Als Giovanni zum ersten Mal auf der kleinen Piazza in Badolato stand und über die Olivenhaine blickte, durch die in der Ferne das azurblaue Meer schimmerte, ließ er die Stille auf sich wirken und wusste, dass er hier künftig den Sommer verbringen würde. Der 64-Jährige kam von weit her, aus Mailand, wo er als Taxifahrer gearbeitet hatte, seit er ein junger Mann war: "Ein Leben im Chaos", erzählt er, "laut, hastig und verpestete Luft!" Er war auf der Suche nach einer ruhigen Ferienunterkunft für die Sommermonate, um wieder einmal richtig durchzuatmen. "Ich sehnte mich nach Gemächlichkeit. Und dann stieß ich auf diesen Ort."

Wie aus der Zeit gefallen wirkt Badolato auf seiner 240 Meter hohen Bergkuppe in der Früh. Noch sind die verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen menschenleer, die kleinen Läden geschlossen. Nur die Wanderer sind bereits unterwegs. Erst wenn in der Bar auf der Piazza das allmorgendliche Cappuccino-Zeremoniell beginnt, zieht im Dorf nach und nach Leben ein.       

Lange sah es in Badolato trostlos aus. Zahllose Häuser und Wohnungen standen leer, die Fassaden verwitterten. Von den einst 5.000 Einwohnern waren nur ein paar Dutzend geblieben. Die Emigration aus Kalabrien begann schon wenige Jahrzehnte nach der Einigung Italiens 1861. Damals verhalf die Industrialisierung Norditalien zum Aufschwung. Währenddessen zwangen die Großgrundbesitzer im agrarisch geprägten Süden die Kleinbauern zu enormen Abgaben und verhinderten so eine florierende Landwirtschaft. Schlechte Ernten und Schädlinge in den Weinreben und Olivenbäumen taten ein Übriges. Die letzte große Auswanderungswelle gab es in den 1950ern, als Einheimische auf der Suche nach Arbeit in die USA und nach Nordeuropa gingen. Ganze Landstriche wurden entvölkert.

Häuser ohne Besitzer

Vor einigen Jahren fing die Widerbelebung Badolatos an. Domenico, ein arbeitsloser Geschäftsmann, begann damit, einzelne Häuser zu restaurieren und zu verkaufen. Er recherchierte, kümmerte sich um die erforderlichen Papiere und organisierte die Renovierungsarbeiten. "Manche Hausbesitzer", sagt er, "waren überhaupt nicht mehr ausfindig zu machen." Das Gemeindebüro begann, verfallene Gebäude zum Nulltarif auszuschreiben, vielfach halbe Ruinen ohne Wasser und Strom, für die sich vor allem Ausländer interessierten. "Überwiegend sind es Skandinavier, aber auch Amerikaner, Kanadier und Deutsche. Die Nachfrage wächst." In der Gemeinde leben wieder 180 Menschen, jeden Sommer kommen etwa 1.000 dazu.

In Badolatos Gassen wechseln sich alte und restaurierte Fassaden ab. © Sigrid Mölck-Del Giudice

Inzwischen kehren auch immer mehr Einheimische zurück. Die Renovierungsarbeiten und die Urlauber haben neue Arbeitsplätze geschaffen. "Vielfach sind es die Kinder und Enkelkinder von Emigranten," erklärt Domenico, "die kommen, um nach ihren Wurzeln zu forschen. Sie kaufen Wohnungen und spenden für die Gemeinde."

Couragierte Jungunternehmer eröffnen Läden und Trattorien, die den Sommer über betrieben werden. Luigi kümmert sich um das kleine, urwüchsige Restaurant Catojo dello Spinetto, in dem die Gäste abends bei Kerzenlicht speisen, was vier junge Pariser Chefs kochen. Am liebsten interpretieren sie die cucina povera neu, die traditionelle Arme-Leute-Küche der Region. "Vor Kurzem haben wir für ein schwedisches Brautpaar das Hochzeitsessen ausgerichtet", erzählt Luigi stolz. Auf einem Innenhof ein paar Schritte weiter stößt man auf eine kleine Galerie, in der abstrakte Gemälde hängen, eins heißt "Weltfrieden" und zeigt einen Erdball in warmem, dick aufgetragenen Orangetönen. Die Bilder stammen von dem verstorbenen Maler Nino Ermocida, einem Einheimischen. Ermocidas Witwe verkauft seine Werke aus den sechziger und siebziger Jahren.