Niemand sieht dem Haus an, wie viel revolutionäre Energie in seinen Mauern steckt. Nicht auf den ersten Blick jedenfalls. Was da am eleganteren, weniger geschäftigen Ufer des Mains die Promenade beherrscht, ist ein Palast aus wilhelminischer Zeit, prunkvoll, mit Freitreppe und krönender Kuppel. Doch sind es nicht Fürsten oder der Kaiser, die ihn erbaut haben, sondern Bürger, Kaufleute und Gelehrte, freie und aufgeklärte Geister, die ihre Schätze dort in zeitgemäß würdiger Umgebung ausbreiten wollten.

Das Städel ist das Juwel in der Kette der Sammlungen am Schaumainkai, von den Skulpturen im Liebieghaus über das Architektur- und das Filmmuseum bis zum Museum für Angewandte Kunst, ein Zentrum des geistigen und gesellschaftlichen Lebens. Seine Idee und sein Inhalt prägen das Selbstverständnis der Stadt und ihrer Bürger, seitdem der kinderlose Bankier Johann Friedrich Städel 1815 den Mut und die Fantasie besaß, in seinem Testament nicht die lauernde Verwandtschaft zu bedienen, sondern eine Stiftung als Erbe einzusetzen. Das war revolutionär: Sein Vermögen und die Kunstwerke sollten der Bürgerschaft gehören.

Seither überbieten sich die Frankfurter in der Fürsorge für ihr Städel. Sie schenken und spenden, kaufen an, erweitern und vergrößern, koordinieren ihre Großzügigkeit im Förderverein, zelebrieren glanzvolle Galas, backen Brot mit dem Logo des Museums und sammeln auf der Straße, wenn ein Angebot auf dem Kunstmarkt kurz entschlossenes Handeln erfordert. How to spend it? Wohin mit dem Wohlstand? Man stiftet! Nicht nur die fast 8.000 Mitglieder des Museumsvereins folgen der bürgerschaftlichen Frankfurter Tradition.

Ein ganzes Museum unter Tage

Vor 130 Jahren kam so auch das Porträt des lässig hingegossenen "Goethe in der römischen Campagna" von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ins Haus, ein Geschenk der Bankierstochter Adèle von Rothschild. Das Gemälde hängt an der Stirnwand hinter der großen Treppe – Prunkstück der Sammlung und Wahrzeichen einer Banken- und Börsenmetropole, die sich gern als Ort des Geistes, der Bildung und der schönen Künste feiert.

Und so schreibt das Museum seine Erfolgsgeschichte fort: Als sich der Direktor des Hauses, Max Hollein, im Frühjahr 2016 nach San Francisco verabschiedete, konnte er nicht nur auf eine kaum überschaubar facettenreiche und inzwischen weltberühmte Sammlung mit Werken von Rembrandt und Cranach über Kirchner und Picasso bis Gerhard Richter und Cindy Sherman verweisen, nicht nur auf eine Kette eindrucksvoller Ausstellungen zu Dürer, Botticelli oder Claude Monet, für die jedes Mal Hunderttausende am Ufer des Mains Schlange gestanden hatten – er hinterließ den stolzen Stiftern ein ganz neues Museum: Unter dem Rasen des berühmten Städelgartens erstreckt sich hinter dem Haus ein unterirdischer Erweiterungsbau, in dem die Sammlung den Kontakt zur Gegenwart knüpfen kann, 3.000 Quadratmeter groß, von Säulen gestützt und durch 195 Bullaugenfenster in der gewölbten Decke mit dem Tageslicht verbunden. 52 Millionen Euro waren aufzubringen; die Ausstellungsfläche des Museums hat sich fast verdoppelt. Das war 2012 – und schon mal ein ganz überzeugender Ansatz zur Revolution.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016 © MERIAN

Die wirkliche, fundamentale Zeitenwende aber wurde zum Jubiläum des 200-jährigen Bestehens eingeleitet, 2015. Sie kommt weniger spektakulär daher und birgt doch ungeheures Potenzial: Das Städel verlegt seinen Schwerpunkt ins Internet. "Muss ein Museum edukative Computerspiele für Kinder entwickeln?", fragte Hollein damals stellvertretend für ein Publikum, das sich noch ein bisschen schwer damit tat, die Technik einer Spielekonsole und die lang gehegten Ideale von Aufklärung und humanistischer Bildung in Einklang zu bringen. "Muss es Kunstgeschichte online vermitteln, seine eigenen Youtube-Filme produzieren, viele sogar gemeinsam mit 3sat und Arte? Muss ein Museum digitale Vorbereitungskurse für seine Ausstellungen anbieten?" Und gab sich selbst die Antwort: "Muss es nicht. Aber wir dürfen das als gemeinnützige Institution nicht alles den kommerziellen Anbietern überlassen." 

Wie bitte? Das Museum schafft sich selber ab? Das Publikum soll die Kunst am Bildschirm genießen, gratis, verpixelt und in der Dramaturgie eines "Call of Duty" oder "Super Mario"? Das wäre eine schlechte Revolution. Doch die Praxis widerlegt alle Einwände, schon die ersten Zahlen bestätigten den Erfolg: 280.000 Nutzer luden sich im Frühjahr 2015 die Einführung zur Ausstellung von Monet von der Homepage des Museums, ein Programm von einer Stunde.