Seit 80 Jahren gibt es bei "A Carioca" vor allem Kaffee und Tee © Gulliver Theis für MERIAN

Es kommt vor, dass Kundinnen in der kleinen "Retrosaria Bijou" nach schwarzen Damenknöpfen oder grünen Samtbordüren verlangen, und wenn José Vilar dann mit verblüffender Zielsicherheit – "mein Kopf ist wie ein Computer organisiert" – eine der unzähligen kleinen Holzschubladen öffnet oder eines der Regalfächer wählt, in denen er nach eigener Schätzung an die 50.000 Artikel aufbewahrt, und ein paar Dutzend Muster auf dem Ladentisch ausbreitet, dann bekommt er zu hören: "Ist das alles?" Er schaut halb amüsiert, halb leidvoll über seine schmale Brille hinweg: "Jaja, die Damen sind anspruchsvoll! Im Kaufhaus kämen sie damit nicht weit." 

Eine retrosaria ist ein Kurzwarengeschäft, und in der Rua da Conceição liegen gleich fünf davon beieinander. José Vilar gehören zwei: "Bijou", das er von seinem Großvater übernahm und das noch heute die originale Art-déco-Einrichtung besitzt, inklusive einer der ersten automatischen Kassen in der Stadt, und "Arqui-chique" ein paar Türen weiter, das er später dazukaufte. "Aber ich bin der Letzte hier. Vielleicht wird der Laden ja ein Museum? So arbeitet jedenfalls bald keiner mehr." 

Vilar lacht, als hätte er einen Scherz gemacht. Doch in dem Moment kommt eine tief gebeugte alte Frau herein, die ein ganz bestimmtes Lederband sucht, um die Ärmel einer Weste einzufassen. Während der darauffolgenden intensiven Suche ziehen Vilar und zwei Verkäuferinnen, eine davon eilends vom "Arqui-chique" herbeigeholt, immer neue Schubladen und Fächer auf, beraten sich, machen Vorschläge. Die Fahndung endet erst, als eine dritte Verkäuferin aus der Mittagspause zurückkommt und das gewünschte Band auf Anhieb findet. Während dieser fünfzehn Minuten wird deutlich: Er hat wohl recht.

Dabei stimmt, was Albio Nascimento sagt: "Die traditionellen, alteingesessenen Geschäfte sind ein Teil von Lissabons Identität, den es zu erhalten gilt. Das hat auch die Stadtverwaltung erkannt." Nascimento ist ein junger Designer, arbeitet an der Fakultät der Schönen Künste und hat im Auftrag der Stadtverwaltung eine Bestandsaufnahme dieser lojas com historia, der Läden mit Geschichte, gemacht. Sie sollen mit einem speziellen Programm dieses Namens unterstützt werden – wenn auch, abgesehen von auszeichnenden Plaketten, noch nicht im Detail entschieden ist, wie.

Ein Jahr lang besuchten Nascimento und sein Team Geschäfte und Lokale, interviewten ihre Betreiber, durchsuchten städtische Register. Jetzt gibt es eine vorläufige Liste. Sie umfasst Institutionen wie das Café "A Brasileira", in dem wir verabredet sind, oder das traditionsreiche Geschäft "Paris em Lisboa" gleich auf der anderen Seite der Rua Garrett: qualitätsvolle Haushaltstextilien seit 1888, Jugendstilfassade, Kassettendecken, kein bisschen angestaubt, aber zwischen Gören namens Zara oder Salsa doch ein Relikt. Wie eine distinguierte Dame aus alter Familie, in deren Gegenwart man rot wird, wenn einem das Wort Shopping herausrutscht.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2016 © MERIAN

Auf der Liste sind aber auch Läden, die sich winzig wie Portierslogen in Hauseingänge schmiegen, mit Platz für nicht mehr als einen Kunden. Oder Geschäfte, die noch in eigenen Werkstätten produzieren, nach über Generationen weitergegebenem Muster. "Schließen solche Betriebe, geht auch viel Wissen verloren", sagt Nascimento. Er führt die Rua Garrett hinunter, wo man die Litanei der Läden blind herunterrattern könnte, ohne sich groß zu irren, weil es mehr oder weniger die gleichen Ketten wie in jeder anderen europäischen Großstadt sind.

Das traditionsreiche Schmuckgeschäft "Aliança" in der Rua Garrett hat sich vor ein paar Jahren in einen "Tous"-Flagship-Store verwandelt. Weil die prachtvolle Rokokoeinrichtung unangetastet blieb, gilt die Übernahme als Erfolg, aber natürlich ist es nicht mehr das gleiche Geschäft. Wie sollte es: Beim Handel geht es schließlich auch um Beziehungen, Gewohnheiten, Menschen. Gehört zu den Millionen kleiner Dinge, die das Leben in einer Stadt unverwechselbar machen, etwa nicht auch die Art, in der man einer alten Frau ein Lederband verkauft?