Barcelona 1897: Im Carrer de Montsió wird gefeiert. Pere hat sein Lokal eröffnet. Pere kennt alle seine Gäste, für ihn sind sie Freunde: Er stundet ihnen das Bier, und bald erhält ein 17-Jähriger einen seiner ersten Aufträge: Pablo Picasso malt das Titelbild der Speisekarte für das Restaurant mit dem Namen "Els 4 gats". Die Gründer der "Vier Katzen" sind außer Pere Romeu die Maler Ramon Casas, Santiago Rusiñol und Miquel Utrillo. Sie und ihre vielen Freunde sitzen dort, trinken, malen, inszenieren Gesänge, Ausstellungen und Puppenspiele.

Es ist eine Zeit der wilden Diskussionen, wie sie auch in München, Paris und Wien stattfinden. Es geht nicht allein um Stil, um Farben und Formen, es geht um alles, ums ganze Leben, um die ganze Kunst und um ganz Katalonien. Santiago Rusiñol veranstaltet wilde Feste im Badeort Sitges, auf denen Künstler ihre neuen Werke vorstellen. Man lebt, wie Pere es in seiner Zeit als Kellner in Paris gesehen hat, möchte sich mit den Unterklassen der boomenden Industriegesellschaft solidarisieren. Es ist die hohe Zeit des Modernisme, der gern als "katalanischer Jugendstil" bezeichnet wird. Maler, Bildhauer, Couturiers, Designer sind auf der Suche nach neuem Ausdruck.

Heute wird der Modernisme fast ausschließlich als Architekturstil wahrgenommen, er schlug sich aber in allen Kunstrichtungen nieder, auch Antoni Gaudí reüssierte als Gestalter von Möbeln und Laternen. Das Haus, in dem sich damals "die vier Katzen" trafen, hatte der Architekt Josep Puig i Cadafalch entworfen, ob er die Kneipe allerdings je betrat, ist nicht bekannt. Auch die anderen großen Architekten kehrten dort wahrscheinlich nicht ein. Sie gehörten nicht zu diesen wilden Bohemiens, sie waren anständige, konservative Bürger.

1903 war Pere Romeu pleite. Zu viele unbezahlte Biere, zu viele verschenkte Bilder. Die Maler und Bildhauer des Modernisme sind heute weitgehend vergessen. Die Architekten jedoch sind Superstars, allen voran Gaudí, Lluís Domènech i Montaner und Puig. Sie gelten als das leuchtende Dreigestirn des Modernisme – als hätten sich da drei zusammengetan, um der Welt der Architektur eine neue, eine moderne Richtung zu geben. Aber so war es nicht. Es war ein Trio aus Einzelkämpfern.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2015 © MERIAN

Lluís Domènech, der Wissenschaftler. Zu Lebzeiten ausgezeichnet, verbrachte er 45 Jahre an der Architekturschule von Barcelona, sein größtes Werk ist auch technisch eine Neuheit: der Palast der Katalanischen Musik – ein Stahlskelettbau mit Vorhangfassade, der erste seiner Art in Spanien.

Josep Puig, Schüler von Domènech, Maler und Kunsthistoriker, Abgeordneter und vierfacher Ehrendoktor. Seine Casa Amatller in Barcelona ist seit Kurzem wieder zu besichtigen.

Und Antoni Gaudí, der religiöse Eiferer, der an seinen Gebäuden Verzierungen anbrachte, die man nur von oben sehen kann – von ganz oben. Sie kannten sich, sie beobachteten sich, sie trafen sich in Architektenvereinen und stritten, manchmal schätzten sie sich auch, aber nie handelten sie gemeinsam. Im Gegenteil, sie beharkten sich, schriftlich, in Tageszeitungen und Zeitschriften. Dabei ging es nicht allein um den richtigen Weg bei der Suche nach einer neuen Architektur, es ging auch ums Geld.