Die Urlauber, die an diesem Sonntagnachmittag Ende August beim kleinen Edeka-Markt in Morsum schnell noch was einkaufen wollen, wundern sich: Warum ist der Parkplatz so voll? Nur wer bis ans Ende durchfährt, sieht rechts die Pferdeanhänger und erhascht beim Wenden einen Blick auf die Wiese hinter dem Supermarkt, auf der Pferde galoppieren: Ach, ein Reitturnier!


Dass hier nordfriesisches Brauchtum gepflegt wird, wissen fast nur Einheimische. Ein paar Dutzend von ihnen haben sich heute als Zuschauer eingefunden, um mit Lanzen bewaffnete Reiter anzufeuern. Mit energischem Blick rasen die auf eine Konstruktion aus zwei Holzpfeilern zu, als gälte es, einen entgegenkommenden Ritter ins Herz zu treffen. Ihr Ziel: einen Messingring aufspießen, der an einem Bändchen zwischen den Pfeilern baumelt und nicht größer ist als ein Ehering. Und als wäre das nicht Herausforderung genug, gibt es statt isotonischer Sportdrinks zwischendurch eine Runde Pils oder die hellbraunen "Hallöchen", Korn mit einem Schuss Cola. Alle acht Sylter Ringreitervereine haben ihre Besten, ihre Trinkfestesten geschickt.

Am Ende des Tages ist es Kai Petersen vom "Archsumer Ringreiterverein von 1863", der am häufigsten getroffen hat: 14 Mal. Eine stolze Leistung des Schafzüchters, wenn man die erschwerten Bedingungen bedenkt, die sich die Insulaner für ihr kurioses Hobby auferlegt haben. Was anderswo die Basis bildet, ist beim Sylter Ringreiten verpönt: Training. "Andere mögen vor Wettkämpfen üben – wir kriegen das auch so ganz gut hin", sagt Petersen, dessen Urgroßvater schon mit Lanze aufs Pferd stieg.

Damals strömten Hunderte Zuschauer zu den Turnieren, heute sind die Einheimischen bei den Wettbewerben weitgehend unter sich. Seit den achtziger Jahren zielen zur Verstärkung auch Frauen auf die Ringe. Eine von ihnen ist Ariane Espersen, sie trägt die Schärpe vom "Amazonencorps Weiße Lanze". Ihre rechte Augenbraue ziert ein Piercing, an ihrer Reiterjacke prangen Ehrennadel und Medaillen. "Die Tradition, die Kameradschaft, die Geselligkeit" schätze sie am Ringreiten, erzählt die 41-Jährige. "Ich bin sogar in drei Vereinen gleichzeitig aktiv."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2015 © MERIAN

Mit Selbstbewusstsein und friesischer Sturheit das kulturelle Erbe bewahren – vielleicht war das auf dieser Insel nie so wichtig wie heute. Ihre friesischen Ureinwohner, deren Stammbäume nicht selten bis zu den großen Walfang-Kapitänen reichen, genießen wie Dänen, Sorben, Sinti und Roma den Status einer staatlich geschützten Minderheit. Aber auch das wird nicht verhindern, dass die Sylter aussterben. Immer mehr Einheimische, die auf der Insel aufgewachsen sind, müssen aufs Festland ziehen, sobald sie einen eigenen Hausstand, eine Familie gründen, weil sie keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden. Und nachdem die Geburtshilfestation der Nordseeklinik in Westerland 2014 geschlossen wurde, kommen "echte" Sylter nur noch im Notfall oder als Hausgeburt zur Welt.

Statt auf Nachbarn mit spielenden Kindern blicken die verbliebenen Insulaner mittlerweile fast ganzjährig auf leer stehende Häuser. Zweitwohnungsbesitz macht fast 30 Prozent des Gesamtwohnraums aus. Über den Ausverkauf der Insel wurde zwar auch schon früher lamentiert, aber die Warnungen vor den Folgen waren noch nie so eindringlich wie heute. Laut einer von der Gemeinde Sylt in Auftrag gegebenen Studie meint nur noch ein Viertel der Haushalte, dass es in ihrer Gegend ein intaktes Ortsleben gebe. Die Insel lebt gut von ihren Gästen, keine Frage, aber es droht der Verlust der eigenen Identität. Und so versuchen die Sylter alles, um die Traditionen und Bräuche ihrer Heimat zu bewahren. Sie vor dem Vergessen zu retten.