Weit vorne auf der Liste der Souvenirs, die bundesrepublikanische Touristen früher von einer Reise nach Berlin mitbrachten, war eine Dose "Berliner Luft". Ihre Berühmtheit ging zurück auf ein altes Lied aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts, das Gören mit "jelbe Schuh'" und die bezahlbare Ausschweifung hochleben ließ. Als die "Berliner Luft" aber Ende 1961, im Jahr des Mauerbaus, beim Amtsgericht Charlottenburg eingetragen wurde, bekam das Produkt eine neue Bedeutung. Sie versprach den Gout einer lebenswerten Enklave mitten im grauen Drüben: Umgeben vom real existierenden Sozialismus kann der freie Mensch hier frei atmen.

Heute sind die Dosen nur noch Sammlerobjekte für Nostalgiker. Was allerdings noch immer verbreitet ist, ist – und das ruft das US-Ferienwohnungsportal Airbnb nun in Erinnerung – die Erwartung unter jungen Berlin-Reisenden, in der Stadt eine spezielle Freiheit zu finden. Nur eben eine Freiheit, für die eine verschlossene Dose nicht mehr das richtige Symbol wäre.

Während die zahlreichen deutschen Berlin-Verächter in der Hauptstadt überall nur schlechte Verwaltung, klotzartig in die Landschaft gepflanzte Subventionsarchitektur und kackende Hunde sehen, ist sie für viele Menschen, die von überall herkommen, nach wie vor ein Entfaltungsraum. Sie gehen nicht nach Düsseldorf – sie ziehen, um ihr Ding zu machen, immer noch am liebsten nach Berlin, in eine Stadt, die sich, wie Andrea Hanna Hünniger hier vor Kurzem beschrieben hat, "eine Diversität erschaffen hat, mit der andere nicht mitkommen".

Es ist daher folgerichtig, dass Airbnb von allen deutschen Städten Berlin ausgewählt hat, und zunächst einmal nur Berlin, um eine neue Sparte einzurichten: "Experiences". Das passende Reiseprogramm zur Übernachtungsgelegenheit von privat. Einheimische – das ist die Idee der Experiences, die es auch schon in anderen Städten von Nairobi bis Paris gibt – bieten Touren durch "ihr" Berlin an; sie bringen Reisende zu Orten, die die pauschal nicht buchen könnten.

Es geht also weniger um geführte Spaziergänge zu "I was here"-Fotobeweisorten. Man findet bei Airbnb zwar auch jemanden, der einen über den Alexanderplatz führt. Aber die Behauptung ist eher: Wir führen euch, Zielgruppe, ein in das, was das Berliner Leben wirklich ausmacht. Nicht mehr nur in Wohnzimmer und private Küchen wie bisher, sondern nun auch in einheimische Lebenswelten.

Keine vorgegaukelte Tradition

Dieses Echtheitsversprechen ist insofern mit Vorsicht zu genießen, als letztlich jedes touristische Angebot, das Authentisches zu zeigen suggeriert, einen Moment des Betrugs enthält: Es gibt für Touristen kein Leben außerhalb des Tourismus.

Wenn man sich die in Berlin angebotenen Experiences aber anschaut, gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Dinge in diesem Fall doch anders liegen könnten. Die Mehrheit der Angebote gaukelt nichts spezifisch oder gar traditionell Berlinerisches vor. Es sind Aktivitäten, die zu lokalen Entdeckungen nur dadurch werden, dass sie von Menschen durchgeführt werden, die in Berlin leben – Menschen, die zum Teil auch mal neu in der Stadt waren.

Man kann sich, angeleitet von Berlinern, einen Coworking-Space anschauen. Man kann Seife herstellen, Wake-up-Yoga with Jenine from New Zealand machen, Hunde richtig führen lernen, einen Song schreiben, Smartphonevideos drehen, seine Street-Fotografie-Technik verfeinern, eigene Graffiti sprühen, Stand-up-Comedy auf Englisch ausprobieren. Man kann in Kreuzberg von einem Gambier lernen, wie man afrikanisch kocht, und im Wedding von einer Österreicherin, wie man Wiener Apfelstrudel zubereitet.

Wenn man doch durch die Stadt laufen will wie so ein Tourist, dann zum Beispiel an Orte, die etwas über die LGBTQ-Geschichte Berlins erzählen. Und falls jemand unbedingt Must-sees sehen muss, dann wenigstens in Joggingklamotten, 11 Kilometer in Lauftempo, vorbei an Top Locations, Gastgeberin Sophie bringt Wasser mit.