Eigentlich erinnern wir uns nicht mehr, wie es ist, ohne Krise zu leben. Das Wort wurde in Portugal zur Bezeichnung für jedes Problem, sei es politischer oder persönlicher Natur. Es hat fast schon etwas Mythisches bekommen, wie etwas, das man erlebt hat, aber nicht erklären kann.

Für meine Generation, die wir mit der Krise leben, seit 2009 noch verschärft, sind auch die neunziger Jahre nichts anderes als eine diffuse Kindheit gewesen, geprägt von einer Expo ’98, an die wir uns nicht erinnern. Wir haben eine Aneinanderreihung mehr oder weniger gravierender Ereignisse erlebt, zuweilen mehr oder weniger amüsant.

Wir haben einerseits mit einem überbordenden optimistischen Glauben an die Technologie und an die Spezialisierung gelebt, uns von den Geisteswissenschaften abgewandt, weil sie keinen Nutzen aufweisen. Aber andererseits auch verstanden, dass alte Wertvorstellungen wie die, eine einzige Arbeit fürs ganze Leben zu haben, keinen Sinn mehr ergeben. Flexibilität ist gefragt, und wir akzeptieren, was damit einhergeht.

An keinem Ort versteht man meine Generation so gut wie in der LX Factory. Die frühere Fabrik im Lissabonner Stadtteil Alcântara sucht Schutz unter der Brücke des 25. April, deren Eisen unter den Autos ächzt. Das Geräusch ähnelt einer schlecht auskurierten Grippe. Es bleibt, klingt nie ganz ab und trifft die Drogenabhängigen und Obdachlosen, die nachts die leerstehenden Häuser beziehen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2016 © MERIAN

Alcântara besteht aus Ruinen. Doch einige der großen Industriebaracken wurden vor dem Verfall gerettet und haben sich 2008 zur LX Factory verwandelt. Künstlerateliers und Architektenbüros zogen in die ehemaligen Lagerhäuser nah am Ufer des Tejo ein, Werbe- und Modelagenturen, Antiquariate, Restaurants, Einrichtungsläden, Diskotheken, Klimbimläden, Verlage, Schreibwarengeschäfte, Eisdielen – die Factory ist eine Ballung an Interessengemeinschaften, anfangs alternativ, aber heute, fast zehn Jahre nach ihrer Eröffnung, zweifellos trendy.

Das Schäbige ist ganz bewusst gewählt – Industrieschick, der den Charakter des Geländes bewahrt, ihn aber übertrumpft. An keinem anderen Ort würden wir an der Wand einen Spruch wie "I’ve been to hell and back – and it was wonderful" vorfinden oder eine Anschlagtafel an einem alten Speicher, auf der die Freude an der Arbeit gepriesen wird.

Auf die LX Factory bin ich gestoßen, als ich an meinem ersten Buch arbeitete und mich ganz der Literatur verschrieb. Damals hatte ich von der Eröffnung einer neuen Buchhandlung inmitten von Überresten einer Druckerei erfahren. Die Offsetdruck-Maschinen, die dort vor langer Zeit abgestellt worden waren, hatte José Pinho, der Besitzer der Buchhandlung, stehen und die Bücher wie eine Art postume Ehrung um sie herum wachsen lassen.