Es ist Lesezeit in Sausenheim, ich laufe durch das kleine Winzerdorf, biege von der Hauptstraße ab in die Bärenbrunnenstraße. Auf einem gepflasterten Hof parkt ein Traktor, rote Trauben türmen sich auf dem Anhänger. Aus der großen Halle dringen Stimmen. Gegenüber steht ein wuchtiger Klotz, strahlt in Kupferrot. Keine zünftige Weinstube, sondern ein Stück State-of-the-Art-Architektur.

"Unsere Probierstube soll wirken, als wäre sie vom Himmel gefallen", sagt Karoline Gaul. Wir sitzen jetzt am großen Holztisch, der Blick geht durch das Panoramafenster auf die Rebstöcke mit Spätburgunder- und Dornfeldertrauben. Dorothee, Karolines Schwester, schenkt einen fruchtigen Grauburgunder ins Glas. Die Weine der Schwestern gelten als mindestens genauso modern wie ihre neue Vinothek. Wenn die Kritiker von diesen Weinen schwärmen, verwenden sie Begriffe wie mineralisch, klar oder schlank. Die deftig-üppige Schinken-Käse-Quiche, die Mutter Rosemarie auftischt, passt perfekt dazu. In starkem Kontrast zum strengen Quader steht die Ferienwohnung im Weingut Gaul: Antike Möbel, Parkettfußboden und ein gemütliches Holzbett empfangen mich im Haupthaus.

Sie hat viele Facetten, die Deutsche Weinstraße. Tradition und frischer Wind schließen sich hier nicht aus. Das werde ich in den folgenden Tagen lernen. Ich bin hergekommen, weil ich verstehen will, warum diese Landschaft so viele fasziniert, weil ich wissen will, warum meine Bekannten immer so ins Schwärmen geraten, wenn sie mir von Pfälzer Weinen, von Saumagen und Leberknödeln, von Abenden in kleinen Winzerstuben oder auf einem der unzähligen Weinfeste erzählen. Nimm dir Zeit, lass dich treiben, haben sie mir geraten. Darum habe ich beschlossen, nicht mit dem Auto, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen. Davon verspreche ich mir Entschleunigung. Und die Möglichkeit, auf meiner Tour das eine oder andere Glas Wein mehr zu probieren.

Am Morgen geht es nach Forst. Mit dem Bus, mit der Bahn, dann wieder mit dem Bus. Eine halbe Weltreise für nicht einmal 15 Kilometer Luftlinie. Ich mache es mir bequem, zwei Sitze hinter dem Fahrer, schaue aus dem Fenster – und staune. Über die Farbenpracht der Weinberge, über die Landschaft in Van-Gogh-Farben. Ich blicke auf sanfte Hügel, auf die Muster, die die Rebenreihen in den Feldern bilden, auf Wolken, die aussehen wie gemalt. Und verstehe, warum man hier im Herbst herkommen soll.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2017 © MERIAN

Forst wirkt wie aus der Zeit gefallen. Alte Winzerhäuser, Sandsteinmauern, Kopfsteinpflaster. Für seine Weinlagen mit wohlklingenden Namen ist Forst berühmt, etwa das Kirchenstück, eine gerade einmal etwas mehr als dreieinhalb Hektar große Parzelle, in der ausschließlich Rieslingtrauben wachsen. Sie gilt als die beste Lage der Pfalz.

Noch bekannter aber ist die Lage Forster Ungeheuer – benannt nicht nach einem Monstrum, sondern nach einem gleichnamigen Stadtschreiber, der im 17. Jahrhundert hier in der Gegend lebte. Otto von Bismarck liebte diese exklusiven Weine. "Dieses Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer", schwärmte der Reichskanzler. Ich gehe durch den Ort, schaue in die Höfe, die sich hinter hohen Mauern verbergen, beim Weingut Spindler kehre ich ein.

Auch hier hat ein junger Winzer das Ruder übernommen. Schritt für Schritt hat Markus Spindler den elterlichen Betrieb auf Ökoweinbau umgestellt – und beeindruckt die Kritiker mit seinen Rieslingen. Ich lasse mir eine kleine Auswahl zusammenstellen, verstaue die Flaschen im Rucksack, dann zieht es mich auch schon weiter – nach Mußbach, zum "Fest beim Neuen Wein".

Alles einfach, alles gut

Seit mehr als 40 Jahren wird dieses Fest schon gefeiert, die Veranstalter von der Winzergenossenschaft Weinbiet nennen es "das längste Weinfest der Welt". Ende August geht es los, erst Anfang November ist Schluss, je nach Wetterlage. Bis zu 2.000 Besucher kommen dann pro Tag hierher, um Federweißen zu trinken. Süß und fruchtig schmeckt der trübe, junge Wein, der aus dem "Dubbeglas" getrunken wird; die "Tupfen" im Halbliterglas sollen dafür sorgen, dass es fest in der Hand liegt. Bierbänke sind über den ganzen Hof verteilt, sie sind gut besetzt, auch mitten in der Woche.

"Mittwochnachmittags haben die Ärzte zu, dann ist hier Seniorentag", sagt der Mann im Karohemd, der mir von gegenüber zuprostet. Einmal pro Woche ist er mindestens hier, erzählt er. Weil er das Lockere und Ungezwungene liebe. An einem Stand gibt es "Woiknorze", unglaublich leckere, knotige Roggenbrötchen mit Kümmel, dazu Leberwurst oder Käse. Manche Besucher bringen ihr Essen selbst mit. Das wird nicht bloß toleriert, sondern ist gern gesehen.

Die Nacht verbringe ich in Neustadt-Hambach, in der Ferienwohnung von Anja Fecht, einer Frau, für die der Begriff "herzensgut" geradezu erfunden sein könnte. Sie versorgt mich mit Kaffee, frischer Milch und selbstgemachter Marmelade – aus Feigen, die in ihrem Hof wachsen. Als sie hört, dass ich mir die Neustadter Innenstadt und das Hambacher Schloss ansehen will, bringt sie auch noch das Mountainbike ihres Mannes. "Damit macht es mehr Spaß."

Neustadt ist ein Flickenteppich aus Fachwerkhäusern, Gründerzeitvillen und Nachkriegsbauten. Und der Ort, an dem beim Deutschen Weinlesefest die Deutsche Weinkönigin gewählt wird. Am Marktplatz sitzen die Menschen in der Sonne, trinken Espresso und Latte Macchiato, als hätten sie alle Zeit der Welt. Die gotische Stiftskirche, erbaut aus roten Sandsteinquadern, überragt den Platz.

Ich frage nach dem Weg zur "Herberge", der ältesten Weinstube der Stadt. Seit 1793 wird das Gasthaus bewirtschaftet. Man sitzt an langen Tafeln und kommt mit den Tischnachbarn schnell ins Gespräch – Pfälzer Geselligkeit, das habe ich in den vergangenen Tagen erfahren, färbt auch auf Nichtpfälzer ab.

Genauso wie die Lust am Genuss. Gäbe es eine Meisterschaft in dieser Disziplin, die Pfälzer wären die Champions – was sicher auch an ihren herrlich urigen Gaststuben liegt. Kaum bestellt, bekomme ich einen Salat mit geräucherter Forelle und ein Glas Weißburgunder gebracht. Alles einfach, alles gut. Und wenn die Gäste aufbrechen, ruft ihnen die Wirtin "Bis morgen" hinterher.

Zum Hambacher Schloss führt ein steiler, schmaler, verwurzelter Pfad. Hier sind Deutschlands Liberale im Mai 1832 zusammengekommen, um für Meinungs- und Pressefreiheit, für ein freies, geeintes Deutschland zu streiten. Eine gut gemachte Ausstellung erzählt davon, bis zu 170.000 Besucher kommen pro Jahr. Ruhig wird es erst, wenn die Reisebusse abgefahren sind. Der Blick von der Terrasse geht dann in die weite Rheinebene, die Abendsonne wärmt das Gesicht. Eine Gruppe hat es sich auf der Schlossmauer gemütlich gemacht. Sie haben Picknickkörbe dabei, reichen die Weinflasche herum. Profis im Genießen eben.

"Das ist unsere Heimat"

Weiter mit dem Bus, weiter auf der Weinstraße, das gelbe Schild mit den stilisierten Weintrauben weist den Weg. In den Dörfern wird es eng für das Gefährt, ein Sportwagen kreuzt, ein Traktor steht im Weg. Macht nichts, dann dauert es halt ein bisschen länger.

Mein nächster Halt ist Rhodt unter Rietburg – ein Weindorf wie aus dem Bilderbuch. Schmucke Winzerhöfe reihen sich aneinander, ausladende Kastanienbäume wachsen in den Himmel, der Geruch eines Holzfeuers liegt über dem Ort. Eine schmale, türkisfarbene Tür führt in ein Café, alle Tische sind belegt. Dass es hier unglaublich leckere Kuchen gibt, hat sich herumgesprochen. Am besten geht die "Scharfe Lola", eine Schokoladentorte mit Chili, benannt nach Lola Montez, die ein Verhältnis mit dem bayerischen König Ludwig I. hatte.

Eben dieser Ludwig ließ sich oberhalb des Orts im 19. Jahrhundert eine Sommerresidenz bauen, die klassizistische Villa Ludwigshöhe. Die hübsche Straße, die bergan führt, heißt Theresienstraße – nach Ludwigs Ehefrau. Im Hinterhaus des Cafés Ludwig 1 haben Karin und Steffen Breuner ein Boutique-Hotel eröffnet und es "Zweite Heimat" getauft. Mein Appartement heißt "Pfälzer Wald". Eine riesige Fototapete zeigt die hügeligen Wälder, eine Sofalandschaft mit tannengrünen Bezügen wurde passgenau in die Fensternischen eingebaut. Die Breuners haben alles selbst angefertigt, mit mehr Detailliebe kann man eine Ferienwohnung kaum einrichten. Solch eine Unterkunft hätte ich eher in Berlin-Mitte oder in New York erwartet.

Karin Breuner arbeitete lange als Grafikerin in Werbeagenturen, bevor sie sich mit dem Café und dem Gästehaus in Rhodt selbstständig machte. "Es war uns wichtig, dass alles so wird, wie wir uns das vorgestellt haben", sagt sie. Genauso wichtig war es ihnen aber auch, dass ihr Hotel genau hier entsteht. "Das ist unsere Heimat, hier möchten wir etwas bewegen",sagt Breuner.

Neues ausprobieren, das ist auch die Aufgabe der Wissenschaftler auf dem Geilweilerhof, etwas außerhalb von Siebeldingen. Dort, im Institut für Rebenzüchtung, entstehen neue Weinsorten mit Rebpflanzen, die unempfindlicher gegen Schädlinge oder Pilzbefall sind. Hinter bodentiefen Fenstern sieht man die Pflanzen unter den Wärmelampen, ein Lehrpfad erklärt die Arbeit der Forscher. Die Weine, die hier entstehen, kann man auch kaufen. Solange die Rebsorten noch nicht zugelassen sind, tragen sie bloß Kürzel als Namen. Ich wähle eine Flasche "Gf.Ga-52-42", der Literwein kostet keine drei Euro. "Schmeckt wie ein Riesling", verspricht mir die Frau hinter der Theke.

Geschwungener und weicher werden die Weinberge. Bald schon nähert sich Schweigen-Rechtenbach, am Deutschen Weintor stoppt der Bus. 1936 wurde das wuchtige Stück Architektur in nur acht Wochen erbaut, das Hakenkreuz, das es zierte, hat man nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Mauerwerk geschlagen.


Ich gehe in die Hauptstraße, zum Weingut Jülg. Man hatte es mir unterwegs – wie so vieles – empfohlen. Der Dielenboden knarrt, als ich die Wirtschaft betrete, im Kachelofen prasselt das Feuer. Alle Tische sind belegt, eine ältere Frau winkt mich an ihren Platz. "Setzen Sie sich zu mir", sagt sie – und erzählt, dass ihre Freundinnen gerade noch das Weintor besichtigen, dass es sie aber immer nur hierher ziehe, zu den Jülgs. Ich frage sie, was ich zum Essen bestellen soll, und sie schiebt mir ihren Teller mit den Bratkartoffeln herüber. "Probieren Sie", sagt die Frau. "Und dazu passt ein Crémant."