Der Fluss Onyar machte Girona lange zu schaffen, sorgte ständig für Nebel und Überschwemmung. Heute ist er, dank Regulierung, ein echtes Schmuckstück. © Tim Langlotz für MERIAN

Den Hintern der Löwin habe ich auch diesmal nicht geküsst, trotzdem bin ich sicher, dass ich wiederkommen werde. Das nämlich, soll die Folge sein, wenn man der Raubkatze die Lippen aufs Gesäß drückt. Hunderttausende haben das schon getan, das Gesäß macht einen platt geküssten Eindruck. Wenig majestätisch umklammert die Löwin eine Säule zu Füßen der Kirche Sant Feliu. Doch die Zeiten, als man in dieser kleinen, seltsam verbiestert dreinblickenden Skulptur die Stadt selbst verkörpert finden konnte, sind lange vorbei.

Girona strahlt. Besonders Mitte Mai, wenn hier für acht Tage die Blumenzeit ausgerufen wird: Temps de Flors. Dann füllt sich nicht nur die ganze Altstadt mit Blütenpracht, sondern sie zeigt außerdem ihre verborgenen Schätze. Jahrhundertealte Innenhöfe und Galerien, so ehrwürdig wie anmutig und sonst für Besucher nicht zugänglich, öffnen sich dem Publikum.

"Die Blumen sind ein Vorwand", sagt der Schriftsteller Josep Maria Fonalleras, ein gironí de tota la vida, ein gebürtiger und überzeugter Gironer: "Es geht darum, dass die Stadt sich sehen lässt, wie man sie normalerweise nicht sieht."


An über 120 Schauplätzen locken blühende Installationen, mal dekorativ, mal ambitioniert. Auffällig ist eine Vorliebe für Schnittblumen in Reagenzgläsern. Die wahre Sehenswürdigkeit bleibt aber immer Girona selbst, die Blumen geben bloß ein blühendes Motto dazu. Und das Motto zieht: Aus ganz Spanien strömen zu Temps de Flors die Besucher herbei, viele auch aus Frankreich, einige aus aller Welt. In Scharen wandeln sie durch die schmalen Gassen, von denen manche, vor allem im Call, dem alten jüdischen Viertel, so steil sind, dass sie als Treppen zwischen die Häuser gebaut wurden. Geduldig stehen sie Schlange vor architektonischen Höhepunkten wie dem Keller der Kathedrale oder den Arabischen Bädern, die eigentlich nicht arabisch sind. Es herrscht eine trotz der Menschenmengen erstaunlich entspannte Wochenendstimmung. Die Caféterrassen sind voll besetzt, eine alberne Bimmelbahn umzuckelt das Geschehen, aber die meisten Geschäfte verlängern für den Rummel keineswegs ihre Öffnungszeiten. Aus der Ruhe bringen lässt man sich dann doch nicht.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2015 © MERIAN

Girona ist die nördlichste, östlichste und mit knapp 100.000 Einwohnern kleinste der vier katalanischen Provinzhauptstädte. Lange haftete ihr ein nahezu trostloses Image an. Kirchenleute und die vom Franco-Regime hierher beorderten Verwaltungsbeamten bestimmten das Klima. Der von der Kathedrale überragte mittelalterliche Kern galt als düster und abweisend, die cases de l’Onyar, die Häuser zwischen Fluss und Rambla, trugen noch nicht die leuchtend bunten Fassaden, für die sie heute berühmt sind, und sie wurden regelmäßig überschwemmt.

"Es war eine trübe, verschlossene Stadt", sagt Isabel del Moral, die in Girona aufwuchs und mittlerweile im Nachbarort Salt ein alles andere als trübes Bed and Breakfast betreibt. "Und wenn der Nebel kam, wurde es auch noch scheußlich kalt." 

Dieser Nebel, früher fast Dauerzustand, ist heute selbst im Winter die Ausnahme, und Überschwemmungen sind kein Thema mehr, seit der Onyar und die drei anderen Flüsse, die hier zusammenfließen – Ter, Güell und Galligans – durch Stauseen und Entlastungskanäle gebändigt wurden. Mit dem Blumenfest feiert sich eine aufgeblühte Stadt.