Zeugen aus DDR-Zeit: Das Gewandhaus (links) ist seit 1981 für hervorragende Akustik und ein Ausnahmeorchester bekannt, der 142 Meter hohe "Uniriese" seit 1972 für die beeindruckende Aussicht von der Dachterrasse. © Peter Hirth für MERIAN

Eine Empfehlung: Setzen Sie sich auf den Augustusplatz – nicht in die Mitte, da werden Sie von der Straßenbahn überfahren, besser neben einen der zwei Brunnen. Betrachten Sie aufmerksam die größten Bauten und sagen Sie, woran sie Sie erinnern. Das ist wie Wolkengucken, geerdeter zwar, aber kein bisschen weniger fantastisch.

Recht einfach ist es noch beim Opernhaus aus den sechziger Jahren: die Geburtstagstorte eines formstrengen Konditormeisters, oder? Schwieriger wird’s beim Gewandhaus aus den frühen Achtzigern, dem Riesenbrocken gegenüber. Ein aufgetauchtes Tiefseemonster vielleicht, das mit aufgerissenem Maul den Mendebrunnen vor sich schlucken will. Das würde sogar passen, weil an dem neobarocken Ding lauter märchenhaftes Meeresungetier aus Bronze steckt, das eitel Wasser vor sich hinspuckt.

Gänzlich hilflos aber blickt man auf die neu errichteten Universitätsgebäude mit der angedeuteten Fassade der zerstörten Paulinerkirche mittendrin. Was soll das nur sein?

Es ist ein Kompromiss. Etwas, das niemand schön und wirklich gut findet, die exakte Mitte zwischen expressiv-moderner Plastik und spießigem Schrankwandaccessoire. Was kein Wunder ist, denn um keinen Bau an diesem Platz gab und gibt es so erbitterte Debatten, keiner entstand demokratischer, wenn man so will. Planung und Bau zogen sich ewig hin, was vor allem an der Frage lag, ob dort, wo einst die Kirche stand, wieder eine Kirche sein sollte oder eine Aula der Universität. Dass der ganze Komplex zur Universität gehört, war schon immer klar, aber es ging eben auch um eine Art Wiedergutmachung der gottlosen Jahrzehnte nach dem Krieg, in denen der Augustusplatz Karl-Marx-Platz hieß.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2015 © MERIAN

Wenn auch die DDR die größten Spuren auf dem Platz hinterlassen hat, wäre es ganz falsch zu sagen, allein die DDR sei schuld daran, dass von seiner einstigen Schönheit kaum mehr etwas zu sehen ist. Die alte Paulinerkirche ließen die Kommunisten 1968 sprengen, der Rest aber, das Bildermuseum, Theater, Universitätsgebäude, Post – all das fiel dem Krieg zum Opfer.

Der Augustusplatz ist ein ausgesprochen deutscher Platz. Große Nazi-Aufmärsche gab es hier, in der Pogromnacht 1938 brannte das Kaufhaus Bamberger & Hertz, weil es Juden gehörte. Beobachten ließ sich die Hatz vom Café Felsche gleich gegenüber. Das hatte lange Café français geheißen, was zwar fein und teuer klang, aber seit 1914 nicht mehr deutsch genug. Heute befindet sich an selber Stelle ein Neubau mit einem deutschen Restaurant, das sich italienisch gibt. Der Leipziger geht mit der Zeit.