Als der nigerianische Schriftsteller Teju Cole vom Literaturhaus Zürich eingeladen wurde, sechs Monate lang in der Schweiz zu arbeiten, habe er nicht lange überlegen müssen, schreibt er in einem Text, der in seiner Essay-Sammlung "Vertraute Dinge, fremde Dinge" erschienen ist. "Die Schweiz: ein Land, zu dem sich schnell bestimmte Assoziationen einstellen. Aber ich ahnte wohl, dass es mit den Kalenderlandschaften, verschwiegenen Bankern und notorisch pünktlichen Zügen nicht getan war, und hier bot sich die Gelegenheit, mir selbst ein Bild zu machen." Er nahm die Einladung an.

Cole beschreibt hier in wenigen Worten den Reiz des Reisens: Wer reist, kann sich selbst ein Bild machen. Und ein Bild ist erheblich besser als eine Schablone. Dem Reisenden ist es möglich, das, was er zu wissen glaubt, hinterher fundierter nicht genau zu wissen.

Sollte das Recht auf Reisen ein Grundrecht sein?, hat sich die Reiseredaktion von ZEIT ONLINE gefragt. Denkt man Coles Überlegungen weiter, lautet die Antwort: ja. 

Ein Grundrecht auf Reisen würde bedeuten, dass Menschen staatlich unterstützt werden, die sich Reisen nicht leisten können. Knapp 77 Prozent der Deutschen verreisen mindestens einmal pro Jahr für mindestens fünf Tage. Deutschland konkurriert Jahr für Jahr mit China um den Titel des Reiseweltmeisters. Wenn wir aber in einer Gesellschaft der Reisenden leben, dann sind die, die aus finanziellen Gründen nicht reisen können, im Vergleich zur Gesamtgesellschaft in ihren Möglichkeiten beschränkt. Ein Grundrecht auf Reisen wäre ein Projekt gegen die relative Armut.

Eine solche Idee hat vor wenigen Jahren einmal die Linkspartei aufgebracht. Aber wie wichtig das Reisen ist, weiß man nicht nur dort. Aus der CSU etwa gab es im Europaparlament Unterstützung für die Idee, allen Jugendlichen aus der EU ein Interrail-Ticket zu schenken, damit sie den Kontinent kennenlernen können.

Jedes Kind kann das Meer sehen

Ein Grundrecht auf Reisen würde nicht nur dazu führen, dass jedes Kind das Meer sehen kann. Gerade heute, in der zersplitterten Gesellschaft der Milieus, in der wir leben, wäre eine Förderung des gegenseitigen Verstehens eine zukunftsweisende demokratische Unternehmung. Reisen kann den Blick weiten. Es geht um die Entkiezung der eigenen Wahrnehmung. Wer reist, weiß, dass die Welt jenseits des eigenen Ortsschilds weitergeht.

Wo ist der Kitt, der uns zusammenhält?, wurde der Soziologe Heinz Bude vor Kurzem in einem Fernsehinterview gefragt. Er wies darauf hin, dass eine große Aufgabe dieser Zeit darin bestehe, "zu begreifen, in was für einer Welt wir eigentlich noch gemeinsam leben" – also die Craftbeer- und die Pilstrinker; die Airbnb-Kunden und die Wohnwagenfahrer; die Modernisierungsskeptiker und -profiteure. "Das ist eine kulturelle Frage, die deshalb so schwerwiegend ist, weil kaum noch Brücken erkennbar sind", so Bude. Es gehe ein Riss durchs Land.

Folglich muss es darum gehen, Brücken zu bauen. Wer die Bedeutung von Brücken betont, behauptet nicht, dass es auf der anderen Seite schöner ist. Sondern er möchte, dass nicht der Riss die Landschaft prägen soll. Die Brücke ist Architektur gegen die Segregation, sie nimmt dem Riss seine Wirkung.

Nehmen wir das Beispiel der Burka-Debatte. Sie ist typisch für die schwarz-weißen Diskussionen dieser Zeit. Was weiß jemand, der die Zone der eigenen kulturellen Deutungen nie verlassen hat, über die Burka? In den vergangenen Jahren in den Blick der gesellschaftspolitischen Debatte geraten, steht sie heute wie kaum etwas anderes für "das Fremde". Innenminister Thomas de Maizière etwa hat vor einigen Monaten – vorgeblich im Versuch, eine deutsche Leitkultur zu definieren – den Satz "Wir sind nicht Burka" geprägt. Da es aber in Deutschland praktisch keine Burkaträgerinnen gibt, bleibt es dem Reisenden vorbehalten, sich selbst ein Bild zu machen, also solche Skizzen vom vermeintlich "ganz Anderen" mit Leben zu füllen.