Wenn Sharon Pippos durch ihren Heimatort spaziert, trägt sie oft ein Dirndl mit weißen Rüschenärmeln und roten Schnüren. Am Handgelenk baumelt eine Gießkanne, die sich als eigenwillige Handtasche entpuppt. Anderswo in Australien würde die ältere Dame sicher als exzentrisch gelten, hier in Hahndorf wirkt sie völlig normal. Das Dirndl ist Pippos Arbeitskleidung, sie zieht es immer dann an, wenn sie eine historische Führung durch die Kleinstadt macht. 

Hahndorf liegt östlich von Adelaide in Südaustralien und hat rund 2.000 Einwohner. Darüber hinaus ist es ein herausragender Ort deutscher Emigrationsgeschichte, nämlich der am weitesten entfernte, an den deutsche Religionsflüchtlinge im 19. Jahrhundert flohen. Zudem ist Hahndorf Australiens einzige noch existierende deutsche Siedlung aus jener Zeit. Und das hat mit Luther, Preußens Religionspolitik und einer gehörigen Portion Starrsinn zu tun.

"Hufendorf", sagt Pippos nun zum wiederholten Mal auf Deutsch. Eines der wenigen Worte, das sie in der Sprache kennt. Die anderen sind "Straßendorf" und "Fachwerk". Bei seiner Gründung im Januar 1839 war Hahndorf ein Hufendorf, eine Ansiedlung, die sich wie ein U um einen zentralen Platz entwickelte. Heute liegen die wichtigsten Gebäude langgezogen entlang der Hauptstraße, die weiter in die Adelaide Hills hinaufführt. Deutsche Brauerei, deutscher Naturkostladen, deutsches Restaurant, eine Miniaturwelt als Erinnerungsschleife.

Vier Monate auf See

Sharon Pippos bleibt auf einem Parkplatz abseits der Straße stehen: "Das war einmal der Friedhof", sagt sie und zeigt auf eine kleine Grünfläche mit einigen Grabsteinen. Einer von ihnen trägt die Inschrift: "Johann Christian Thiele, er war'd geboren am 20ten April 1809 zu Wickern (Preußen) und starb hier selbst im kindlichen Glauben an seinen Erlöser am 3ten Oktober 1861".

Johann Christian Thiele war einer jener Religionsflüchtlinge vom anderen Ende der Welt, die die vier Monate lange und beschwerlichen Reise über die Ozeane antraten. Sein Grabstein ist eine stille Erinnerung an die beinahe vergessene Odyssee einiger unerschütterlicher Preußen, die von ihrem König so viel hielten wie der Teufel vom Weihwasser.

Ostern, 1835. In Klemzig, einem Dorf 200 Kilometer östlich von Berlin, ist Pastor August Ludwig Christian Kavel gerade seines Amtes enthoben worden. Seine Gemeinde von Lutheranern darf nicht mehr im örtlichen Gotteshaus zusammenkommen. Kavel hat sich gegen den königlichen Erlass gestellt, die Lutheraner und Reformierten in einer evangelischen Staatskirche zu vereinen. Vor allem die reformierte Auslegung des Abendmahls als bloßes Gedächtnismahl störte ihn. Zwar waren Brot und Wein für Luther nicht mehr Leib und Blut Christi, doch war der Heiland während des Abendmahls leibhaftig anwesend. Für Kavel steht fest: Keine Kirchenunion mit mir. Und das, obwohl König Friedrich Wilhelm III. mit Enteignung und Gefängnisstrafe droht.

Deutsche Bauern für die neue Welt

1836 macht sich Pastor Kavel auf den Weg nach Hamburg, um für seine Gemeinde eine andere Lösung zu finden: Auswanderung. Russland und Amerika stehen zur Wahl, doch er bekommt keine Reiseerlaubnis für diese Länder. Der 38-jährige Geistliche erfährt in Hamburg jedoch von einer neuen Kolonie am anderen Ende der Welt: South Australia. Er reist nach London, wo er George Fife Angas trifft, einen Geschäftsmann, der gerade die South Australian Company gegründet hat. Angas stellt das Konzept der bisherigen Besiedlung des Kontinents infrage. Statt weiterhin Sträflinge nach Australien zu verbannen, will er Handwerker, Arbeiter und Bauern in die neue Kolonie schicken.

Nach mehreren Rückschlägen arrangieren Angas und Kavel schließlich die Überfahrt. Der Brite erklärt sich sogar bereit, dem inzwischen bettelarmen Protestanten einen Kredit von 8.000 Pfund zu gewähren. Nicht nur aus philanthropischen Gründen, wie der australische Historiker Ian Harmstorf schreibt: "Angas war auch geschäftstüchtig genug, um zu erkennen, dass eine beträchtliche Anzahl deutscher Bauern in der neuen Kolonie den Preis für Nahrungsmittel stabil halten und ein ständig verfügbares Angebot an Landarbeitern bilden würde, um somit die Arbeitskosten zu stabilisieren."

Am 8. Juli 1838 verlässt die Prince George den Hamburger Hafen, auf der Kavel in England zusteigt. Am 20. November erreicht sie ihr Ziel: Port Adelaide. Insgesamt verlassen 596 Menschen Klemzig und Umgebung auf vier Schiffen. 26 von ihnen sterben auf der Überfahrt, die Übrigen siedeln sich rund um Adelaide an. 52 Familien gründen den Ort Hahndorf, der Name ist ein Denkmal für den dänischen Kapitän Dirk Hahn, der einen Teil der Auswanderer auf der Zebra in die neue Welt navigiert hat.