Es ist diese Sprache, die ich immer lieben werde. Die Wörter der Menschen, die von hier kommen, haben gleichsam abgerundete Ecken und singen ein bisschen. Das bleibt so, auch wenn das Leben sie sonstwohin verschlägt – einen Rheinhessen, eine Rheinhessin würde ich immer erkennen, auch wenn sie chinesisch sprächen. Die Färbungen wechseln zwar, vom Pälzische bis zum Meenzerische, aber die weiche Freundlichkeit bleibt gleich.

Die Familie meiner Mutter kam von hier, und wenn wir sie, aus der raustimmigen Oberpfalz kommend, besuchten, waren die weichen Wörter das erste, das mir auffiel. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man in dieser Sprache mit den vielen Verkleinerungen und Tonzärtlichkeiten schimpfen, fluchen oder jemandem etwas verbieten würde. Eine meiner zahlreichen Tanten hieß Ria und wurde Riaschelsche genannt, das muss man sich mal vorstellen. Aus dem hochnäsigen Coq au vin wurde das Woihinkelsche, das so liebenswürdig klingt, als sei das Huhn freiwillig in den Topf gesprungen.

Mein Rheinhessen begann in Bingen, Büdesheim und Bingerbrück. Die drei sind durch Eingemeindung längst eins, aber für mich war Bingen die Stadt, Büdesheim das Dorf und Bingerbrück weit weg. Heute legt sich ein schwerer Kordon von Straßen um die geeinte Stadt, und man findet gar nicht so leicht dorthin, wo man hin will. Ausfahrten über Ausfahrten! Und wenn man dann da ist, erkennt man vieles nicht mehr. Auch gilt es, sich über die vielen Baustellen mit Bildern von einst zu trösten.

Ein Zentrum meines rheinhessischen Kinderlebens waren Gasthaus und Brauerei Felsenkeller in der Amtsstraße, Ecke Neugasse, ein schmuckloser Bau, in dem Battist und Annchen, Großonkel und Großtante, samt Hund Bussi residierten. Jean Baptiste, genannt Battist oder auch Schambes, was wieder so ein weicher Name ist, ein bis zum heutigen Tag in den Stadtlegenden lebendig gebliebenes Original, war riesig, kahlköpfig und schön. Ich liebte ihn, das Wirtshaus, den Braukeller und das ganze Haus heiß und innig, genauso wie das Weingut, in das Battists Schwester geheiratet hatte. Wie anders dort alle waren als daheim in Regensburg, wie lustig und lässig.

Ich durfte mich im Braukeller einsauen, unvernünftiges Zeug zu unvernünftigen Zeiten essen, und nie sagte jemand, dass jetzt aber Schlafenszeit sei. Das hatte mit Ferienlaune nichts zu tun, sie waren einfach so. Heute werden auf dem Gelände des Weinguts in Büdesheim Wohnhäuser gebaut, und das legendäre Gasthaus Felsenkeller in der Binger Innenstadt ist von Bränden schwer gezeichnet. Immerhin gibt es Hoffnung, dass die alten Kellergewölbe wiederentdeckt werden, Heimatkundler interessieren sich für sie.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2015. © MERIAN

Hundert Jahre bevor ich geboren wurde, schrieb der Arzt J. B. Schmitt zu Bingen am Rhein: "Die Bewohner von Bingen erfreuen sich eines gesunden Familien- und Bürger-Lebens; sie tragen nichts von dem Gepräge der Großstädter – und gleichen ganz der Gegend, die sie umgibt; sie sind heiter, freundlich und offen, – gesellig, lustig und fleißig, scherzen des Lebens betrübende Sorgen hinweg..." Wenn ein Arzt so was schreibt, muss es ja stimmen, und genau so habe ich es mehr als hundert Jahre später auch empfunden. Denn wie in jeder Familie gab es auch in meiner betrübende Sorgen, man wurde aber in diesem Landstrich offenbar besser damit fertig als anderswo. Sie waren Winzer, Weinhändler, Brauer, Gastwirte, jeder hatte sein eigenes kleines Fürstentum, seine Souveränität.

Ich habe dort nie die damals allgegenwärtige Frage "Was werden die Leute sagen?" gehört. Eher den wunderbaren Spruch "Loß doch dem Kind sei Rasselsche!". Was eine freundliche Umschreibung dafür ist, dass jeder seinen eigenen Spleen haben darf, wenn er keinem wehtut. Das Narrentum ist eine respektable, hingebungsvoll gepflegte Kultur hierzulande, durchaus nicht nur in Mainz. Den Hinweis auf den Binger Doktor, der sich mit dem Lokalcharakter so gut auskannte, verdanke ich übrigens einem rheinhessischen Heimatforscher, Herrn Schaub, der in den Tiefen von heimatlichen Archiven offenbar so zu Hause ist wie Schneewittchens Zwerge in ihrem Berg. Fast täglich fördert er Kostbarkeiten zutage.