Zu zweit und im Stehen schmecken Tapas am besten. © Christina Körte für MERIAN

Vor mir auf einem Tellerchen dieser Speck. Kleine Streifen knusprig frittierter, saftiger, würziger Schweinespeck. Der Speichel läuft mir in die Lefzen und ich denk: Reiß dich zusammen, ein Stück oder zwei, nicht reinhauen, probieren - wie die Spanier! Ich gucke nach links und rechts zu meinen Theken-Nachbarn, wir stehen in einer Markthalle, mittags gegen drei. Der rechts im Anzug bekam, kaum dass er eingetreten war, ein Tellerchen mit Safran-Reis und einem Stückchen Krebs auf die marmorne Theke geknallt. Stammgast. Das muss das Geräusch sein, das Daniel Brühl meinte. Der deutsch-katalanische Schauspieler hatte eine Tapas-Bar in Berlin eröffnet und in einem Interview gesagt, er habe bei der Auswahl des Marmors darauf geachtet, dass er den richtigen Klang erzeugt. Den Klang, den Gläschen oder Tellerchen machen, wenn ein echter Spanier Tapas genießt. Nicht verschlingt, wie ich.

Die ältere Dame rechts mit den rot lackierten Fingernägeln knabbert an einem Hühnerbeinchen. Sie zupft eines der absorbtionsunfähigen Serviettchen aus dem Spender und wischt sich den Saft von den Wangen. Dann lässt sie es auf den Boden fallen, zu den anderen zerknüllten Papierchen, die wie i-Tüpfelchen alle Tapas-Bars Spaniens garnieren. Sie lächelt mich an und fragt, als verstünde ich nur Spanisch für Kinder: "Gut?" Ich greife demonstrativ zum vierten Speckstreifen, obwohl ich doch weiß, jetzt kommen noch die panierten Sardellen, die Tortilla mit Zwiebeln und der grüne Spargel. Strahle sie an. Und rufe, in das Gedränge, das Geknalle und Geschmatze, zu der hübschen Kellnerin: "Otro besito!" Alle lachen. Ich auch. Ich wollte noch ein Gläschen Wein, vasito, haben. Ist mir ein besito, ein Küsschen, rausgerutscht. War wohl schon zu viel, mitten am Tag.

Denn die anderen hier sind in ihrer Mittagspause. Die Dame neben mir hat sogar eine Essensmarke von ihrem Arbeitgeber, und ich denke voller Neid: Diese wunderbare spanische Tapas-Kultur, in Deutschland haben wir nichts Vergleichbares. An Portiönchen von Schinken, Oliven, Käse, Fisch, Kartoffeln und mit Ochsenschwanzragout gefüllten, panierten, kleinen Paprika knabbern? Die Bude voller Leute, aufgereiht wie Täubchen an der Theke. Ein Glas Wein, gespritzt, Sherry oder Wermut dazu. Und rechts und links und vor und hinter dir: zugewandt, aber unaufdringlich schwatzen – mit jedem! Jeden Abend! Und manchmal sogar mittags.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2015 © MERIAN

Es ist diese sehr soziale, sehr sinnliche und sehr alltägliche Kulturform, die man mit "Tapas" betiteln kann. Tapas von "Deckel". Weil der König, als die Kutscher zu viel soffen, verfügte, die Wirte sollten ihnen noch ein Häppchen draufgeben. Heißt es. Oder auch: Gegen die Fliegen habe man das Glas gedeckelt und mit Oliven beschwert. Wie auch immer, ob symbolisch oder real: Ich will lernen, auch so en passant um halbe Rationen zu flanieren. Aber wie und wo? Es gibt Tapas auch in Barcelona, auch in Sevilla, da werden sie oft "mezze" genannt, ein Erbe der Araber. Die Basken nennen sie Pinchos. Ich bin in Madrid, und in manchen Gegenden dieser Stadt gibt es so viele Tapas-Bars wie in meinem Berliner Viertel Coffeeshops, also pro Block etwa fünf.

Ich könnte in jedem Viertel die beste Tapas-Bar suchen. Oder die urigste, die leckerste, die visionärste. Oder ich fress’ mich durch, in der Calle Cava Baja im Stadtteil La Latina, wo eine Bude neben der anderen liegt, auf beiden Straßenseiten. Oder ich bleibe an der Theke von einer einzigen hocken, bis ich total voll bin mit Tapas, Vino, Eindrücken und Erfahrung.

Aber ich bin ja jetzt schon beschwipst. Ich bin auch die einzige, die ein zweites Weinchen bestellt hat. Und deren Speck-Teller fast leer ist. Das ist nicht der Sinn der Sache. Das Tapas-Ding soll Leichtigkeit haben. Man schlendert so von einer Theke zur nächsten, nippt, kostet und plaudert un-an-ge-strengt.