Als der Eremit anfängt zu sprechen, beschleicht mich zum ersten Mal die Ahnung, dass dies der richtige Ort sein könnte, um wahnsinnig zu werden. Er erklärt mir zwei Dinge: erstens das den Gästen verbotene Gebiet – der Rosengarten zwischen den Mönchszellen samt West- und Südseite der Kirche plus Refektorium. Und zweitens den Kapselespressovollautomaten.


Bruder Ermanno spricht – und das ist das eigentlich Beunruhigende – derart leise und konturlos, dass ich mich zunächst nervös umschaue, wer denn da noch ist, den man durch normales Sprechen stören könnte, bis ich merke: Das ist Prinzip. Im Eremo di San Giorgio, einer Einsiedelei der Kamaldulenser auf einem Berg über Bardolino, gewinnt man sogar der Stimme noch ein bisschen Stille ab. Das fühlt sich merkwürdig an, verschwörerisch, aufgeladen – und ein wenig irre.


Als ich Bruder Ermanno, selbst nach einer angemessenen Lautstärke suchend, mit brüchiger Stimme frage, was ich jetzt alles aus dem Auto auspacken soll, fasst er mir an die Schulter, fixiert mich und antwortet mit viel Platz zwischen den Worten: "Das, was du brauchst." 

Kein Auto, keine Bar, kein WLAN (tatsächlich wird nicht mal eines angezeigt). Dafür acht murmelnde Eremiten, zwei Novizen, 3.500 Olivenbäume, ein Gästehaus, viel Stille und Kirchenglocken, die um 5.30 Uhr zum ersten Gottesdienst rufen. Ist es das, was ich brauche?

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016 © MERIAN

"Gäste, die das erste Mal hier sind", warnt mich Bruder Lorenzo, "haben nach ein paar Tagen oft ein Gefühl der Leere." Er sitzt an seinem Schreibtisch. Es läuft klassische Musik, der Raum riecht nach einer leichten Mischung aus Zitrone und Pinienzapfen. Lorenzo nickt in Richtung Bibliothek: die alten Regale aus Zypressenholz, ein natürlicher Mottenschutz. "Hier genügt wenig", sagt er. Von den Gästen des Klosters erwarte er zwei Dinge. "Eine minimale Sehnsucht nach Spiritualität und", fügt er mit einer Handbewegung gen See hinzu, "dass sie für die Dauer ihres Aufenthalts ihr Auto vergessen. Der Rest ergibt sich." 

Der Rest, das ist hier vor allem: jede Menge Zeit. Zwischen den vier gemeinsamen Gebeten, die den Tagen ihren Rhythmus geben, den Mahlzeiten und der Meditation zum aktuellen Evangeliumstext, der Lectio divina. Das Eremo ist ein Ort, an dem jeder vor allem einem ausgesetzt ist: sich selbst.

Bruder Lorenzo wusste schon früh, was er wollte. Das erste Buch, das er sich von eigenem Geld kaufte, im Alter von 15 Jahren, war die ausführlich kommentierte "Jerusalemer Bibel" – obwohl es die damals nur auf Französisch gab. Er erzählt von der Selfmade-Spiritualität vieler Gäste heutzutage: ein wenig New Age, ein bisschen Dalai-Lama, dazu Meditation oder Yoga, fertig. Das sei nicht immer einfach. Da gibt es die Gruppe der Ex-Drogenabhängigen, die zum Mittagessen kommt, oder das junge Diakon-Paar aus Rimini, das bald heiraten und vorher "noch mal Kraft und Klarheit suchen" will, ein forensischer Psychiater aus Holland ("Batterien aufladen") ebenso wie eine enge Mitarbeiterin von Angela Merkel, die einmal im Jahr für ein paar Tage kommt. Das, was Bruder Lorenzo "die Realität da draußen" nennt, soll hier keine Rolle spielen.