Schlichte Eleganz: Der Ponte alla Carraia führt über den Arno. © Isabela Pacini für MERIAN

Florenz ist immer eine Zeitreise wert. Zwar landet der Besucher auf einem modernen Flughafen, doch eigentlich bricht er ins 15. Jahrhundert auf. In anderen europäischen Altstädten manifestiert sich Geschichte in Gebäuden und Denkmälern, in Florenz ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Die vielen Besucher strömen ihr zu wie einer Verheißung. Der Schutzheilige der Stadt ist Johannes der Täufer, der heilige Geist der Stadt hingegen heißt Renaissance, die hier Hand in Hand mit dem Humanismus ein Werk errichtete, von dem die Menschheit weiterhin zehrt und die Stadt bis heute profitiert. Jede bedeutende Metropole bildet sich ein, das Zentrum des Universums zu sein; Florenz war es einmal tatsächlich.

Noch bevor man Näheres über Florenz weiß, hat man schon von Florenz vernommen. Von berühmten Florentinern. Amerigo Vespucci hat Amerika und Galileo Galilei die Rundung der Erde entdeckt. Giotto hat die naturalistische Malerei, Boccaccio die euro­päische Prosa, Dante die italienische Kunstsprache, Machiavelli die moderne Politologie, Brunelleschi die reine geometrische Form erschaffen. Die erste Oper der Geschichte wurde am 6. Oktober 1600 im Palazzo Pitti aufgeführt. Wären Städte Menschen, müssten andere Metropolen unter Minderwertigkeitskomplexen leiden.

Also spaziert man durch die Stadt, bewundert ihre Schönheitsflecken und fragt sich warum. Wieso gerade hier und nicht in Rom oder Paris oder Madrid? Vielleicht weil Florenz eine unabhängige Stadt war, eine freie Stadtrepublik. Während der Renaissance wurde die Antike zum Maßstab, nicht nur für die Proportionen des menschlichen Körpers, sondern auch als demokratisches Vorbild. Zuerst erkämpften sich die Bürger eigene Rechte, später die Handwerker und die Händler. Für kurze Zeit waren sogar die Arbeiter an der Macht beteiligt. Doch die Demokratie wurde ausgehöhlt. Bis sie schließlich von der allmächtigen Fami­lie der Medici abgeschafft und durch eine fürstliche Oligarchie ersetzt wurde. Und weil die Geschichte in Florenz so sichtbar ist, kann man sie gut zu Rate zie­hen. Wer dieser Tage durch die engen Gassen und langen Korridore spaziert, wird manch einen aktuellen Bezug herstellen.

Florenz weiß von seiner Bedeutung und setzt sich effektvoll in Szene. Manchmal übertreibt es die Selbstinszenierung. Michelangelos berühmter David, Sinnbild des Menschen in seiner humanistischen Glorie, der dem Altertum muskulös über die Schulter schaut, steht nicht nur im Original in der Galleria dell’Accademia, sondern als Nachbildung sowohl vor dem Palazzo Vecchio als auch auf dem Piazzale Michelangelo.

Die eine Kopie am Hauptplatz, die andere am populärsten Aussichtspunkt. Von oben ist der Ausblick überwältigend, nicht nur Richtung Stadt. Man kann gut erkennen, wie sich ab dem 16. Jahrhundert ein zweites, wohlhabendes Florenz über die Hügel ausbreitete, mit zypressenumsäumten Landhäusern in Ockertönen. Man kann sehen, wie die Natur rundum verstädtert wurde, und fast fühlen, wie sehr Florenz von seiner Umgebung geprägt wird, von diesen welli­gen Hügelketten, die im Frühjahr den Duft von Lilien und Rosen in die Stadt tragen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2017 © MERIAN

Doch der pittoreske Blick von oben täuscht. Florenz hat einen strengen Charakter, sein Temperament ist Besinnlichkeit. Es ist alles andere als eine Vergnügungsstadt. Die Paläste wirken von außen wie Trutz­burgen, das Privatleben ist verborgen. Hinter dicken Mauern und vergitterten Fenstern öffnen sich Innenhöfe, die in ein uneinnehmbares Innere führen. Es herrscht ein sachliches, eher unromantisches Lebens­gefühl. "Florenz ist eine männliche Stadt", schreibt die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy, die ein wunderbares Porträt der Stadt verfasst hat. Tat­sächlich kommen abgesehen von der Madonna kaum weibliche Heilige in der lokalen Ikonographie vor. Und im Dom­-Museum verkörpert Donatellos Figur der Magdalena als Wanderin durch die Wüste des Lebens pures Leid. David war das Ideal, diese verzweifelte Büßerin die Realität.

In den Kämpfen um die Herrschaft über die Stadt wurden viele seiner Genies zerrieben. Dante, dessen Statue neben der Kirche Santa Croce grimmig auf die Piazza blickt, wurde zum Tod verurteilt. Er musste ins Exil gehen. Später forderte er Heinrich VII. auf, Florenz vom Erdboden zu tilgen. Machiavelli wurde gefoltert und vertrieben, Savonarola wurde verbrannt. Michelangelo war Mitte fünfzig, als die Medici wieder einmal anrückten, die Stadt zu erobern. Als Pioniergeneral verteidigte er erfolglos die Republik. Er wäre ermordet worden, hätte er sich nicht versteckt, bevor er für immer nach Rom floh.