Gräfin Alberta Cavazza legt keinen Wert darauf, mit ihrem Titel angesprochen zu werden – das sei ihr sogar "unangenehm" wird sie später bemerken. Und so mädchenhaft und ungezwungen freundlich, wie sie ist, kommt man auch gar nicht auf den Gedanken. Sie entschuldigt sich zuerst für die Verfassung ihres Autos – zwei Kinder, Hunde –, in dem sie in San Felice del Benaco wartet, und dann für den Umstand, dass ihr kleines Boot nicht überdacht ist. "Aber wir fahren doch schon auf die Insel, oder? Es geht ja ganz schnell." Leichtfüßig springt sie vom Steg ins Boot und wirft den Motor an.

Tatsächlich sind es vom Ufer nur wenige Minuten zur Isola del Garda, einer dicht mit Bäumen bestandenen, schmalen Insel von etwa einem Kilometer Länge. Sie ist die größte Insel im See und die einzige bewohnte. Seit fünf Generationen ist sie im Besitz von Alberta Cavazzas Familie. Ein weißer Palast im venezianischen Stil ragt an ihrem Ende zwischen den Zypressen hervor – Alberta Cavazzas Zuhause. Hier ist sie als fünftes von sieben Kindern aufgewachsen, und hier wohnt sie seit ein paar Jahren auch wieder mit ihrer eigenen Familie.

"Die Insel ist wie eine Seifenblase –, nur dass man hinein- und hinauskann, wie es einem gefällt. Sie ist ganz nah, aber doch entrückt genug, dass sie dir eine andere Perspektive erlaubt." Sie lacht und wechselt ins Englische: "The helicopter view." 

Den perfekten britischen Akzent hat sie von ihrer Mutter, Lady Charlotte Chetwynd-Talbot, einer Aristokratin aus den Midlands, die 1965 den jungen italienischen Grafen Camillo Cavazza heiratete, Albertas Vater. Lady Charlottes Hingabe ist der wunderbare Englische Garten vor der Villa zu verdanken, dem sie auch mit 77 noch jeden Tag ein paar Stunden widmet, so wie sie täglich um halb sieben aufs Festland fährt, um die Pferde in ihrem Reitstall zu versorgen; nachmittags gibt sie dort dann Kindern Reitunterricht. "Es ist manchmal ganz schön schwer, mit ihr mitzuhalten", sagt Tochter Alberta.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016 © MERIAN

Wie ihre Mutter liebt Alberta Cavazza Pferde. Eine Zeitlang ritt sie professionell Military, doch dann fiel ihr eine neue Aufgabe zu, die sie völlig in Anspruch nahm: 2001 beschlossen die Cavazzas, die Isola del Garda für Besucher zu öffnen, um mit den Einnahmen den Palast instand zu halten, und Alberta nahm die Sache in die Hand. Gerade ging die bisher beste Saison auf der Insel zu Ende: "22.000 Besucher!" Ihre Freude ist unverkennbar. Denn was aus der Not geboren wurde, hat sich längst zu einem Projekt gewandelt, das sie mit perfektionistischer Begeisterung betreibt – wenn die Zumutungen der italienischen Bürokratie sie nicht gerade "zur Verzweiflung" treiben.

Während wir vom Anlegesteg auf einem blätterüberdachten Pfad Richtung Haus hinaufgehen, erzählt sie, dass die Römer die Insel als Jagdrevier nutzten. Nur Vogelstimmen unterbrechen die Stille, und aus der Ferne dringt dumpfes Hämmern. Es kommt aus dem Garten, wo auch im Herbst noch Rosensträucher unter den Zitronenbäumen leuchten: An der mächtigen Einfriedungsmauer sind Bauarbeiter zugange. "Je nach den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, gehen wir das gerade akuteste Problem an."