Auf schmalem Pfad tauche ich zwischen den kleinen Städten Schmalkalden und Tambach-Dietharz in ein weitläufiges Wald- und Feuchtwiesengebiet ein. Der plätschernde Floh, ein kleiner Bach, tastet sich durch Gestein und dichtes Grasgewucher. In den Lüften schweben Tagfalter und Libellen. In dieser vielfältigen Naturlandschaft Thüringens, die wie eine Insel der Zivilisationsferne wirkt, war Martin Luther, der ehemalige Augustinermönch, im Winter 1537 auf einer dienstlichen Exkursion unterwegs, und ich frage mich, ob der Reformator auf seinen vielen Reisen auch einen Blick für die Natur hatte?

Nur selten wird erwähnt, dass Luther auch ein großer Reisender war. Immer wieder trieben ihn Ordensaufträge, Predigten, Diskussionen, Vorladungen und Rechtfertigungen übers Land. Nicht zu vergessen die Pilgerreise nach Rom, ein nachhaltiges Erlebnis. Vor allem aber war Martin Luther kreuz und quer in Thüringen unterwegs. Damals reiste man in öffentlichen Landkutschen, zu Pferd, im großen Klosterwagen und am allermeisten zu Fuß. So hat Luther auch als Reisender Eindrucksvolles vorzuweisen. Rund 12.000 Kilometer hat er in seinem Leben zurückgelegt.

Seit zehn Tagen wandere ich auf den sinnfälligen Spuren seines Lebens. Meine Reise ist eine Annäherung an eine außergewöhnliche Persönlichkeit, wobei ein Annähern nur auf einer gemeinsamen Ebene stattfinden kann. Deshalb bin ich auf die gleiche Weise wie der Reformator unterwegs – zu Fuß, teils auf dem offiziellen Lutherweg, der mich zuerst von Weimar nach Erfurt und Gotha führt. Eine Route durch Wälder und Wiesen, vorbei an Flüssen und Burgen. Ich erlebe grandiose Landschaften mit weiten Ausblicken, wo alles grün und zeitlos ist. Und immer wieder malerische Orte und historische Städte: Weimar und sein Residenzschloss mit der bedeutenden Lucas-Cranach-Galerie. Neben Bildern des Reformationsmalers sind dort auch Werke von Zeitgenossen wie Albrecht Dürer zu sehen.

Weiter geht es ins 20 Kilometer entfernte Erfurt. 20.000 Menschen lebten damals in der Universitätsstadt, als Luther sich im Mai 1501 immatrikulieren ließ, ehe er ins Augustinerkloster eintrat. "Sechs Jahre hat Luther hier gelebt, von 1505 bis 1511", erzählt Michael Ludscheidt, stellvertretender Kurator und Bibliotheksleiter des Klosters. Beeindruckend ist die winzige Mönchszelle, die Luther bewohnte. Ein spärlicher Raum von zwei mal drei Metern. In der Mitte eine Betbank. "Der junge Luther hat hier alles erfahren, was im Kloster dazugehört: die Gebräuche, die Liturgien, das Studium der Bibel und auch die Einführung in den Tagesrhythmus, der von den Stundengebeten bestimmt wird. All das Erlernte hat Luther später auf den Weg zum Reformator gebracht", erfahre ich weiter.

In Gotha bestaune ich die reiche Kunstsammlung im Schloss Friedenstein, das als Louvre Deutschlands gilt, ehe ich mich entlang der Hörsel auf den Weg nach Eisenach mache. Hier steige ich zur Wartburg auf, ein Traum aus Kindertagen, groß und wuchtig. 

Dann wieder gehen, gehen, gehen. Ich laufe durch die 2,5 Kilometer lange Drachenschlucht, die sich am Ende der letzten Eiszeit gebildet hat. An ihrer schmalsten Stelle ist die dicht bewachsene Felsklamm weniger als einen Meter breit. Über den Pummpälzweg, nach einem Kobold aus der Thüringer Sagenwelt benannt, komme ich nach Möhra. Der 600-Einwohner-Ort gilt als Stammort der Familie Luther. Bei Apfelkuchen und Kaffee raste ich neben dem Lutherdenkmal.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2017 © MERIAN

Wieder folge ich dem gut markierten Lutherweg, der mit einem grünen "L" gekennzeichnet ist. Auf der Fährte des Reformators denke ich darüber nach, wie sehr das Reisen wohl seine Weltanschauung geprägt haben könnte. Pilgerreisen hatte er zwar stets als "Geläuff" und "Narrenwerk" verspottet. Und doch erlebte er wichtige Gedankenanstöße nicht nur in der Abgeschiedenheit seines Erfurter Klosters, beim Studium der Bibel, im Austausch mit anderen Geistlichen. Es war auf einem kleinen Pfad bei dem Dörfchen Stotternheim, der junge Luther war auf dem Heimweg von seinem Elternhaus in Mansfeld zu seiner Studentenstadt Erfurt, als er von der Naturgewalt überwältigt wurde: Aus Angst, in einem Gewitter vom Blitz getroffen zu werden, schwor er, ins Kloster einzutreten.

Diese Wanderung brachte ihn näher zu Gott, seine spätere Reise nach Rom trug zu einer Entfernung von der Kirche bei. Ich stelle mir vor, wie seine vielen Reisen als bereits anerkannter Reformator ihn später immer wieder auch in Kontakt zu den Menschen gebracht haben könnten, zu dem Volk also, dem er "aufs Maul schauen" wollte. Seine Gespräche auf der Straße und in den Städten könnten ihn auch im Geiste beweglich gehalten haben. Vielleicht sah er unterwegs noch klarer als in seinem Wittenberger Heim, wie stark viele Menschen auf eine Reform der Kirche hofften. Gut möglich, dass ihn diese Hoffnung auf seinen Wegen begleitete und bewegte. Wer geht, macht Gedankengänge.