Nur ein leises Surren ist zu hören. Fein, zart und vergnüglich, wie Kätzchenschnurren. Ich schaukele im sanften Wind. Es ruft federleichte Kindheitserinnerungen an Berggondelfahrten hervor, dieses weiche Wiegen der Seilbahn, deren Glaskabine in dreißig Meter Höhe über das ehemalige Expo-Gelände, den Parque das Nações, gleitet. Für die Weltausstellung ist sie damals gebaut worden. 1998, in dem Jahr, in dem ich in Lissabon studiert habe. Und es gibt sie immer noch, nach 18 Jahren!

Von der Nostalgie berührt blicke ich nach unten. Ein Schaukasten avantgardistischer Architektur, die kühnen, futuristischen Expo-Gebäude, auch heute noch wunderschön. Der Gare do Orient von Santiago Calatrava, die Gärten und Wasserspiele, das Ozeanarium. Hinter uns spannt sich die weiße Ponte Vasco da Gama, die mit 17 Kilometern längste Brücke Europas, in elegantem Schwung über das Wasser.

Und links neben uns, in lichtem Blau: der Tejo. Lissabons betörender Fluss, der hier, kurz vor seiner Mündung in den Atlantik, eine stattliche Breite von zehn Kilometern erreicht.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2016 © MERIAN

Ich hab diesen Ort immer geliebt, und ich tue es heute noch. Vor Prüfungen oder bei Heimweh bin ich damals immer in eine der Seilbahnkabinen gestiegen, um von oben alles kleiner zu sehen und leichter zu nehmen. An diesem Tag blähen sich weiße Segel an hellen Bötchen auf dem Wasser, beschwingt und verspielt. Der Tejo, die Lebensader von Lissabon, mit über tausend Kilometern der längste Fluss der Iberischen Halbinsel, verströmt majestätische Schönheit und heitere Gelassenheit.

Nichts erinnert daran, dass der Fluss am 1. November 1755 ein Schauplatz der größten Naturkatastrophe der westlichen Welt in der Neuzeit war. Nach einem See- und Erdbeben hatte sich in der Flussmündung ein gigantischer, todbringender Tsunami erhoben, der die Schiffe und Fischerboote Hunderte von Metern wie Holzsplitter durch die Luft schleuderte. Der die Stadt überrollte und in eine Wüste aus Schutt, Asche und Schlamm verwandelte. Binnen Minuten stürzten Tausende von Gebäuden, Kirchen, Klöstern, Palästen und Häusern ein. Durch die in den Küchen glimmenden Herdfeuer breiteten sich Feuersbrünste aus, deren Aschewolke die Sonne verdunkelte. Wohl 60.000 Menschen starben bei diesem Massaker der Natur. Selbst für die Theologie wurde das Beben von Lissabon zum Thema: Wie kann Gott solches Leid zulassen?