Es gibt Reiseziele, die das Leben verändern. Indien wird in diesem Zusammenhang oft genannt. Wegen seiner Kontraste, seiner Schönheit, seiner Spiritualität. Oder Florenz, wegen der erschütternden Vielfalt kultureller Reize. New York, wegen der Energie, und weil man es, wenn man es da schafft, überall schafft (siehe Frank Sinatra). Eher selten fällt in diesem Zusammenhang der Name Braunschweig. Was ein Fehler ist. Denn Braunschweig zwingt einen, sich selbst infrage zu stellen. Braunschweig krempelt einen um.

Zum Beispiel, wenn man auf der Aussichtsplattform des Braunschweiger Schlosses steht oder besser gesagt: auf dem 2007 wieder aufgebauten Schloss. Dahinter befindet sich ein großes Einkaufszentrum namens "Schloss-Arkaden". Man guckt Richtung Osten erst mal auf die Parkdecks 3 und 4, aber wenn man den Blick darüber hinweggleiten lässt, ist da die sanfte grüne Hügellandschaft des Prinzenparks, sind da die verheißungsvoll glänzenden Kuppeln des Herzog Anton Ulrich-Museums, das Staatstheater, ein architektonisch reich verzierter Wasserturm im Gründerzeitstil, in dessen kleinen Fenstern sich knallrot die Abendsonne spiegelt, und weiter Richtung Süden hinter der Wolters-Brauerei ein nach oben geschwungenes Harz-Panorama mit Brocken-Krönung.

Direkt über einem steht Braunschweigs Schutzgöttin Brunonia auf ihrem Streitwagen mit vier Pferden. Braunschweig hat einige Rekorde, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt, bis man nach Braunschweig kam. Das erste Fußballspiel auf deutschem Boden, die genaueste optische Einzelionen-Uhr der Welt, das älteste erhaltene Doppelgrabmal eines Ehepaares auf deutschem Boden, den größten kirchlichen Friedhof Deutschlands. Und dies hier ist die größte Quadriga mit nur einer Lenkerinfigur Europas. Das heißt, man steht unter medizinballgroßen Pferdehoden, blickt auf Braunschweig und fragt sich: Könnte ich hier leben?

Wenn man selbst aus einer Stadt kommt, ist jede Städtereise wie das innerliche Anprobieren eines anderen Lebens. Man irrt durch London oder Rom, nennt es flanieren und fragt sich: Wäre hier Platz für mich? Wäre ich ein anderer Mensch in der Gelehrsamkeit von Boston oder auf den Ramblas von Barcelona? Ich halte mich für einen Großstadtmenschen, aber, dies vorweg, seitdem ich in Braunschweig war, frage ich mich, ob wir alle, die wir uns für ein oft überteuertes, oft beengtes, oft stressiges Leben in einer Millionenstadt entschieden haben, uns nicht was einreden, wenn wir sagen: Ich bin halt ein Großstadtmensch.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2016 © MERIAN

Braunschweig fragt auf ganz geschickte, beiläufige Weise: Spinnt ihr eigentlich, ihr so genannten Großstadtmenschen? Obwohl, Braunschweig fragt anders. Braunschweig gilt zwar als abweisend, und die Braunschweiger stehen im Ruf, übellaunig zu sein. Aber das stimmt gar nicht. Stell dich mit einem Stadtplan aus Papier an eine Ecke in Braunschweig, und du wirst merken, wie nett die Braunschweiger sind. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie, um dir den Weg in ihre Stadt zu weisen. Darum stellt Braunschweig auch existenzielle Fragen netter. Geschickter. Braunschweig fragt: Was brauchst du eigentlich?

Die Oker wispert diese Frage, wenn sie gelassen am Südsee vorbeifließt, wenn man dort im herrlichen kleinen Lokal vom Segler-Verein Braunschweig e.V. auf der Terrasse sitzt; die Bäume rauschen sie im Park am Schloss Richmond, vor etwa 250 Jahren gebaut für eine heimwehkranke englische Prinzessin; und vor allem hört man sie spät am Abend die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster im Magniviertel wispern, wenn man einen Mumme-Braten im Bauch und den nächsten warmen Lichtkegel mit Bierreklame vor Augen hat. Was brauchst du eigentlich?