Aus dem Wasser lugen 20 Öhrchen. Der riesige Rest der zehn Flusspferde ist unter der Oberfläche des Lake St Lucia verborgen. Seltsame Tiere sind das: Stehen von Tagesanbruch bis zur Dämmerung im Wasser. Dösen vor sich hin. Können etwa fünf Minuten lang die Luft anhalten und untertauchen, aber schwimmen können sie nicht.

Hippos sehen harmlos aus, beinahe gemütlich. Tatsächlich aber sind sie brandgefährliche Tiere – weder Löwen, noch Büffel, noch Elefanten töten in Südafrika so viele Menschen wie dieser Pflanzenfresser. Sie sind schnell und ausdauernd, können über lange Zeit ein Tempo von bis zu 50 Stundenkilometern halten. Was zwischen ihre Kiefer kommt, wird zermalmt.

Andrew Zaloumis weiß das aus eigener Erfahrung, das Tête-à-tête mit einem Flusspferd kostete ihn sein Mountainbike. Mit seinem Sohn war der Chef der iSimangaliso Wetland Park Authority vor einiger Zeit auf Rädern unterwegs. Sie passierten gerade eine Herde Flusspferde in vermeintlich sicherer Entfernung, da scherte einer der 1,5-Tonner aus der Gruppe aus und nahm die beiden aufs Korn. Andrews Sohn sprang vom Rad und kletterte auf einen Baum – so wird’s im Busch als Notfallplan gelehrt. Andrew stoppte, packte sein Rad beim Rahmen und warf es dem Flusspferd vor die Beine. Das half, erzählt er. "Aber mehr als ein Haufen Metallschrott ist nicht übrig geblieben." 

Das Wort "iSimangaliso" bedeutet in der Sprache der Zulu "Wunder". Und der Park trägt diesen Namen zu Recht: eine Landschaft zum Träumen und Staunen. Vor mehr als 25.000 Jahren erhob sich das Gebiet durch klimatische und geologische Verschiebungen aus dem Ozean, und es verschmolzen verschiedene Ökosysteme miteinander.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2017 © MERIAN


In den Feuchtgebieten leben nicht nur die größten Flusspferd-, sondern auch die größten Krokodilbestände Südafrikas. An der Küste – der iSimangaliso-Naturpark grenzt über eine Strecke von 220 Kilometern an den Indischen Ozean – schwimmen Buckelwale und Haie. Direkt hinter dem Strand erhebt sich eine der höchsten bewaldeten Dünenlandschaften der Erde. Südafrikas einzig verbliebene Sümpfe befinden sich hier, und der Lake St Lucia wiederum ist der Größte salzhaltige des
Landes, aber nur einer von drei großen im fischreichen Feuchtgebiet.

Durch die Savannen des 332.000 Hektar großen Areals streunen die Big Five, Löwen und Elefanten wurden zu den dort noch einheimischen Leoparden, Nashörnern und Büffeln ausgewildert, in den riesigen Gewässern leben 1.200 Fischarten, von denen viele vom Aussterben bedroht sind. Ein Viertel aller Vogelarten Südafrikas flattert in diesem Paradies umher. Kurzum: iSimangaliso ist ein Wunder an Biodiversität. Eine widersprüchliche Welt, die ihren Reiz aus Faszination und Bedrohung zieht.