"Du bewegst dich über weite Strecken ohne Nahrung und Wasser, meistens alleine und unterkühlt". So stand es in der Beschreibung des Survival-Kurses, für den ich mich vor einiger Zeit in einem optimistischen Moment angemeldet hatte, und weiter: "Dieses Programm richtet sich an alle, die ihre mentale Stärke verbessern wollen oder sich auf eine Expedition in Gebiete vorbereiten, wo es kaum oder gar keine Infrastruktur gibt." Klar wollte ich – aber würde ich es auch schaffen?

Ich war früher schon einige Etappen auf dem Kungsleden gewandert und fand meinen Körper eigentlich ziemlich stark und ausdauernd. Aber was mich jetzt erwartete, war eine ganz andere physische und mentale Herausforderung. Hinzu kam, dass ich Angst vor der Dunkelheit und vor wilden Tieren habe. Und ganz nebenbei: Ein Feuer in meinem heimischen Kachelofen anzuzünden, war mir auch noch nie gelungen.

 Trotzdem wollte ich diesen Kurs unbedingt machen. Wenn ich den meistere, dann ist alles möglich, dachte ich. Und nach dreißig Jahren Großstadtleben im Stockholmer Zentrum war mir mehr denn je bewusst, wie sehr mir die Natur fehlte. Ich war bereit, das urbane Dasein hinter mir zu lassen. Dieser Kurs, so hoffte ich, würde mir helfen, den entscheidenden Schritt zu tun. 

Nun befinde ich mich mit den anderen Teilnehmern irgendwo in den tiefen Wäldern Smålands. Zwei Kurstage liegen bereits hinter uns, fünf weitere stehen noch aus. Bis jetzt haben wir eine gediegene Erste-Hilfe-Ausbildung bekommen, unser Orientierungsvermögen ausführlich bei Tag und bei Nacht getestet und das Gepäck von unnötigem Ballast befreit. Und der Survival-Lehrer hat uns gezeigt, wie man ein mustergültiges Notbiwak baut.

Wir bekommen nur äußerst knappe Informationen und die Anweisungen ändern sich auch immer wieder kurzfristig – so testen die Ausbilder unsere mentale Stärke. Mit dem Mangel an Kontrolle komme ich gut klar, schwerer ist es, mit nur wenig Schlaf und Nahrung zurecht zu kommen. Ich kann mich kaum wach halten und nicke bei den Gruppenbesprechungen immer wieder ein. Kopfschmerzen und Hunger haben meinen Körper im Griff. Ich schlafe in der Hocke ein, zucke zusammen und wache wieder auf.

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Herbst 2017 © NORR

So kann es nicht weiter gehen, denke ich, und versuche, mich mit aller Kraft wach zu halten. Doch es gelingt mir nicht. Ich schlafe ein, wache wieder auf und habe tausend Fragen im Kopf. Wann ist die nächste Mahlzeit? Wann dürfen wir schlafen? Was passiert als nächstes?

Die Stimmung der insgesamt zwölf Teilnehmer schwankt. Ein Teilnehmer denkt darüber nach, nach Hause zu fahren. Ein anderer kann nicht aufhören, von leckerem Essen zu reden. Der Wald wirkt dunkel und fremd. Ich kann noch nicht ganz fassen, dass ich in Kürze meine Kurskameraden verlassen und alleine in die Nacht wandern werde.