Hellblau, Babyblau, Kornblumenblau, Saphirblau, Königsblau. Azurblau, Electric-Blue, hysterisches Cyan. Und Türkis. Ein brachiales, brutales, aus sich heraus leuchtendes Türkis, von Gischt und Schaumwipfeln gekrönt.

Dann bricht sich das Meer und leckt mit seinen Wellen den weißesten Sandstrand, den ich in meinem Leben gesehen habe. Es ist ein gleißendes Weiß, dazu der wütende Atlantik und dieses unaufhörliche Tosen. Aber die Landschaft ist an Stürme gewohnt. Es gibt keine Bäume, kaum Sträucher, und wenn es sie doch gibt, dann vereinzelt, verschüchtert, aneinander gedrängt, von wuchtigen Winden durchgepeitscht.

Ich bin auf Harris, dieser wilden, wundervollen Insel. Sie ist der südliche Teil der Lewis-and-Harris-Insel und gehört zu den Äußeren Hebriden, jenem Archipel im hohen Norden Europas, so etwas wie der letzte Stützpunkt von Fischern und Schäfern und Croftern, wie hier die Kleinbauern heißen. Danach kommt nur noch die Wasserunendlichkeit, die tobenden Luftmassen und irgendwann Amerika.

Die Flora von Harris beschränkt sich auf das Allernötigste, die Gewalt des Atlantiks reicht schon aus für ein unvergessliches Naturschauspiel, das hier jeden Tag zur Aufführung kommt. Die Vegetation hält sich zurück, weil in der Eiszeit die Hebriden mit Gletschern bedeckt waren und die Insel dadurch kaum eine Humusschicht hat. Wo nicht gleich das nackte Gestein zum Vorschein kommt, ist die karge Landschaft überwiegend von Mooren, Torf oder Heide bedeckt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

So moosig-braun die Farbe der Hebriden ist, so spektakulär verläuft die Küstenlinie: zerklüftete Felsen, die steil aus den Fluten ragen, und irrlichternd helle Strände, die scheinbar der Logik der Geografie widersprechen: Gehört solcher Sand nicht eigentlich in die Karibik, nach Südostasien, nach Hawaii? Aloha-Gefühle kommen auf, wenn Wellenreiter in ihren Neoprenanzügen und mit bunten Boards verspielt wie Hundewelpen auf die Wellen zupaddeln.

Und gleichzeitig wird der karibische Zauber jäh vom rauen Klima gebrochen. Oder von der Schafherde, die auf der schmalen Straße steht und dafür sorgt, dass ich den Motor ausschalten und warten muss, bis sich der Wollhaufen trollt. Oder vom plüschigen, rotbraunen Hochlandrind, das stoisch das spärliche Gras von der Weide rupft. Oder von einem schottischen Schloss, das sich wie aus dem Nichts erhebt. Wie Amhuinnsuidhe Castle, das 1865 für den Earl of Dunmore gebaut wurde.

In der schottischen Aristokratie grassierte damals das "Island-Fever": Jeder wollte ein Schloss oder zumindest einen romantischen Landsitz auf den Hebriden haben. Heute ist Amhuinnsuidhe Castle ein kleines Hotel; die einspurige Inselhauptstraße führt direkt an seiner Eingangstreppe vorbei.