Im dürren Paradies Achocalla steht früh am Morgen eine Nonne mit Gießkanne in der Hand zwischen winzigen Bäumchen. Sie forstet auf. Hier auf 3.800 Metern Höhe, im bolivianischen Hochland, ist nichts so knapp wie Wasser und Sauerstoff. Doch überall wachsen jetzt, jeweils geschützt durch einen Kranz Gerste, lauter Baumschösslinge aus der Erde heran. Es sind Tausende. Apfelbäume. Buchen. Ulmen. Europäisches und Einheimisches, was auch immer den extremen Bedingungen der Höhe standhält. Sogar ein Mandelbäumchen steht da, in seinem eigenen Windschutz. Jeder Baum ein Experiment. An den heißen Nachmittagen haben hier, pro Baum je drei Stunden, ungezählte Menschen mit den Nonnen den Boden solange gelockert, entsteint, gewässert, bis die Schösslinge, die in den Gewächshäusern weit genug vorgezogen wurden, schließlich eingepflanzt werden konnten.

Die Zisterzienser-Schwester Johanna könnte von jedem einzelnen dieser Bäumchen erzählen, fast jedes hat eine beachtliche individuelle Biografie. Die Frau mittleren Alters, in derbem Schuhwerk zur grauen Kleiderschürze, mit breitkrempigem Sonnenhut über dem Schleier und randloser Brille, geht von Baum zu Baum und erzählt dem Besuch, in warmem Münchnerdeutsch, von den Widrigkeiten der Bepflanzung, der Bewässerung, des Terrassierens, der Boden- und Wassergewinnung, des Wasserspeicherns. Auch davon, wie ein Betrieb in der Nähe bis auf die Grundfesten abgebrannt ist. Ein Nachbar hatte achtlos den Müll verbrannt, die Funken waren im vertrockneten Gelände übergesprungen. Schwester Johanna Lauterbach, promovierte Philosophin, Feministin, Globalisierungsgärtnerin, ist heute Zisterzienser-Nonne im Kloster in La Paz, in dem sie 2006 nach einem bewegten Frauenleben ihre ewige Profess abgelegt hat. Sie nennt sich selbst eine Wildwest-Nonne.

Sie unterbricht im Erzählen: "Sehen Sie die Kolibris?" Die Vögel scheinen an diesem dunstigen Morgen den Frühling zu ahnen. Sie duschen im Schalenbrunnen. Der Äquator ist nicht weit, die höchste Metropole der Welt, La Paz, liegt nur eine Stunde Busfahrt entfernt. Fast alles scheint hier oben in der Trockenzeit unter der sengenden Sonne nur aus Staub, Schotter, Dürre zu bestehen, und aus gespanntem Warten: darauf, dass es endlich regnet. Der Klimawandel schiebt neuerdings die Regenzeit hinaus. Zuletzt ließ sie bis Januar auf sich warten und brachte kaum Wasser. Das höchste Skigebiet der Welt, der über 6.000 Meter hohe Chacaltaya, wurde vor Jahren schon stillgelegt: Es ist weggeschmolzen.

Wo bleibt der Regen?

In Bolivien sprechen heute viele vom hoffentlich nahenden Regen. Das Land hat unter seinem ersten indigenen Präsidenten Evo Morales der traditionellen Idee des "Buen Vivir" Verfassungsrang gegeben: dem guten Leben im Einklang mit der Natur, mit der Pachamama, Mutter Erde. Ohne Wasser indes ist Buen Vivir eine absurde Idee.

In Achocalla naht jetzt deshalb unüberhörbar Don Felipe. Der Landarbeiter biegt scheppernd mit einem Laster voller Wasser um die Ecke, das er aus einem entfernten Erdgraben geholt hat, und entlädt es in einem Reservetank hinter dem Schalenbrunnen. Für Don Felipe ist das mehr als ein Job: Seine Tochter hat im Tausch gegen den regelmäßigen Wassertransport in der Klosterschule Colegio Ave Maria in La Paz einen Freiplatz in der Schule und im Internat bekommen, um dort Abitur zu machen. Wie auch die drei Kinder von Don Tomas und Dona Felicia, des ältesten Landarbeiterpaars von Achocalla, alle im Colegio Abitur gemacht haben, heute studieren und ihrer Mutter das Schreiben und Lesen beibringen. Der Älteste hat gerade seine zahnmedizinische Abschlussarbeit am Gebiss seiner Mutter ausgeführt, erzählt sie mit einigem Stolz, während sie am Laster Don Felipe begrüßt. Strahlend.

So hängen hier oben im dürren Hochland, auf dem Dach der Welt, die Geschichten zusammen, denn so hat sich eine Handvoll Nonnen den Zusammenhang zwischen Kultur und Natur ausgedacht: Wöchentlich pendeln die Ordensschwestern von La Paz für zwei Tage hierher, um den Hof von Acholla zu bewirtschaften. Ihrem ursprünglich bayerischen und heute binationalen Kloster gehört nicht nur dieser 30-Hektar-Hof in der Andengemeinde. Die Nonnen haben in der Hauptstadt eine der größten Schulen Boliviens für derzeit 3.000 Kinder aller Herkünfte und Hautfarben samt einem Internat entstehen lassen, die vom landwirtschaftlichen Betrieb in Achocalla mit Lebensmitteln versorgt werden.