Wer einen ruhigen Platz sucht, ist hier falsch. Gerade saß man noch allein, da rückt schon eine Gruppe Geschäftsleute mit an den runden Holztisch. Stühle bleiben in dem kleinen Ecklokal nicht lange frei, erst recht nicht zur Mittagszeit. Durch bodentiefe Fenster sieht man, wie draußen alle paar Minuten die Straßenbahn vorbeirattert, Passanten über den Gehweg eilen. Doch drinnen, wo der Blick auf eine Fototapete fällt, die eine Urlaubslandschaft irgendwo im Süden zeigt, wirkt niemand gehetzt, während er auf sein Essen wartet. Die meisten bestellen hier ein Pastrami-Sandwich, jenen jüdisch-amerikanischen Klassiker, der in New York berühmt wurde. Dort mag es Pastrami, die gepökelten und geräucherten dünnen Ochsenbrustscheiben, an jeder Straßenecke geben. In Frankfurt geht man dafür ins Maxie Eisen im Bahnhofsviertel.

Vom Hauptbahnhof sind es höchstens zehn Minuten bis zu der angesagten Location in der Münchener Straße. Der Weg führt durch ein illustres Milieu: vorbei an der Salsa-Disco Latin Palace Changó, der von 6 Uhr morgens bis 4 Uhr früh geöffneten Gaststätte Moseleck und dem Alim Market, einem türkischen Supermarkt. An der Ecke Weserstraße liegt schließlich das Maxie Eisen. Der Name, einem jüdischen Mafioso entliehen, prangt nicht groß an den Fenstern oder überm Eingang. Lediglich neben der Tür ist ein so kleines Schild angebracht, dass man es im Vorbeigehen fast sicher übersieht.

Doch das Pastrami-Lokal braucht keine große Werbung mehr. Nur wenige Wochen nach der Eröffnung stand es Anfang 2014 schon in der renommierten New York Times. Die Zeitung hatte wie jedes Jahr weltweit 52 places to go gesucht und Frankfurt als einzig deutsche Stadt in die Rangliste aufgenommen, auf Platz 12. Da stand die Bankenstadt gerade wegen des Bahnhofsviertels. Denn das, schwärmte das Blatt, habe eine sexiness that isn’t unseemly, sei also sexy, ohne unschicklich zu sein – und habe coole Orte wie das Maxie Eisen. Für das Revier, das sich zwischen Bahnhof und Innenstadt, den Main und das vornehme Westend drückt, war das der Ritterschlag zum neuen Hotspot der Stadt.

James Ardinast verwundert der Hype nicht. Zusammen mit seinem Bruder David verwirklichte er die Pastrami-Idee ganz bewusst im Bahnhofsviertel, wo die beiden noch weitere Bars und Restaurants betreiben. "Auch in anderen Städten, die heute alle ganz toll finden, waren es immer einzelne Viertel, die auf einmal hip wurden", sagt Ardinast. Wie etwa das Soho-Viertel oder der Meatpacking District in New York. Da sei Energie, "weil die verschiedensten Menschen aufeinandertreffen".

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016

Ardinast weiß, wovon er spricht. Die beiden Brüder stammen aus einer Gastronomen-Familie. Ihre Großeltern hatten in Frankfurt eine koschere Metzgerei, ihre Eltern brachten Burger-Läden nach Deutschland. Seine Mutter ist Amerikanerin, er selbst hat in Boston studiert. Schon als Kinder, erzählt James Ardinast, gingen sie zum Essen ins Bahnhofsviertel. Heute beobachtet er dort etwas, was er als "Vorbild für den Rest der Gesellschaft" ansieht: "Hier hat keiner Angst vor dem Anderssein oder dem Fremden."

Wie auch? Wer durch die Straßen läuft, sieht Frauen mit Kopftuch, Männer mit Turban, tätowierte Hipster mit bunter Mütze, trifft auf Anzugträger und Damen im feinen Kostüm aus den nahen Bankentürmen, auf Prostituierte, Bettler und Junkies. Man hört ein Sprachengewirr, in dem Deutsch nur eine von vielen Sprachen ist, begegnet Chinesen und Japanern, Afghanen, Indern und Rumänen. Einwohner aus fast 100 Ländern sind in dem Stadtteil registriert. Bei knapp 60 Prozent liegt der Ausländeranteil. Hier leben nur Minderheiten, sagen sie im Bahnhofsviertel. Das Quartier ist dabei mit 50 Hektar klein wie ein Dorf und hat nicht einmal 4.000 Einwohner. In einer halben Stunde lässt es sich zu Fuß locker umrunden.