Es ist eine alte Liebe. Ich mache mich auf, eine Stadt zu entdecken. Wiederzuentdecken. Es war einmal: Ich, im Jahr 2008, 25 Jahre alt und Filmstudent, wurde für das Literatur-Stipendium "Erfurter Stadtschreiber" ausgewählt, lebte also von April bis August in dieser Perle von Stadt, in der Kleinen Synagoge im Herzen der Altstadt, Spuckweite zur Krämerbrücke. Vier Monate Zeit, diese Stadt zu erobern, Erinnerungen zu schaffen, Freundschaften zu schließen.

Alle westdeutschen Freunde sagten damals: Erfurt? Platte? Osten? Amoklauf? Keiner kannte die Stadt, aber alle hatten ein Bild, ein völlig falsches. Erstens: Erfurt liegt in der Mitte, nicht im Osten, etwa 50 Kilometer vom geografischen Mittelpunkt Deutschlands entfernt. Zweitens: Natürlich gibt es hier Plattenbauten, aber vor allem auch einen einzigartigen mittelalterlichen Kern, der Erfurt zu einer der schönsten Städte in Deutschland macht, fast schon zu schön, aber dazu später. Und drittens: Den Amoklauf, den gab es, sechs Jahre vor meinen Monaten als Stadtschreiber, und er ist einer der Brüche, die Erfurt eben auch ausmachen. Man muss sie suchen, diese Brüche in der puppenstubenhaften Schönheit, aber sie sind es, die Erfurt zu einer ernsthaften Stadt machen, einer Stadt, die lebt und atmet und nicht nur Kulisse ist für Tausende von Besuchern aus aller Welt.

Erfurt ist ein Museum. Die Stadt ist uralt, erstmals schriftlich erwähnt schon 742, also voll von Geschichte und Geschichten. Dass Luther hier studiert hat und sich danach den Augustinermönchen anschloss, dass auch Meister Eckhart, einer der größten deutschen Philosophen und Theologen, hier gelebt und gewirkt hat, das alles weiß man vielleicht noch. Erfurt hatte eine der ersten Universitäten Deutschlands und ein einzigartiges jüdisches Erbe: mit der weitgehend erhaltenen Alten Synagoge und dem in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gefundenen Schatz, den vermutlich ein jüdischer Bankier während des Pogroms von 1349 vergraben hatte.

Die Krämerbrücke, die den wunderschönen Wenigemarkt und den Benediktsplatz verbindet, ist die einzige vollständig bebaute und bewohnte Brücke nördlich der Alpen, 128 Meter lang, mit 32 Häusern bestanden, dicht an dicht, Balken an Balken, sodass man die unter ihr entlangfließende Gera gar nicht sehen kann. 1175 wird die Krämerbrücke zum ersten Mal als Brücke schriftlich erwähnt. Und hätten sich nicht engagierte Bürger in den 1990ern gegen die Vergabe der Häuser an die großen Allerweltsketten engagiert, wären hier heute wohl keine Manufakturen, Holzbildhauer, Kleinkünstler und Antiquitäten zu finden, sondern Chicken Nuggets und pinke Polyesterkleidchen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2017 © MERIAN

Damals, an meinem ersten Tag hier, habe ich mir ein Eis gekauft und meine Füße in die Gera gehalten. Dann nahm ich mein Herz in die Hand und bin zu meinem ersten Interview in die Redaktion von Radio F.R.E.I. (Freies Radio Erfurt International) gegangen. Ich blieb den halben Tag und war danach ständig dort. Von da an lief alles wie von selbst. Freundschaften, lange Nächte, kleine Abenteuer, tausend Projekte. So auch dieses Mal wieder, ich bin zurück, endlich, mit meiner Frau, die noch nie in Erfurt war. Ich habe Sorge, ihr auf die Nerven zu gehen, wenn ich überall stehen bleibe und mit dem Finger auf Häuserecken zeige, aber ich merke, wie die Geschichten sprudeln.

Vielleicht ist es die beste Idee, andere erzählen zu lassen. Also rufe ich ein paar alte Freunde zusammen, und plötzlich sitzen wir in der anbrechenden Nacht im Hirschgarten und unterhalten uns. Was sich getan hat, frage ich, H. zuckt die Schultern, voller sei es geworden, schwieriger, Raum zu finden für Ideen, Projekte oder ganz profan: sich selbst. In ein paar Jahren, sagt er, werden wir alle in der Nordstadt leben, weil wir es uns hier nicht mehr leisten können. Mir wird klar, dass ich eigentlich nichts von der Stadt kenne außerhalb des Altstadtrings. Hier sind die Cafés, die Bars und Kneipen, alles, was es braucht. Die Wege sind kurz, verschlungen und schön, kein Grund rauszufahren, wenn man mittendrin wohnt. Das ändert sich langsam.

Bürgerliches Aufbegehren

Als die Getränke alle sind, laufen wir zum nächsten "Stützer", einem Getränkekiosk, nichts scheint in Erfurt weiter als drei Minuten entfernt. Wir landen wieder im Hirschgarten, setzen uns in die warme Sommernacht, noch immer in T-Shirt und kurzer Hose, rauchen, trinken, und ich höre die Geschichte des Hirschgartens noch einmal: Mitte der 1980er Jahre sollte in der Altstadt ein "Haus der Kultur" entstehen. Große Teile der historischen Bausubstanz wurden abgerissen, man begann mit dem Bau eines Kolosses. Stahl und Beton wurden in den Boden gerammt, und das riesenhafte Bauskelett bekam unter den Erfurtern den Spottnamen "Schiffshebewerk". Der Bau wurde nie fertiggestellt und schließlich abgerissen. Eine riesige Baugrube klaffte hier zehn Jahre lang, ehe man beschloss, eine weitere Mall mit Parkhaus hochzuziehen. Und wieder waren es die Erfurter, die letztlich dazu beitrugen, dass aus dem Hirschgarten ein Park wurde. Zeichen einer lebenden Stadt, die zwar auch vom Tourismus lebt, aber nicht für ihn. Immer wieder hört man diese Geschichten von bürgerlichem Aufbegehren.

Als Erstes treffen wir am nächsten Morgen den längst im Ruhestand befindlichen evangelischen Pfarrer Karl Metzner, den ich schon in meiner Stadtschreiberzeit interviewt hatte. Die rein physische Präsenz der Kirche in Erfurt ist überwältigend, rund 25 Gotteshäuser und Glockentürme ballen sich auf nur etwa drei Quadratkilometern Altstadtgebiet. Wie hat die christliche Gemeinde vierzig Jahre überstanden, in denen der Staatsapparat auf ihre Abschaffung gedrängt hat, frage ich. Metzner zuckt die Schultern, einfach war es nicht, aber in all den Jahren hat der Zusammenhalt funktioniert.

Am 4. Dezember 1989 wurde die Stasi-Bezirksverwaltung gewaltlos besetzt – als erste von vielen in der zerfallenden DDR. Damals stellten sich etwa 500 Erfurter den Stasi-Offizieren in den Weg und versuchten, die seit Tagen anhaltende Vernichtung von Akten und Spitzelberichten zu unterbinden. Die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße erinnert eindrücklich an die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit: Die Enge und Kälte werden körperlich spürbar in den nackten Zellen, selbst an einem heißen Sommertag.

Wir wollen wieder raus, es ist Markt auf dem Domplatz. Wir kaufen Käse und Obst, leihen Räder, radeln Richtung Norden, ins Andreasviertel. Frühstück in Klein-Venedig, wo sich die Gera mehrfach verzweigt und kleine Inseln bildet. Erfurt ist eine Stadt der Brücken, 158 sollen es sein.

Genau genommen liegt Erfurt gar nicht an der Gera, sondern spaltet sie in mehrere, teils künstliche Wasserläufe auf, auch um Überflutungen zu verhindern. So finden sich überall kleine Buchten und Wege, auf denen man schlendern und die Gespräche der Enten synchronisieren kann. Wir haben die Füße im Wasser, genießen das Brot aus der Backstube in der Kreuzgasse, den Käse vom Markt, zwei Pärchen schlendern vorbei, und ich notiere den Gesprächsfetzen, der von ihnen zu uns rüberweht: "Leipzig ist das neue Berlin und Erfurt das neue Leipzig." Schauen wir mal.

Wir schwingen uns auf die Räder und machen uns auf, die Stadt hinter dem Juri-Gagarin-Ring zu erkunden. Erst mal weiter Richtung Norden. Wir fahren durch Alleen von Häusern aus der Gründerzeit, manche herrschaftlich, einige verlassen und verfallen. In der Salinenstraße sehen wir uns das Jugendprojekt "Saline 34" an, Ateliers, Werkstätten, Tonstudios in einem zuvor leer stehenden Gebäude. Am alten Nordbahnhof schauen wir im Club "Frau Korte" vorbei; vor ein paar Jahren haben sich einige kreative Köpfe zusammengeschlossen, um das Gelände zu beleben. Seit Ende 2014 hat Schallplattenliebhaber Joschi Korte seinen Woodstock-Laden aus der Michaelisstraße hierher verlegt und lässt abends auflegen. Gegenüber liegt das multikulturelle Gartenprojekt "Paradies". Rauer, industrieller, wilder ist Erfurt im Norden. Ein Hauch von Leipzig? Hmm. Die Szene jedenfalls zieht gen Norden, scheint’s.

Zurück fahren wir vorbei an Plattenbauten Richtung Süden zum Zughafen und von dort weiter durch das Grün am Gera-Flutgraben in den Dendrologischen Garten, an dessen Ende sich Erfurts Mineralbrunnen mit den drei Quellen befindet. Fahrtwind kühlt unsere heißen Schläfen, schließlich landen wir im WirGarten. Eine zwanzig Jahre ungenutzte Brachfläche von fast einem halben Hektar Größe in der Wallstraße wird reurbanisiert, ein Garten für alle, zwischen Urban Gardening und Veranstaltungsort.

Erfurt, trau dich!

Kurz bevor es Abend wird, sind wir zurück in der Innenstadt, sitzen auf dem Wenigemarkt, essen das fantastische Eis aus der Goldhelm-Manufaktur auf der Krämerbrücke und lauschen Straßenmusik, die hier im Sommer überall zu hören ist, ob Pop, Balkanblaskapelle oder Streicherquartett. Die Terrassen sind voll, man trinkt Cappuccino, und würde es nicht nach Knödeln riechen, könnte man denken, dass Italien hier beginnt, mitten in Deutschland, so belebt, so sommerwarm ist der Abend. Hinter der Krämerbrücke läuft ein Dîner en blanc, weiß gekleidete Menschen essen, trinken und lachen an langen Tischen, aber wir treffen C. und P., schlängeln uns durch die Altstadt Richtung Brühler Garten, wo parallel das Kocolores-Fest läuft, umsonst und draußen. So klingt der letzte Abend aus, mit Freunden, mit Erinnerungen und vielen Geschichten, für die hier kein Platz ist.

Nur für eine noch, sie erzählt von einem weiteren, einem großen Bruch in der funkelnd schönen Mittelalterfolklore: die Geschichte des Industriebetriebs Topf & Söhne. Das Unternehmen stellte zunächst Heizungsanlagen her, dann ab 1914 auch Öfen für Krematorien. Als der Zweite Weltkrieg begann, entschloss es sich zur Zusammenarbeit mit der SS, fertigte Entlüftungsanlagen für die Gaskammern in Auschwitz und entwickelte große leistungsfähige Krematoriumsöfen für verschiedene Konzentrationslager. Ohne besonderen politischen oder finanziellen Druck, sondern aus persönlichem Ehrgeiz der Chefs und Ingenieure. Einer der beiden Besitzer beging 1945 Selbstmord, der andere floh in den Westen. Die Firma aber produzierte als volkseigener Betrieb einfach weiter.

Zehn Jahre nach der Wende besetzten Aktivisten das Gelände von Topf & Söhne, die sich für einen Erinnerungsort und gegen den von den Stadtoberen beschlossenen, geschichtsklitternden Abriss der Fabrikanlagen einsetzten. 2009 wurde das Areal geräumt und bis auf das ehemalige Verwaltungsgebäude abgerissen, das seit 2011, nach einigem Widerstand, als Erinnerungsort zugänglich gemacht wurde.

Am letzten Morgen kühlen wir noch mal die Füße in der Gera, den Kopf mit einer Kugel Mangosorbet, verkleidete Stadtführer zuckeln mit Touristengruppen um die Ecken. Ach, Erfurt, will ich sagen. Du bist so hübsch, so nett, adrett und rausgeputzt, so dreiminutenmäßig überschaubar klein und groß. Neues Leipzig? Eher nicht. Aber doch auf jeden Fall so viel mehr als nur ein hübscher Fotohintergrund für Reisegruppen. Du bist eine echte Stadt, Erfurt, trau dich! Ein spannendes Gebilde aus Geschichte, Geschichten, Widersprüchen, Auseinandersetzungen und Brüchen, weil Menschen in dir leben, die sich streiten, die zusammenhalten, Ideen haben. Vergiss das nicht, Erfurt, du Perle, und mach dich nicht noch schöner, als du eh schon bist.