Brücke in die Vergangenheit: Auf Tintagel soll König Artus gezeugt worden sein. Im 13. Jahrhundert baute sich Richard von Cornwall hier eine Burg als Reminiszenz an Artus. © Georg Knoll für MERIAN

Dunkle Nacht senkt sich bereits über den Atlantik, im letzten Licht trabt ein Reiter den Küstenpfad entlang auf die Burg zu. Schroff, hoch, uneinnehmbar türmen sich ihre Mauern vor ihm auf: Tintagel. Hier, an der Nordküste seines Reiches, residiert Gorlois, Herzog von Cornwall. Und seine Frau, die schöne Igraine. Sie ist das Ziel des einsamen Reiters – und der Grund für das Gefecht, das nicht weit von hier tobt.

Es ist kein geringerer als Uther Pendragon, König von Britannien, der sich an diesem Abend der Burg Tintagel nähert. Gerade erst hat er nach dem Tod seines Bruders Aurelius den Thron bestiegen. Zur Krönung kam die Elite des ganzen Landes, auch der Herzog von Cornwall samt Gattin. Ein Blick auf Igraine habe gereicht, tuschelt man, und der König hatte sein Herz verloren. Nun kämpfen seine Truppen gegen die von Gorlois. Ein Ablenkungsscharmützel, Uther macht sich derweil auf den Weg zu Igraine und wird von den Wachen in Tintagel ohne weiteres eingelassen – der Zauberer Merlin hat ihn in die Gestalt Gorlois’ verwandelt. Igraine meint, in die Arme ihres Gatten zu sinken. Doch es ist Uther, mit dem sie in dieser Nacht einen Sohn zeugt: Artus.

So geht die Legende. Sie schenkt Britannien genau in dem Moment jenen Superhelden, als er dringlichst gebraucht wird. Denn die Zeiten sind düster und umkämpft. Als "Dark Ages", Dunkles Zeitalter, wird die Epoche später in die Geschichtsbücher eingehen, die nun, im fünften Jahrhundert, beginnt.

Bei ihrem Abzug im Jahr 410 haben die Römer ein instabiles Britannien hinterlassen, Stammeskämpfe brechen aus, von Nordeuropa dringen die Angeln und die Sachsen über den Ärmelkanal vor. Auch Cornwall, Teil des Keltenreichs Dumnonia, bleibt davon nicht verschont. "Dieser erste Brexit hat das Land für mehr als sechs Jahrhunderte ins Chaos gestürzt", sagt Win Scutt.

Der Archäologe betreut für "English Heritage" rund 130 archäologische Stätten in Westengland. Eigentlich ist er Experte für Prähistorie: für jene Epochen also, aus denen es keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Stonehenge ist die wohl berühmteste Stätte unter seinen Fittichen, in Cornwall hütet er unter anderem die 2.000 Jahre alten Eisenzeitdörfer Chysauster und Carn Euny oder die Steinkreise The Hurlers, die etwa 1.500 vor Christus im Bodmin Moor errichtet wurden. Aber als im Juli 2017 Archäologen in Tintagel drei von vermutlich etwa hundert Gebäuden aus dem fünften Jahrhundert ausgruben, war speziell sein Wissen gefragt. Denn aus dem Dunklen Zeitalter sind nicht viel mehr Schriftquellen überliefert als aus der Bronzezeit.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2017 © MERIAN

Win Scutt spickt seine Sätze darum mit Konjunktiven, wenn die Rede auf König Artus kommt: "Wenn er gelebt hätte, wäre Tintagel ein guter Herkunftsort gewesen." Die heutige Insel wurde zu Artus’ Zeiten über eine Landbrücke mit dem Festland verbunden, gerade breit genug für drei
Mann nebeneinander. Vermutlich rührt ihr Name daher: Tin ist der kornische Begriff für Burg, tagell für schmalen Zugang. Tintagel war gut zu verteidigen und bot einen der wenigen natürlichen Häfen an der schroffsteilen Nordküste.

Keine Geburtsurkunde, kein Augenzeugenbericht, keine Regierungsdokumente belegen, dass Artus tatsächlich von hier stammt – oder dass es ihn überhaupt gab. Die älteste erhaltene Niederschrift seiner Heldentaten stammt von dem Mönch Geoffrey von Monmouth. Um das Jahr 1135 erzählt er auf Latein die "Historia regum Brittaniae", die Geschichte der Könige Britanniens – etwa sieben Jahrhunderte nachdem Artus sein legendäres Schwert Excalibur aus dem Stein gezogen und mit seinen Rittern der Tafelrunde gegen die Angeln, Sachsen, Pikten, Römer, kurz: gegen jede Bedrohung Britanniens gekämpft haben soll.

Seitdem gehört Artus zur Stammbesetzung literarischer Figuren in Europa, die Artus-Sage wird nach dem Schneeball-System fortgeschrieben. Bereits 20 Jahre nach Geoffrey von Monmouth setzt der anglo-normannische Hofdichter Wace in seinem "Roman de Brut" den König mit seinen Rittern an einen runden Tisch, die Tafelrunde, und lässt ihn nach seinem Tod auf die mythische Insel Avalon bringen.