Howie Nicholsby saugt die Luft ein, die nach frischem Bergwasser schmeckt, hält inne und blinzelt hinauf in den marmorierten Himmel. Dann schließt er die Tür, durch die Stimmen und Gelächter aus seinem Stamm-Pub Thistle Street Bar zu uns auf die Hintertreppe quellen. "Hörst Du das?" Um uns ist feinste Großstadt-Stille. Edinburgh, die Lebenswerte, Howie besingt sie nun schon eine ganze Weile, und die Biere in unseren Händen, es sind die dritten, tun ihr übriges.

Eigentlich wollte ich mir nur Howies Ladenatelier "21st Century Kilts" in der Thistle Street anschauen. Er ist Kilt-Schneider in vierter Generation, sein Vater Geoffrey betreibt seit Jahrzehnten den Laden "Geoffrey Tailor" auf der Royal Mile. Dann kam Howie, ein baumlanger Mann mit rasiertem Kopf und einer Naturgewalt von Lachen, ins Erzählen. Von dem Stück, das 
ihn auf seinen eigenen Weg gebracht hat, und gerahmt und hinter Glas an der Wand seines Ladens hängt: ein silberner Kilt aus PVC.

Howie hat ihn gemacht, als er 18 war. Die Geschichte geht weiter über eine Fahrt mit einem Bus voller Entwürfe nach London, zu einem Shooting mit dem berühmten Fotografen Mario Testino, dann zu dem nicht minder berühmten Schauspieler Vin Diesel. "Der ist ein cooler Typ", meint Howie, und auf den zig Fotos, die er zeigt, trägt Diesel einen schwarzen Leder-Kilt von ihm. Er erzählte von seiner Idee, Kilts aus der Tradition und den Clan-Strukturen zu befreien, von seinen Auftritten auf New Yorker Laufstegen. Jetzt ist der Laden zu, wir sitzen im Pub gegenüber, bald sind drei Stunden rum, mit jeder Stunde haben sich die Geschichten weiter verselbstständigt. Und Howie holt noch mal eine Runde.

Wie viel Zeit habe ich in dieser Stadt schon irgendwo hängen lassen? Wie oft konnte ich mich nicht lösen aus Situationen wie dieser, eingelullt von Geschichten, die in Pubs schneller gedeihen als die Schaumkronen auf dem Bier? Allein in der Kulisse dieser Stadt steckt enorm viel Drama. Wie oft stand ich still an der Princes Street, sah zu, wie die Sonne sich durch die Wolken kämpfte und dann mit Glück einmal über den grünen Hang des Castle Rock schwenkte - und kam dann wieder zu spät zur Vorlesung.

Ein Jahr lang habe ich in Edinburgh studiert, kurz vor der Jahrtausendwende war das. Mein WG-Zimmer hatte ich in Stockbridge, einem ehemaligen Dorf, von Howies Laden nur fünf Minuten zu Fuß. Ich habe mich wieder dort einquartiert, jetzt in einem kleinen Hotel, und nun laufe ich wieder jeden Morgen den vertrauten Weg: immer bergauf, durch die New Town über die Princes Street, hinauf in die Old Town, einmal mitten durch lückenloses Unesco-Welterbe.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

Die Old Town ist ein Zug aus mehrgeschossigen Häusern, ineinander und in den Burgberg verkeilt seit dem Mittelalter. Bis zu 35.000 Menschen sollen dort auf engstem Raum gehaust haben – bis Ende des 18. Jahrhunderts die New Town entstand, mit symmetrischen Straßenzügen und weiten Plätzen. Dieses komplette Zentrum ist nie groß zerstört worden, es ist keine Replik, es ist ein bleibender Schatz. Glasgow hat sich in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden, ist kaum wiederzuerkennen – Edinburgh kann sich nicht neu erfinden, zumindest nicht optisch. Diese Stadt braucht Menschen wie Howie, für die ein historisches Erbe keine Bürde ist, sondern Inspiration.

Als ich vor zwei Tagen vom Flughafen kommend in die Princes Street eingebogen bin, neugierig darauf, wie die Stadt sich entwickelt hat, sah alles aus wie eh und je. Und nicht nur der Anbllick war mir sofort vertraut, sondern auch die vielen Geschichten, die hier jeden Weg pflastern. Edinburgh wurde 2004 von der Unesco auch zur ersten "City of Literature" gekürt.

Schon der Bahnhof heißt nach einem Roman von Sir Walter Scott: "Waverley". Dann ist da zum Beispiel der Pub Deacon Brodie’s in der Old Town – benannt nach einem Mann, der als Tischler arbeitete und im Stadtrat saß und des Nachts wohlhabende Familien ausraubte. 1788 wurde er an einem Galgen gehängt, den er selbst entworfen haben soll, fast hundert Jahre, bevor er den Edinburgher Schriftsteller Robert Louis Stevenson zur Romanfigur "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" inspirierte.