Die Grimmwelt in Kassel © Gulliver Theis für MERIAN

Keine Angst vor dem dichten Märchenwald aus grünem Plastikgestrüpp. Keine Angst vor dem Hexenhaus mit seiner niedrigen Tür. Die Hexe bekommt einen Tritt in den Hintern und ist unschädlich gemacht. Hier unten im Tiefgeschoss des Museums sind die Märchen der Brüder Grimm ein Spaß, von dem alle etwas haben sollen. Ein Froschkönig hüpft als Laserprojektion über den Boden. Und plötzlich sieht sich der Besucher in einer Videoinstallation von lauter gleichzeitig plappernden Erzählern umzingelt. Die wundersamen, fantastischen, furchterregenden und doch immer auch tröstlichen Ge­schichten sind eben bis in den letzten Winkel der Welt bekannt. Und wenn "Rumpelstilzchen" auf Plattdeutsch schon kauzig klingt, auf Französisch sehr charmant – allein auf Japanisch wäre es Grund genug, einfach mal nach Kassel zu fahren.

Dabei war die Geburt der "Grimmwelt", die 2015 ihre Türen öffnete, eine echte Herausforderung. Ein Museum war zu bauen und zu bespielen für zwei sehr unterschiedliche Schätze: zum einen für Märchen, eine Kunstform, die jedem Kind vertraut ist. Und zum anderen, eine Treppe höher und alphabetisch sortiert wie in einem Wörter­buch, für Sprache, ein Medium, das ständigem Wandel unterworfen ist. Das Haus sollte belegen, was geblieben ist von den Wörtern, die Jacob und Wilhelm Grimm auf Bergen von Zetteln festgehalten und sortiert haben – und zugleich ein Bewusstsein dafür wecken, was hinzugewachsen ist an Begriffen, denen die Sprachforscher zu Lebzeiten nie begegnet sind.

Die Brüder Grimm kannten keinen Computer und kein Auto, keinen Fül­ler und kein elektrisches Licht. Bei Kerzenschein hockten sie in ihrer Stube, geduckt zwischen Stapeln von Büchern und Journalen, und exzer­pierten mit kratzenden Federn. Goethe, Gryphius, die Evangelien aus der Lutherbibel, das Hildebrandslied. 4.000 Quellen: Wer hat was wann in welchem Zusammenhang geschrieben?

Als Märchensammler waren sie da längst erfolgreich und berühmt. Aber das war eher ein Divertimento gewesen, ein Vergnügen für den Freundeskreis im gemeinsamen Salon. Mit den Wörtern war es ihnen ernst. Am 6. Oktober 1838 unterzeichnete der ältere der beiden Forscher, Jacob Grimm, mit dem Verleger Salomon Hirzel den Vorvertrag zu einem Wörterbuch der deutschen Sprache. Fast 14 Jahre später legten er und sein Bruder Wilhelm – inzwischen von Kassel nach Berlin gezogen – die erste Lieferung vor, von A bis Allverein.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2017 © MERIAN


Dem Stichwort "Froteufel" galt der letzte Eintrag, den wiederum Jacob vor seinem Tod 1863 zulieferte. Da war das ursprünglich auf zehn Jahre angelegte Projekt für zwei Forscherleben schon viel zu groß geworden. Am Anfang hatte der eine noch dem anderen gesagt: Fang du bei A an, ich beginne bei D, sonst kommen wir uns bald schon wieder ins Gehege. Großspurig? Nein, es war wohl eher blauäugig.

Fast hundert Jahre später, 1961, schlossen die Nachfolger der Nachfol­ger das Werk mit dem Buchstaben Z ab; es umfasste nun rund 320.000 Einträge in 32 Bänden. Weitere zehn Jahre brauchte das Quellenverzeichnis, Band 33 – da hatten die Philologen und Germanisten der Berlin­-Brandenbur­gischen Akademie der Wissenschaften im Osten und die Göttinger Kollegen im Westen lange mit der Nachbearbei­tung der ersten Bände begonnen. Den Nationalpreis der DDR bekamen beide Forschergruppen zusammen; manch­mal funktionierte deutsch­-deutsche Gemeinsamkeit eben doch. Aber kann man der Sprache ein Museum bauen? Nimmt man ihr nicht genau damit den Raum, den sie braucht, um sich lebendig fortzuentwickeln?

"Seien Sie unbesorgt", beruhigt Susanne Völker, "wir halten die Wör­ter am Leben." Hinter dem Rücken der Museumsleiterin läuft eine schier endlose Folge von Begriffen als Projektion über die Wand des Foyers. Es ist eine Arbeit des Karlsruher Konzeptkünst­lers Ecke Bonk, die schon 2002 auf der Documenta zu sehen war und nun in der Kasseler Grimmwelt ihren Ort auf Dauer gefunden hat. "Serviten" steht da zu lesen und verschwindet langsam von der Bildfläche. Servitor, Servitut, Sesam. "Sie haben nun 72 Jahre Zeit", rechnet Völker vor, "erst dann fangen wir an, uns zu wiederholen." 

Das größte Kunstwerk ist das Haus selbst

Genug Zeit, um sich in die Arbeit der Wörtersammler zu vertiefen und eigene Wortketten zu bilden. Eine Schimpfwortmaschine offeriert ein Tauschge­schäft aus unerschöpflichem Vorrat: eine Beleidigung aus der Gegenwart gegen eine aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm. Wir versuchen es mit einem vorsichtigen "Dösbaddel", auch eine Schulklasse hat sich mittlerweile zwischen den interaktiven Touchscreens und Zettelkästen verteilt.

Sofort schnarrt es aus dem schwarzen Riesentrichter zurück, "Pissblume", laut und vernehmlich. Blackscheißer, Fatzgespötte, Afterbrut. Die Schüler quittieren den Schwall mit Ki­chern und halten dagegen – und sind schon mittendrin im Netz der Bedeu­tungen und Verschiebungen, Kritzeleien und Korrespondenzen, Flüsterspiele und Proklamationen. Sprachstudien können richtig Spaß machen!

"Beden­ken Sie die Situation der Sammler", mahnt Susanne Völker. Die Brüder Grimm hatten erlebt, wie Napoleon Europa überrannte und alle Welt, tout le monde, plötzlich nur noch Französisch parlierte. Den Fremdwörtern haben sich die Forscher stets mit Skepsis genähert. Ihre Idee zum Wörterbuch entsprang dem Wunsch, mit der Sprache auch die eigene Identität festzuhalten, ihre Wurzeln. Ist das nicht immer noch zeitgemäß?

Ihr Sammlerfleiß jedenfalls gab der jungen Kunst in der Grimmwelt ihre Impulse: Der Ukrainer Alexej Tchernyl inszenierte Schlüsselszenen aus dem Leben der Wörtersammler in flüchtig zarten Dioramen aus Papier. Der in Hamburg lebende Albert Schindehütte setzte die Brüder in einem Riesenholzschnitt den Geistern und Dämonen ihrer eigenen Erzählungen aus. Und der Chinese Ai Weiwei legte ausgegrabenes Wurzelwerk vor den Eingang zur Märchenwelt im Tiefgeschoss: Auch unter glänzendem Autolack geht von der wilden Knorrigkeit keine Spur verloren.

Das größte Kunstwerk ist aber das Haus selbst. Seine Architektur leitet den Blick von Freitreppe, Dachterrasse oder aus dem riesigen Panoramafenster immer wieder weit über das Land. Über die Parklandschaft des Weinbergs auf die Karlsaue und die Fulda bis zu einem blauen Horizont. Diese Weitsicht mag man als Sinnbild deuten, von überallher kamen schließlich die Schnurren und Erzählungen, denen die Brüder Grimm und ihre noch vom Geist der Romantik beseelten Freunde gelauscht haben und die sie dann zu einem Schatz von Hausmärchen ver­dichteten – Geschichten von Grausamkeit und Heldenmut, die in Spinnstu­ben und am Herdfeuer erzählt wurden, die zur Moral mahnten, dafür ein einfaches Glück in Aussicht stellten und sich in alledem an eine Gruppe von Zuhörern wandten, deren eigenes Wesen gerade erst aufdämmerte: Kinder. Die Zeit der Brüder Grimm war auch eine Zeit, in der die Pädagogik ihre Möglichkeiten zu entdecken begann.

Mag sein, dass manche der Märchen längst als Literatur verbreitet waren, als sie in die erstmals 1812 veröffentlichte Sammlung aufgenommen wurden: "Rotkäppchen" war einem französischen Vorbild aus dem 16. Jahrhundert nachempfunden, "Rapunzel" hatte schon in Italien den Prinzen in ihren Turm gelockt. "Aber die Brüder Grimm!", ruft Susanne Völker da, "sie haben das gute Ende erfunden." 

Möglich also, dass Rotkäppchen in der Urform des Märchens am Ende aufgefressen und tot ist. Dass die Liebesnacht bei Rapunzel nicht ohne Folgen blieb. Aber bei den Brüdern Grimm geht jedes Abenteuer so aus, dass Kinder hinterher noch schlafen können: Der Königssohn heiratet das arme Mädchen. Und wenn sie nicht gestorben sind ...