Wenn es warm wird, treffen sich die Frankfurter an und auf ihrem Fluss. Zum Beispiel im Bootshaus am Eisernen Steg, das am Sachsenhäuser Mainufer festgemacht ist. © Markus Bassler für MERIAN

Gewöhnlich lebt man in Frankfurt zunächst nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwehr. Die meisten verschlägt der Beruf an den Main und nicht die Aussicht, sich in einer der lebenswertesten Städte Deutschlands niederzulassen. Als genau das jedoch entpuppt sich Frankfurt für seine Einwohner. Nur so ist auch zu verstehen, warum die Menschen, die hier leben, sich gegenseitig gern von ihrer Stadt vorschwärmen, während jene, die Frankfurt nur flüchtig kennen, es oft für langweilig halten. Die Wahrheit ist: In Frankfurt stapelt man gern tief. Sollen doch all die schicken Hamburger und Münchner, Berliner und Düsseldorfer den Standort am Main ruhig unterschätzen und glauben, dass hier zwischen den Hochhäusern der Banken und dem Gründerzeitflair Sachsenhausens nicht viel los ist. Frankfurter können dazu nur nachsichtig lächeln. Denn das Gegenteil ist der Fall. 

Frankfurt ist keine Stadt, in die man sich schnell verliebt. Und wenn, dann verguckt man sich höchstens in ihre oberflächlichen Reize – in die glitzernden Umrisse der Skyline, die vor allem bei Nacht den Eindruck einer Metropole vermittelt, in die kurze, aber potente Shoppingmeile Goethestraße, wo sich die weltweit üblichen Designer- und Markennamen aneinanderreihen. Oder man absolviert eine Ebbelwoi-Tour durch die Kneipen der Altstadt und glaubt, die Stadt damit vielleicht noch nicht auf Herz und Nieren, aber immerhin schon mal auf Leber und Blase getestet zu haben.

Das Frankfurt, das ich kennengelernt habe, ist eine Stadt für den zweiten, dritten und vierten Blick. Eine Stadt, die ihre beträchtlichen Vorzüge erst zu erkennen gibt, wenn man sich auf sie einlässt. Dann wird nämlich ihr eigentlicher Charakter und ihre Persönlichkeit sichtbar. Dass hier der Glamour der internationalen Hochfinanz und die unkomplizierte Offenheit und Neugier eines Dorfes nebeneinander und miteinander so gut bestehen können, hat mich immer begeistert. Ebenso wie die Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und sich gegenseitig nicht nur mit Toleranz, sondern auch voller Neugier auf das Andersartige begegnen.

Zu dieser unaufgeregt und unaufgesetzt kosmopolitischen Mischung, die in Deutschland wohl einzigartig ist, passt, dass man sich in Frankfurt keinem Diktat unterwirft. Hier sagt man, was man denkt, zieht an, was einem gefällt, und freut sich, wenn man von kürzeren oder längeren Reisen an den Main zurückkehrt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016 © MERIAN

Wie so viele Frankfurter kam auch ich ursprünglich nicht mit dem Vorsatz an den Main, dort lange zu bleiben. Mich zog es allein aus beruflichen Gründen nach Frankfurt, und da es mein erster Job war, vermutete ich, dass ich hier für vier bis fünf Jahre sein würde. Am Ende waren es achtzehn Jahre. Meine erste Bleibe war eine kleine Wohnung im Nordend mit erbsengrün gekacheltem Miniaturbad. Um die Ecke befand sich das legendäre Café Größenwahn, bis heute eines der Klassiker-Lokale der Stadt. Die Frankfurter sind ihren Lieb- lingen treu, wenn man ihnen die Chance dazu lässt – und das ist keineswegs immer der Fall, weil die rasanten städtebaulichen Veränderungen, denen Frankfurt unterworfen ist, unweigerlich viele andere Transformationen mit sich bringen.

Der ständige Wandel zum Höher-schicker-teurer ist hier besonders sichtbar, weil er auf vergleichsweise kleinem Raum stattfindet. In meiner Zeit habe ich nicht nur die Veredelung und Ausweitung der Innenstadt erlebt, sondern auch, wie ein Quartier nach dem anderen gentrifiziert wurde: die Bahnhofsgegend, der Osthafen, der Westhafen, Teile des Gallusviertels oder von Niederrad. Dass die Stadt in den vergangenen zwanzig Jahren ansehnlicher und dabei auch noch lebenswerter geworden ist, hat weniger mit den Fassaden zu tun als vielmehr mit dem, was hinter ihnen los ist. Und das ist in Frankfurt vor allem: Kultur. Die Dichte der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen, von Kulturinstitutionen wie Museen, Konzerthäusern und Opern, Orten der Literatur, des Theaters, des Tanzes, des Designs und der Neuen Musik findet in größeren Städten nicht ihresgleichen.