In Westerland zu wohnen, das kam für mich nie infrage. Seit ich hier lebe, hat sich das geändert. Heute will ich nicht mehr von hier weg. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob mein Blick über die Jahre gnädiger geworden ist oder ob Westerland selbst sich so geändert hat.

Niemand würde ernsthaft behaupten, Westerland sei schön. Dafür dominiert die Siebziger-Jahre-Bebauung in der Innenstadt zu sehr. Wer sich jedoch im Rathauspark das Bronzemodell der Stadt ansieht, erfasst auf einen Blick, dass der architektonische Brutalismus nur manche Bereiche des Ortes erfasst hat. Bummelt man wachen Blickes durch die Straßen, entdeckt man erstaunlich viele kleine Türmchen, Erker, Holzbalkone und Pappdächer, die noch von einer Zeit erzählen, als Westerland zu den deutschen Boomtowns der Sommerfrische gehörte. Das ist allerdings schon mehr als hundert Jahre her.

Der Wandel gehört zu Westerland wie die Wellen am Weststrand. In früheren Jahrhunderten war es das Meer mit seiner Zerstörungskraft, heute sind es die heranflutenden Massen von Urlaubern, Investoren und Glücksrittern, die dazu beigetragen haben, dass Westerland einen ganz eigenwilligen Charme besitzt.

Die Insulaner scheinen dabei irgendwie immer ein Spielball dieser fremden Mächte gewesen zu sein – jedenfalls empfinden sie es so – und fühlen sich deshalb vermutlich auch nicht wirklich für das Aussehen der Inselmetropole verantwortlich.

Für mich ist dieser Ort wie ein viel getragenes und geliebtes Kleidungsstück: immer wieder ausgebessert, erneuert, mit einer langen Geschichte, und auch wenn man die Brüche deutlich sieht, es trägt sich einfach wunderbar. Fast alles, was das Leben lebenswert macht, findet man in Westerland vor Ort: in vielen Teilen noch eine gelebte Nachbarschaft, um die Ecke der Bäcker, der Lebensmittelmarkt, Traditionsgeschäfte, in denen man mit Namen begrüßt wird, und dann, am westlichen Ende, wenn es normalerweise nicht mehr weitergeht, die kleine Strandpromenade mit der launenhaften Nordsee gleich dahinter. Und das Schönste daran: Wenn man das alles nicht mehr sehen will, ist man in wenigen Minuten am Bahnhof und kann Westerland und der Insel den Rücken kehren. Aber wer will das schon?

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2015

Wie man mit einem kostbaren Tuch oder schönem Schmuck ein altes Kleid aufpeppen kann, hat auch dieser Ort zwei Gesichter. Im Winter piefig, grau und oft auch unerträglich kleinbürgerlich. In der insularen Tageszeitung gibt der Sylter in Leserbriefen seine Meinung kund, und man erfährt die Ergebnisse sämtlicher Vereinssitzungen. Und in der Sylter Welle dümpeln im 30 Grad warmen Thermalbad fast ausschließlich Einheimische und werfen sich die neuesten Klatsch- und Tratschgeschichten zu oder erzählen von ihren Urlaubsabenteuern. Aber dann, wenn die Saison sich anbahnt und die Gäste langsam die Straßen bevölkern, wird Westerland auf einen Schlag bunt, fröhlich, oft auch laut. Das Tempo verändert sich merklich, plötzlich wird klar, wer die letzte Saison überlebt hat und wer nicht, weil neue Werbetafeln und Banner an den Läden angeschraubt werden. Nichts erinnert mehr an die bleierne Stimmung noch wenige Wochen zuvor, als die Sonne sich tagelang nicht blicken ließ oder an diese Sturmtage, wenn der kräftige Westwind den Müll aus umgestürzten Tonnen durch die Straßen fegte.

Westerland kommt nicht nur im Wechsel der Jahreszeiten wie Jekyll and Hyde daher, auch das Ortsbild zeigt zwei ganz verschiedene Gesichter: Erreicht man die Insel per Bahn über den Hindenburgdamm, wird man vom Bahnhof mit den Massen die Friedrichstraße entlang gen Westen getrieben. Schon nach wenigen Schritten findet man hier alle Klischees erfüllt, die man mit Westerland verbindet.

Würde man stattdessen am Bahnhofsvorplatz gleich nach rechts abschwenken, vorbei an der mit einem riesigen Leuchtturm bemalten Fassade eines Mietshauses (eine Malaktion, die verständlicherweise zu ähnlich erhitzten Diskussionen über Kunst führte wie die Einweihung der grünen Männchen vor dem Bahnhof), würde man nichts von dem wiederfinden, was man gemeinhin mit Westerland in Verbindung bringt. Weder Shops noch Boutiquen, noch Kneipen, Strand oder Hotels, nicht einmal ein kleines Café ist in Alt-Westerland zu finden (für Existenzgründer in meinen Augen noch eine echte Marktlücke). Stattdessen kleine Pfade, alte Friesenhäuser, aber nicht so aufgehübscht wie in Keitum, das Pastorat mit dem angegliederten BBZ (Beratungs- und Behandlungszentrum für Lebenskrisen und Suchtproblematik, das der Tatsache geschuldet ist, dass Sylt in den siebziger Jahren Drogenhochburg von Schleswig-Holstein war) und darunter der Gemeindesaal, in dem die Sylter Tafel regelmäßig Lebensmittel verteilt. Man entdeckt eine zauberhafte Kirche, genannt St. Niels, die über 350 Jahre alt ist und noch 500 Jahre älter sein könnte, wenn Eidum, der Vorläufer von Westerland, nicht bei einer Sturmflutkatastrophe versunken wäre. Es gibt tatsächlich Gäste, denen man längst die goldene Ehrenkurkarte von Westerland verleihen könnte, wenn es denn so etwas noch gäbe, die hier noch nie waren. Alt-Westerland ist wie Großmutters Erbstück, die Brosche, die das viel getragene Kleid veredelt.
Erst wenn man in dieser Ecke herumgeschlendert ist, bekommt man eine Ahnung von dem Respekt und dem Misstrauen der Sylter gegenüber dem Meer und seiner Zerstörungskraft. Aus gutem Grund wurde die neue Siedlung im 15. Jahrhundert gute drei Kilometer landeinwärts erbaut. Heute steht man bereits nach 1.200 großen Schritten auf der Promenade – was für ein Landverlust!