An einem Dienstagabend, der sich zu einem Fußballfest zusammen brauen könnte, sitzt Manolo mit seinem Freund Jorge und zwei Whisky-Cola vor der Kneipe Peña Atlética Legazpi. Peña heißt Fanklub. Manolo trägt einen schwarzen Pferdeschwanz und ein Trikot mit den rot-weißen Streifen von Atlético Madrid. Auf den Rücken ist keine Nummer gedruckt und kein Spielername. "Spieler kommen und gehen", sagt er, "wichtig ist das Team." So sehen sie das hier, worauf sie sich einstimmen, ist nicht nur ein Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale, Atlético gegen Real Madrid. Für sie ist es das Duell Teamgeist gegen teure Stars, Herz gegen Geld, harte Arbeit gegen zusammengekauftes Talent.

Und es ist das Aufeinandertreffen zweier Seiten Madrids: des Nordens und des Südens. Im Norden, wo die Stars von Real Madrid ihre Arena haben, das berühmte Bernabéu-Stadion, sitzt mehr Geld. Das Bernabéu liegt am Paseo de la Castellana, einer zehnspurigen Straße, an der diverse Bürotürme um die Wette glitzern. Im Süden, im Stadtteil Arganzuela, zu dem das Viertel Legazpi und das alte Stadion von Atlético gehören, sehen viele Straßenzüge aus, als hätte ein Kind all seine Legosteine verbaut – auch jene, die weder in Form noch in Farbe zusammenpassen. Ein bemerkenswert unspektakulärer Anblick.

Lange Zeit war hier, am Manzanares, dem Fluss von Madrid, der ein kaum bekanntes Flüsschen ist, wenig Platz für alles außer Wohnen und Arbeiten. Es gab Fabriken, einen großen Schlachthof, Wohnsiedlungen, und es gab die achtspurige Ringautobahn M30. "Una carretera infernal", eine höllische Straße, sagt jedes "r" rollend Domingo Guerra, Wirt der Peña Atlética.

Er hat angegrautes zurückgegeltes Haar und freundliche Augen und ist seit Mitte der achtziger Jahre Wirt dieser Kneipe, eines der ältesten Atlético-Fanklubs der Stadt. "Vor 50 Jahren kam alles, was die Stadt brauchte, von hier, das Fleisch vom Schlachthof gegenüber, Früchte und Gemüse vom großen Markt", erzählt er. "Es war immer ein sehr lebendiges Viertel, aber das wirtschaftliche Niveau war niedrig und das kulturelle auch." 

Das ist Vergangenheit. 2007 wurde der einstige Schlachthof gegenüber von Domingos Kneipe als Kulturzentrum Matadero – was Schlachthof heißt – wiederbelebt. Kurze Zeit später ist die M30, die auch am Atlético-Stadtion vorbeiführt, auf einer Strecke von sieben Kilometern in einem Tunnel verschwunden. Darüber wurde ein Park angelegt: "Madrid Río". Río heißt Fluss, der Manzanares ist wieder zugänglicher, seit die M 30 unterirdisch verläuft. "Das Niveau ist gestiegen, die Menschen, die kommen, haben sich verändert", meint Domingo. "Das hier ist jetzt eines der besten Viertel der Stadt." 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2015 © MERIAN

"Madrid Río ist das Beste, was der Stadt seit langem passiert ist", findet der Atlético-Fan Manolo. Er spricht von einem neuen Selbstbewusstsein, und es ist nicht klar, was er meint: den Süden Madrids oder seinen Verein. Vielleicht beides, denn noch etwas ist Vergangenheit: dass Atlético ein derbi madrileño, ein Stadtderby, selbstverständlich verliert. Jahrelang gingen die Real-Stars, erst Zidane und Figo, später Cristiano Ronaldo, als Sieger vom Platz, von der Saison 2002/03 bis 2012/13, 22 Ligaspiele lang, schafften die Rot-Weißen gerade mal fünf Unentschieden gegen die Stadtrivalen, 17-mal verloren sie. Da konnten die Atlético-Anhänger ihre Ablehnung gegen alles, was Real verkörpert, noch so laut kundtun, von der Gegenseite wurden sie nicht angemessen ernst genommen.

Dann kam Diego Simeone zurück. Der einstige Mittelfeld-Star von Atlético sitzt seit Ende 2011 auf der Trainerbank. Er hat es geschafft, seine Mannschaft zum Angstgegner zu machen, auch für Real. 2014 ist Atlético Meister geworden, das letzte Ligaspiel gegen Real im Februar 2015 wurde 4:0 gewonnen. Durch Veränderungen an entscheidender Stelle sind sowohl die Gegend als auch ihr Stadion nach jahrzehntelanger Kaum-Beachtung auf einmal für ein internationales Publikum interessant.