese Eltern mit ihrem Kind argumentiert, wenn sie selber keine Lust hatten zu reisen oder Angst davor. Immer wurde das Kind vorgeschoben:
"Was soll es da essen?", haben sie gefragt.
Da staunt man, was Kinder alles essen, wenn es andere Sachen gibt.
"Wenn es da krank wird?", haben sie gefragt.
Wir hatten die ganze Zeit über fast nichts, waren aber mit einer guten Reiseapotheke ausgestattet. Und in Marokko haben wir einen sehr netten Kinderarzt kennengelernt, der alles so gemacht hat, wie es ein Arzt in Deutschland auch gemacht hätte.