Alles ist schwarz. Die Bücher vor den Fenstern, die Skulpturen an den Wänden, der Schutt auf dem Boden der Bibliothek, die das Feuer verzehrt hat. Verkohlt und vernichtet. Und alles ist still, bis man über dem von draußen dringenden Straßenlärm ein Zittern schweben hört. Mitten in den Trümmern steht auf einmal ein Violinist und spielt eine tiefe Melodie, spielt sie immer wieder und wird immer höher, während die Kamera weiterfährt, ganz nah heran an die rußigen Rillen im Holz, so als würde sie nicht nur unter, sondern in der Asche selbst nach etwas suchen.

Unten auf der Straße steht Ross Birrell im Nieselregen und steckt sein Smartphone samt Video wieder in die Tasche. Dann blickt er hinauf zu den von Gerüsten verdeckten Fenstern der Bibliothek und beginnt zu erzählen von den Besonderheiten dieses Baus.

Wenn Städte Seelen haben, sitzt die von Glasgow hier auf dem höchsten Hügel der Stadt – in dem 1909 fertiggestellten Mackintosh Building, benannt nach dem Architekten Charles Rennie Mackintosh, der es für die renommierte Glasgow School of Art entwarf. "Die Bleiglasfenster in den Türen und die verflochtenen, spitz zulaufenden Balken in den Studios, drinnen die gerasterten Fliesen und draußen das verzierte Mauerwerk und die Schmiedearbeiten überall – alles hat Mackintosh selbst gestaltet, als wäre das Gebäude ein Gesamtkunstwerk", erklärt der 46-jährige Dozent mit den kurzen grauen Haaren, der an der Kunsthochschule unterrichtet. "Es ist eine Ikone schottischer und internationaler Architektur."

Zwanzig Jahre lang ging Ross Birrell jeden Tag in sein Büro im Mackintosh Building. Bis an einem Freitag im Mai 2014 eine Installation des Abschlussjahrgangs im Keller ein Feuer entfachte, das rasend schnell den Westflügel emporkletterte. Schockierend seien die Bilder in den Nachrichten gewesen, sagt Birrell, aber als die Flammen gelöscht waren, kehrten er und Hunderte seiner Kollegen dennoch sofort in das Gebäude zurück, bildeten eine Menschenkette und halfen der Feuerwehr, Mackintoshs Artefakte zu bergen. Am Fuße der großen Treppe türmten sie die Schätze auf, um zu entscheiden, welche zu retten waren und welche nicht.

Inmitten der Splitter ließ Birrell ein Gedanke nicht mehr los: So wie jetzt wird es nie wieder. "Ich sah, was im Feuer verlorengegangen war, aber auch, was es geschaffen hatte. Selbst in der verwüsteten Bibliothek dachte ich noch: Wow, das sieht unglaublich aus! Das ist eine Komposition in sich, die wir vor der Restauration festhalten müssen." Also komponierte Birrell ein Klagelied, in das er auch hoffnungsvolle Töne mischte. Als es fertig war, kletterte er mit zwei Kollegen und einem Violinisten in die Bibliothek und fing an zu drehen. Den fertigen Film nannte er so, wie Mackintosh einst ein wahres
 Kunstwerk beschrieb: A beautiful living thing. Etwas vom Geist der Bibliothek habe das Feuer überdauert, sagt er: "Selbst in der Finsternis ihrer Vernichtung blieb sie ein wunderschönes lebendes Ding." 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

Was das Feuer vernichtet. Was das Feuer erschafft. Beides ist Glasgow. Auferstehung ist die Spezialität dieser Stadt. Wieder und wieder hat sie sich neu erfunden. Im 18. Jahrhundert stieg sie zur Handelsmetropole auf, deren Schiffe mit Tabak aus den britischen Kolonien die Kaufmänner reich machten – bis der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ihrem Pomp ein Ende setzte. Im 19. Jahrhundert verwandelte sich Glasgow in ein Zentrum des Schiffsbaus und fertigte achtzig Prozent der Dampfschiffe im britischen Empire an – bis das Wasser der Clyde nach den Weltkriegen zu flach wurde für Containerschiffe und die Werften ihre Türen schließen mussten. Glasgow verarmte und wurde geplagt von Feuern, die immer wieder in den Lagerhäusern ausbrachen. Die Pulverfassstadt nannte man Glasgow.

Aber egal. Aufrichten. Abputzen. Weitermachen. Wer heute an der Clyde nach Westen spaziert, in die gleiche Richtung wie die Schiffe, die den Atlantik überquerten, sieht die Brüche dieser Stadt. Da erheben sich an einem Ufer die drei Plattenbauten der Problemsiedlung Gorbals, über denen immer der Rauch aus der benachbarten Whiskybrennerei hängt, und am anderen Ufer thront das Templeton Building, mit dem sich ein Teppichhändler 1888 seinen eigenen Dogenpalast baute. Ein Stück weiter steht ein Fitnessstudio neben einer neugotischen Kathedrale.