In Konfetti baden: Beim Finale von "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" hält es keinen der 600 Narren mehr auf den Sitzen. Und das ist nur die Generalprobe. © Georg Knoll für MERIAN

Der Präsident ist nicht zu halten. Zwei Helfer fummeln noch an seinem Kostüm – aus dem Obermessdiener muss schnell wieder der Sitzungsleiter werden. Zu langsam für Andreas Schmitt. "Isch bin draa!", schreit er nach einem Blick auf den Monitor und reißt sich los. Gut zweieinhalb Zentner brechen sich Bahn zur Bühne. Um gleich wieder zurückzuschnaufen, denn erstmal ist Thomas Neger dran und singt noch eins.

Thomas ist der Enkel von Ernst Neger, dem singenden Dachdeckermeister, der in den Fünfzigern mit "Heile, heile Gänsje" ein gebeuteltes Nachkriegsland seelenmassierte und 1964 für einen Überziehungsrekord sorgte – bei seinem "Humba täterä" war der Saal eine Stunde lang außer Rand und Band, die Einschaltquote lag bei knapp 90 Prozent.

Ernst Neger gehörte zu meiner Kindheit wie Winnetou und Old Shatterhand. Und wer wie ich im Februar 1956 geboren wurde, noch dazu am elften, an einem Fastnachtssamstag, der hatte an seinen vorpubertären Geburtstagen nur die Wahl zwischen Cowboy und Indianer. Wir knallten uns gegenseitig mit Zündplättchenpistolen ab und fesselten einander mit Paketschnur. Am Fastnachtsfreitag freilich wurde das Kriegsbeil begraben, "Mainz, wie es singt und lacht" wollte keiner verpassen.

Heute ist wieder ein elfter Februar. An diesem Geburtstag bin ich bei der Generalprobe zur Mutter aller Fernsehsitzungen. Sie wird ein Jahr älter als ich, runde 60. Wobei die Generalprobe keine von Regieanweisungen unterbrochene Veranstaltung ist, sondern eine bis ins Detail echte Sitzung, natürlich mit denselben Akteuren wie bei der Live-Sendung zwei Tage später, mit bunt kostümiertem Publikum, Konfetti aus Kanonen und Luftschlangen, die von der Empore segeln. Für das Finale hängen Hunderte Luftballons an der Decke bereit. Dieses Jahr überträgt der Südwestrundfunk für die ARD, in den geraden Jahren ist das ZDF an der Reihe. Praktischerweise stehen beide Funkhäuser in Mainz. Und dank Internet schunkeln Fans heute weltweit mit.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2015 © MERIAN

Der einzige Unterschied zur Live-Sendung: Noch fehlen die Promis aus Politik und Sport, trotzdem werden sie von Sitzungspräsident Andreas Schmitt schon mal begrüßt. Alles wird aufgezeichnet, als Backup für Freitag. Falls dann der Strom ausfällt, muss man keine Konserve aus dem Vorjahr senden. Die wäre ja auch von der Konkurrenz.

Es ist eng im Saal des Kurfürstlichen Schlosses, im Fernsehen wirkt er viel größer. 600 Narren drängen sich an sieben Tischreihen. Die gegenseitige Nähe hält den Neigungswinkel beim Schunkeln in bandscheibenverträglichen Grenzen und fördert die Stimmung enorm; Gute-Laune-Viren springen in diesem Biotop über wie Läuse in der Kita. Hab ich gerade über einen blöden Witz gelacht? Muss ich wohl, ich klatsche ja noch. "Uiuiuiuiuiuiui, auauauauau", damit quittiert das Publikum gelungene, aber auch missratene Pointen, und ich singe mit. Ein Tusch vom Orchester und weiter im Text.