In der Weihnachtszeit wird, wie jedes Jahr, wieder ein beachtlicher Teil der Deutschen durch die Republik tingeln, um Verwandte, Bekannte und Freunde zu besuchen. In den mit Deadlines, Dunkelheit und Shoppingmarathons ohnehin schon anstrengenden Wochen bedeuten die Reiseverpflichtungen oft noch zusätzlichen Stress. Eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass das Reisen geradezu ideal in die sogenannte besinnliche Zeit passen könnte. Denn eine Reise durch die (äußere) Welt wird häufig auch zu einem Erfahren des eigenen Innersten.

Der exemplarische Ort dieser doppelten Bewegung ist das Reisegefährt, am besten veranschaulicht durch den Zug. Dieser fahrende Transitraum vollbringt aus Sicht der Seele ein geradezu mystisches Kunststück: Ruhe in Bewegung. Vor den Fenstern sieht man die weite Welt an sich vorbeiziehen – genau genommen zieht man selbst an ihr vorbei; doch nimmt man das selten so wahr, denn der Reise-Innenraum bleibt in Ruhe. Geschützt vor Wind und Wetter und mithilfe der Trägheitsgesetze merkt man die Bewegung kaum.

So hat der Zwischenzustand der Zugreise gerade auch die künstlerische Imagination immer wieder inspiriert. Die Einheit von Ort und Zeit erfüllt geradezu idealtypisch die Kriterien der klassischen Tragödie, während aber vor allem auch Krimi und Thriller aus der gleichzeitigen Bewegung als Maßstab der verrinnenden Zeit eine ganz besondere Spannung gewinnen können.

Doch die Ruhe in der Bewegung des Zuges macht ihn nicht nur zu einem perfekten Schauplatz für spannende Plots, sondern auch zu einem idealen Ort des kreativen Arbeitens selbst, vor allem des materiell anspruchslosesten, des Schreibens. Die Bewegungsmystik des Zugfahrens beflügelt den Romancier und die Philosophin beim Erfinden von Geschichten und Erdenken von Thesen.

Eine Reise zu sich selbst

Am meisten aber zehrt das autobiografische, das Schreiben über sich selbst, von der Zugreise, auf der äußerer und innerer Erfahrungsraum am stärksten ineinander greifen. Für diese Art des Schreibens ist hier übrigens weniger das chronologische Aufzählen von Lebensereignissen relevant, sondern eher das explorative Ausloten der Gründe und Grenzen der eigenen Existenz.

Das ist auch dem Philosophen Armen Avanessian aufgefallen. Bekannt geworden ist er vor allem als Vertreter der technophilen kapitalismuskritischen Denkrichtung des Akzelerationismus. Aus dieser Philosophie der Beschleunigung hat er auch eine Art biografische Performance gemacht. Er schreibt und arbeitet demonstrativ unterwegs, in Bewegung, und schließt dabei auch die eigene Person nicht aus seiner Philosophie aus. In seinem Buch Überschrift hat Avanessian den spannenden Gedanken einer "Poetik der Existenz" als Schreiben und Überschreiben, als "Überschrift" des eigenen Selbst entwickelt. Und es ist kein Zufall, dass er die Einleitung zu diesem Buch nicht nur einfach im Zug, auf einer Fahrt von Berlin nach Wien, geschrieben hat, sondern dass diese Einleitung zugleich diese Zugfahrt als eine existenzielle Bewegung des Denkens nachvollzieht.

Avanessian hatte damals gerade beschlossen, der institutionalisierten Regressivität des Universitätsbetriebs beruflich den Rücken zu kehren und stattdessen als freier Autor und Vortragsreisender zu leben. Überschrift ist seine Abrechnung mit dem Universitätssystem und zugleich die Entwicklung einer neuen Vorstellung des Denkens und Arbeitens, eben als einer "Poetik der Existenz". Die Zugfahrt nach Wien, Avanessians Geburtsort, wird dabei zugleich zu einer Reise zu sich selbst wie auch auf das Neue zu.