Ich wohne im "Gemalten Haus". Darum beneiden mich Millionen von Menschen. Denn das "Gemalte Haus" ist vor allem in der östlichen Hemisphäre unseres Globus weltbekannt und so beliebt, wie es das Weiße Haus in Washington gern wäre. Das mag daran liegen, dass in unserem Haus Politik auf eine andere, eine humanere Art und Weise gemacht wird. Das "Gemalte Haus" ist nämlich die berühmteste Apfelweinwirtschaft Sachsenhausens und damit qua Amt Frankfurts feuchtestes, fröhlichstes, freiheitlichstes Forum der Vox Populi – und längst nicht nur das.

Sobald ich den weitgereisten Bewohnern Tokios, Seouls oder Shanghais sage, wo ich wohne, geraten sie zuverlässig in Verzückung, weil sie vielleicht nicht genau wissen, aber doch aus eigener Anschauung ahnen, was das "Gemalte Haus" ist: eine Art südhessisches Shangri-la, ein Ort der universellen Brüderlichkeit, an dem alle Unterschiede zwischen den Menschen und aller Streit zwischen den Stämmen Abrahams Vergangenheit sind, weil es nur zwei höchste Instanzen gibt, vor denen alle Lebewesen gleich sind – vor dem Herrn des Himmels und dem Ebbelwoi im Gerippten des "Gemalten".

Wenn ich von unserer Wohnung im dritten Stock in den Schankraum hinuntergehe, sehe ich sie alle friedlich beieinander auf den harten Holzbänken mit dem typischen gerippten Apfelweinglas vor ihrem Bembel hocken: Reisegruppen aus dem Morgenland und Landfrauengruppen aus dem Frankfurter Umland; Banker mit Millionen-Boni in den Taschen und heilige Sachsenhäuser Säufer mit gerade einmal genug Penunzen für den nächsten Schoppen im Beutel; berühmte Schriftsteller und verhuschte Sachbearbeiter, pubertierendes Jungvolk und ganze Altersheime auf Betriebsausflug, Klugscheißer und Alltagsphilosophen, Partylöwen und einsame Herzen auf geglückter Flucht vor ihrem Alleinsein.

Hier wollen ausnahmslos alle nichts anderes sein als friedliebende Schoppepetzer – so die lokale Bezeichnung für Apfelweintrinker – und im egalitären Kreis ihren Handkäs mit Musik oder ihre Grüne Soße essen, lauter grundehrliche, hessische Delikatessen, die im "Gemalten Haus" übrigens viel besser schmecken als in anderen Frankfurter Apfelweinwirtschaften. Denn der Koch, der im Nebenberuf auch der Geschäftsführer ist, hat sein Handwerk im Gourmetrestaurant des Grandhotels "Frankfurter Hof" gelernt und will das als seriöser Feinschmecker partout nicht vergessen. 

Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich begriffen habe, was das Besondere am "Gemalten Haus" ist, das seinen Namen einer mit Apfelbäumen, Blumenranken und fröhlichen Zechern bunt bemalten Fassade verdankt: Es ist der tiefste, reinste Sachsenhäuser Seelengrund. Es ist genauso wie mein Stadtteil, der viel mehr als nur ein Teil der Stadt, sondern – der Nordfrankfurter Goethe möge es uns verzeihen – nichts weniger als das wahre, schöne, gute Frankfurt ist.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016 © MERIAN

Sachsenhausen verbindet mit nonchalanter Leichtigkeit das Unvereinbare, es versöhnt Unversöhnliches zu einer wunderbaren Welt der bodenständigen Internationalität und geselligen Intimität, der großstädtischen Dörflichkeit und nachbarschaftlichen Weltläufigkeit. Sachsenhausen ist klein, doch es hat ein großes Herz. Es wird von lauter Lokalnationalisten bewohnt, doch sie heißen jeden Fremden wie einen Freund willkommen. Es könnte sehr schick sein und bleibt lieber, wie es ist.

Tritt man aus der Tür des "Gemalten Hauses", steht man auf der Schweizer Straße, Sachsenhausens Lebensachse und bestem Beweis für sein entspanntes Sein. Unter den Platanen sind alle Geschäfte und Lokale genauso brüderlich gleich wie die Ebbelwoi-Jünger auf den Holzbänken, die eleganten und die einfachen, die prätentiösen und die rustikalen.

Ganz oben an der Schweizer Straße bietet der Österreicher Mario Lohninger eine der besten Küchen Frankfurts, und ganz unten darf ein Pseudo-Mexikaner seine billigen Taco-Plagiate ohne Naserümpfen unters Volk bringen. Bei Feinkost Meyer fahren die Schnöselbrigaden blondierter Berufsgattinnen aus dem Villenviertel am Sachsenhäuser Berg mit ihren wüstentauglichen Porsche Cayennes vor – was soll’s, sollen sie doch, ich gehe zum Wochenmarkt am Südbahnhof dreihundert Meter weiter südlich und decke mich bei Remmel & Sohn ein, meinem allerliebsten, allerfreundlichsten Wild- und Geflügelversorger. Er ist der Einzige in Frankfurt, bei dem man Raritäten wie französische Label-Rouge-Wachteln oder Effilé-Hähnchen aus der Bresse bekommt – und trotzdem ein herzensguter Hühnerhändler ohne jede Attitüde geblieben, der so unaufgeregt in seinem mobilen Verkaufsstand steht, als sei er ein Nullachtfünfzehn-Dorfmetzger.