Huan Trang sitzt an diesem Novembernachmittag am Sao Beach, er sitzt auf einer aufblasbaren Wasserrutsche und wartet darauf, dass auf seiner Insel die Saison beginnt. In den letzten Tagen schickte der Himmel noch schweren Regen, aber nun kündigt sich die Trockenzeit an. Bald wird wieder die Sonne scheinen und das Meer blau leuchten, werden die Chinesen kommen, die Russen, die Europäer. Zwischen die beiden Gottfiguren in seinem kleinen Schrein hat Herr Trang ein Bündel Dollarnoten geschoben.

Er geht die paar Meter hoch zu seiner Strandbar, die er neben einer großen Plastikspielwiese betreibt, die bei schönem Wetter im Meer dümpelt. Er verkauft in der Bretterbude Eiskaffee, Cola, Reiswein. In einem Bassin mit trübem Wasser liegen Garnelen, Muscheln und kleine Flusswelse, die vielleicht noch leben; auf Wunsch gibt es sie gebraten.

Neben der Bude, hinter der Bude liegt Müll. Zerfetzte Palmwedel, Kanister. Zwei Russinnen laufen barfuß durch den weißen Sand, vorbei an umgekippten Stühlen. Es ist heiß und schwül. Hinten aus dem Dschungel erheben sich hellbraune Wolken und das Dröhnen einer Großbaustelle. Die Tochter von Herrn Trang schiebt sich die Staubmaske wieder vors Gesicht. Über ihrem Kopf weht an einer rostigen, schiefen Stange die Flagge der Sozialistischen Republik Vietnam.

Herr Huan Trang sitzt, wie soll man sagen, zwischen den Zeiten. Sitzt mit seiner kleinen Strandbar und seinem bunten Wasserpark irgendwo zwischen einer alten und der neuen Version der Insel Phu Quoc. Hockt mit seinem Geschäft inmitten einer sich aufblasenden asiatischen Utopie, die bald keine mehr sein wird. Die sich erheben wird wie der Staub aus dem Grün, wie die Drachen aus den Träumen. Herr Trang stochert in seinem Eiskaffee. Sein goldfarbenes iPhone bimmelt, seine Füße spielen mit den Latschen. Er weiß es noch nicht, vielleicht will er es auch nicht wissen, aber bald, in den nächsten zwei, drei Jahren, wird er davongespült werden wie ein Körnchen von einem Tsunami.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017 © MERIAN

Bis dahin aber singt Herr Trang sei­ne Hoffnung hinaus aufs Meer. Er brei­tet die Arme aus, sagt auf Englisch: "beautiful ocean, many tourists, very beautiful." Vor zehn Jahren schlief die Insel Phu Quoc noch. Viel Busch, viel Grün, schmale, einsame Strände. Die Fischer fuhren auf ihren Sampans, den typischen flachen Booten, in den Dörfern liefen Hühner.

Dann kamen eines Tages die ersten Traveller, sie kamen aus Thailand, weil man dort schneller mit der Zeit ging, weil es dort längst immer voller wurde. Die Traveller fanden eine Insel vor, die ihren Gelüsten entsprach. Leer und billig, fast nur Einheimische. Warmes Meer, Garküchen. Die Bauern mit Kegelhüten, die auf rostigen Drahteseln neben den Reisfeldern fuhren. All die friedlichen Bilder, die der Klang des Wortes Vietnam versprach.

Vor sechs Jahren tauchten bereits mehr und mehr Reisende auf, Winterflüchtlinge, die Geld hatten. Kleine Gasthäuser entstanden, Hotels, Restaurants, und irgendwann muss irgendwer den ersten Cheeseburger auf der Insel gebraten haben. Vor vier, fünf Jahren wuchs der erste Palast. Der alte Flughafen wurde stillgelegt, der neue, größere und weiter im Süden gelegene eröffnet. Vor drei Jahren rochen die ersten großen Investoren die Luft der Insel. Das Internet hatte die Nachricht rasend schnell verbreitet, die Posts, die bunten Bilder, die Seiten der Reiseberichte.

Vor einem Jahr hat die sozialistische Regierung an einigen Resolutionen herumgeschraubt. Die Bedingungen dafür, Geld in Vietnams größte tropische Insel zu stecken, verbesserten sich weiter. Und so wurde schließlich investiert in die schönsten Sonnenuntergänge des Landes, in die Strände, in die Verheißung eines Ferienparadieses. Danach ging alles sehr schnell. Mit den Milliarden kamen die Planierraupen. Der Drache, der nun Appetit auf die Insel hatte.