Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut sich um. Der Anstieg ist eine Herausforderung. Nicht für ihn, aber für die anderen. Der Weg windet sich bergauf durch die Reisfelder und ist so schmal, dass man einen Fuß hinter den anderen setzen muss. Die zwei Wanderer hinter ihm haben Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Über Nacht hat es geregnet, ihre Schuhe schmatzen im Matsch. Als sie an ein Bachbett kommen, zögert die Frau. Lu streckt seine Hand aus. "Vertrau mir", sagt er. "Du kannst es, du kannst fliegen." Die Frau fasst seine Hand und springt beherzt über das Wasser. Lu lächelt ihr aufmunternd zu. Dann tänzelt er in seinen Gummistiefeln weiter leichtfüßig den Weg hinauf. Fast so, als würde er schweben.

Lu Muas, 22, schmale Hände, kindliches Gesicht, ist Bergführer aus Sapa. Drei Tage lang lotst er eine kleine Trekkinggruppe durch die Reisterrassen auf den Hängen des Hoang-Lien-Son-Gebirges. Wer im September kommt, wandert durch eine goldene Landschaft. Jetzt im August leuchten die Ähren in allen erdenklichen Grüntönen. Aus der Ferne sieht es aus, als habe der große Landschaftsarchitekt den Bergen eine Decke übergeworfen. Zwischen den Reisfeldern grasen graue Wasserbüffel, surren rote Libellen, flattern knallblaue Schmetterlinge. Und in der Ferne strecken die Berge ihre Spitzen bis über 3000 Meter in die Höhe.

Ein dreitägiger Treck vorbei an Reisterrassen durch die imposante Bergwelt im Norden Vietnams weckt Sehnsucht bei allen, die ein Land am liebsten zu Fuß erkunden. Manch einen Reisenden zieht auch die diffuse Suche nach einfachem Glück in diese grandiose Landschaft. Die Hoffnung, hier auf Menschen zu treffen, die in Einklang mit der Natur ein simples, aber zufriedenes Leben führen.

Die Wanderwege rund um Sapa verbinden die Dörfer der Bergvölker. Und so tauchen wir mit jedem Schritt auch ein Stück in die Kultur der Hmong, der Dao oder der Tay ein, die hier seit Generationen zu Hause sind. Unterwegs sehen wir Kinder, die barfuß auf den Lehmwegen spielen. Manchmal müssen wir Halbstarken ausweichen, die auf ihren Mopeds überschüssiges Adrenalin loswerden. Wir treffen alte Männer, die uns zahnlos lächelnd ein Huhn verkaufen wollen, und junge Kerle, die gebückt gehen von der Last ihrer Reissäcke.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017 © MERIAN

Wir, der Fotograf Philipp und ich, dagegen reisen mit leichtem Gepäck: Im Rucksack sind nur eine Trinkflasche, die Regenjacke, die Zahnbürste und ein Ersatz-T-Shirt. Vom Komfort und von überflüssigem Ballast haben wir uns schon in Hanoi verabschiedet, als wir dort in den Nachtzug gestiegen sind. Acht Stunden rumpelte der Zug durch die Nacht, wir lagen in den schmalen Kojen und haben uns von dem Ruckeln in den Schlaf wiegen lassen.

Irgendwann im Morgengrauen kamen wir in Lao Cai an. Minibusse haben uns über schmale Serpentinen hinauf nach Sapa geschaukelt. Dort saßen wir dann etwas übernächtigt mit anderen Wanderern in den Cafés und haben erst mal einen ca phe sua getrunken, starken vietnamesischen Kaffee mit süßer Kondensmilch. Einer nach dem anderen hat seinen Rucksack geschultert und sich mit drei,vier anderen Wanderern und einem Bergführer auf den Weg nach Nam Sai, Ta Van oder in ein anderes Dorf gemacht.

Welchen Ort man auch ansteuert, zur Wanderung gehören nicht nur einmalige Ausblicke auf Reisfelder und Wasserbüffel, sondern auch Übernachtungen in den Häusern der ethnischen Minderheiten. Sie sind Teil des Erlebnisses, in den meisten Dörfern gibt es weder Hotels noch Pensionen. "Heute Abend schlafen wir bei Mai. Sie ist eine Hmong, genau wie ich", sagt Lu. "Aber sie kocht besser. Das Essen von Mai ist wirklich vorzüglich."