Kleinen Moment, Herr Graßhoff entfacht jetzt einen Sturm. Helge Graßhoff ist Parkwächter im Nationalpark Hainich in Thüringen, er steht auf hölzernen Dielen gute 20 Meter über dem Boden, umgeben von Baumwipfeln. "Nur hier kann man erleben, wie es auf der Höhe der Baumkronen aussieht, wenn der Wind durch den Wald fährt", sagt Graßhoff, der 55-Jährige mit dem kurz gehaltenen weißen Bart ist etwas untersetzt, aber bewegungsfreudig. "Ich nehme mir jetzt diesen Ast und bringe den Baum zum Schwingen, dann bekommen Sie einen Eindruck." Ein paar Leute bleiben stehen, der Effekt ist aufregend: Die ganze Baumkrone wiegt neben und über dem Pfad herum, das Innenohr sagt: "Alles steht still", das Auge sagt: "Alles schwingt hin und her", und das Gehirn sagt nur noch "Aaaah!". Die Leute halten sich lachend am Geländer fest, Graßhoff freut sich. Es funktioniert immer wieder.

Der Baumkronenpfad ist die Attraktion des Nationalparks, gut einen halben Kilometer lang führt er zwischen den Wipfeln der Bäume umher. Von der Plattform eines Aufzugs steigt er ab einer Höhe von zehn Metern sanft auf 24 Meter, gebaut aus verzinktem Stahl mit geriffelten Balken aus Lärchenholz. "Unsere Brüstung ist extra hoch, damit auch Menschen mit Höhenangst sich sicher fühlen", sagt Graßhoff. "Wir wollen die Besucher in die Wipfel der Bäume bringen, weil sich dort ganz viel Leben abspielt." 

Für viele Familien mit kleinen Kindern ist der Pfad eine Offenbarung, auf Plattformen informieren Schautafeln über die Fledermäuse, Schmetterlinge und Spechte hoch in den Bäumen, Kinder, die es hier langweilig finden, gibt es nicht. Graßhoff geht zu einem hohen Turm, der etwa in der Mitte des Pfades steht, eine Treppe führt zu einer 41 Meter hohen, runden Aussichtsplattform, und der Blick von dort oben ist grandios: Der Besucher schaut über den Wald des Nationalparks wie über einen gekräuselten grünen Ozean, dazwischen einige weiße Erhebungen. Es sind Ruhepunkte auf dem Baumkronenpfad, kreisrunde Sitzbänke, geschützt durch ein pilzförmiges Regendach. Sie eignen sich perfekt für ein Frühstück zwischendurch – wobei man aufpassen sollte, dass einem nicht das Brot geklaut wird. "Hier oben laufen manchmal Waschbären rum, die am Gestänge hochgeklettert sind", sagt Graßhoff. Es scheint, als würde der Baumkronenpfad sich gut in seine Umgebung einfügen.

Eigentlich haben Waschbären in Deutschland nichts verloren, sie wurden 1934 von einem hessischen Züchter ausgesetzt mit dem Ziel, die Fauna zu bereichern. Er hatte sich dafür sogar eine Genehmigung der damals noch preußischen Jagdverwaltung geholt. Seitdem haben sie sich in Deutschland ausgebreitet, auch im Hainich-Nationalpark leben einige, hier haben sie viel Platz – und ihre Ruhe.

Der Hainich ist ein Höhenzug in Thüringen nahe der Grenze zu Hessen, bedeckt mit rund 16.000 Hektar Wald, es ist das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet in Deutschland. Im Süden des Hainichs bildet eine hufeisenförmige Fläche von 7.500 Hektar seit Ende 1997 Thüringens einzigen Nationalpark. Seit 2011 gehört er zum Unesco-Weltnaturerbe – als Teil der alten Buchenwälder Deutschlands. Dieser wiederum ist zu 75 Prozent, mit rund 5.500 Hektar, echte Wildnis: Hier greift der Mensch überhaupt nicht ein, der Wald kümmert sich um sich selbst. Im Nationalpark Hainich gibt es etwa 50 Arten von Bäumen, außerdem über 800 blühende Pflanzen und rund 2.100 Käferarten, von denen 500 im abgestorbenen Holz leben.

Dabei ist der Nationalpark mit seinen Rad- und Wanderwegen nicht nur ein Erholungsgebiet für den weitgehend domestizierten Menschen, er dient auch als wertvolles Erkenntnisreservoir für die Universitäten in Jena, Leipzig und Göttingen, die hier von den Käfern am Boden bis zum Kohlendioxidgehalt in den Baumkronen den Wald erforschen. Natürliche Feinde des Waschbären wie Adler und Wölfe gibt es hier nicht, und dem Uhu ist er zu groß. Damit bekommt ein Waschbär, der es in den Nationalpark Hainich geschafft hat, so etwas wie einen Beamtenstatus: Ihm tut keiner mehr was, und wenn er nicht gerade den Park verlässt und vom Auto überfahren wird, hat er ausgesorgt.