Wie Flummis hüpfen die Ziegen durch die Luft, springen auf Felsbrocken, schlagen im Flug die Beine aneinander. Mittendrin in diesem Gewusel steht Denny Ghidotti, 25 Jahre alt, die Arme vor der Brust verschränkt, stolz, die Lippen vom Grinsen schmal, die Wangen kreisrund und rot glühend, ein bisschen, als ob er Brausepulver geschleckt hätte. "Das machen die von Anfang an", sagt Denny und streicht einer seiner Ziegen über die Flanke. "Immer rauf. Immer zum höchsten Punkt." Gefährlich sei das, vor allem oben auf der Alm. Natürlich kann der Steinadler dort keine ganze Ziege packen und mit ihr einfach wegfliegen. Aber seine Tiere, erzählt Denny, kraxeln eben auch dort, wollen auch dort ganz oben stehen. Und dann wartet der Adler einen günstigen Moment ab, kommt von hinten angeflogen – schubst die Ziege einfach in die Schlucht.

Oben, ganz oben. Auf einem Hochplateau am Nordwestufer des Gardasees, in Tremosine, einer Gemeinde mit rund 2.000 Einwohnern in 18 Dörfern, von denen manche, wie Pieve oder Voltino, sich über die Steilküste zu lehnen scheinen und der Gegend ihren Spitznamen geben: "Balkon des Gardasees". So weit oben, dass das Kräuseln der Wellen auf dem See sich zum eigenständigen Muster wandelt, zwischen Tier und Natur, ab vom Schuss, weg vom Trubel. Eine Gegend, die der Mensch schon seit der Steinzeit besiedelt, die in den Achtzigern mal die höchste Tennisplatzdichte der Welt gehabt haben soll (Sandplatzquadratmeter pro Einwohner), deren Käse bis nach Massachusetts exportiert wird, die aber erst vor gut hundert Jahren mit der Straße hinunter zum See einen Anschluss an die Zivilisation bekam. Isolation war hier in Tremosine stets beides, Trumpf und Tragödie.

Zypressen bohren sich in die Steilküste. Wie Nägel, die jemand von der anderen Seite eingeschlagen hat, um das bisschen Erde, das hier Halt findet, festzutackern. Dazwischen schlängelt sich diese verrückt schmale Straße, die "Forra", die Stück für Stück durch den Berg gesprengt wurde. Ein Projekt, das die Behörden über Jahre verschleppten – zu kompliziert erschien es, zu gefährlich – und das dann die Bewohner 1908 bis 1913 unter Führung des Dorfpfarrers selbst in die Hand nahmen. Es geht durch unbeleuchtete, grob ausgeschlagene Tunnels, unter Wasserfällen hindurch, an Überhängen entlang: eine James-Bond-Kulisse, tatsächlich wurde hier eine Verfolgungsjagd für "Ein Quantum Trost" gedreht. Manchmal sieht man hoch über sich ein kleines Brückchen und fragt sich, welcher Irre so etwas in diese Schlucht geklebt hat – und erkennt drei Kurven später, dass genau dieses verrückte Wegstück jetzt vor einem liegt. Schlüge die Straße einen Looping, würde man sich zunächst gar nicht wundern.

"Tremosine kann man nur von oben verstehen", sagt der Bergführer Vincenzo Dalò, 33, aus Sermerio. Er steht auf einer Kuppe: 360-Grad-Blick, rundherum Hügel in allen erdenklichen Grüntönen. Früher haben die Jugendlichen in der ersten Märznacht hier ihre Freunde im Scherz miteinander verheiratet, tratto marzo hieß das. Von einem Hügel zum anderen riefen sie sich dann Namen zu. Zuerst den eines Mädchens, als Antwort kam vom nächsten Hügel der Name eines Jungen. Am liebsten waren es ungleiche Paare, Schöne und Hässliche, Reiche und Arme. In ruhigen Nächten hörte man es hinüber bis ans andere Ufer des Gardasees.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016 © MERIAN

Vincenzo streckt Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand nach vorn, die drei Bergketten von Tremosine. Er fährt die drei Finger entlang. "Es ist wie das Eurozeichen, das sich aus der Erde erhebt. Wir stehen jetzt genau hier" – er tippt auf seinen Mittelfingernagel. Vincenzo erzählt von Musio (zwischen Ring- und Mittelfinger), il paese dei tedeschi, dem Dorf der Deutschen, wo nur noch eine einzige italienische Familie wohnt. Vom Rad- und Trekking-Tourismus im Hinterland (der ganze Handrücken) und von den zwei Schluchten bei San Michele und Bondo-Brasa (Fingerzwischenräume). Zwei Wildbäche versorgen von jeher die Gegend mit Frischwasser und haben früher Industrie nach Tremosine gebracht. Die Nagelschmiede im Brasa-Tal etwa im 18. und 19. Jahrhundert oder die riesige Fabrik in Campione, dem einzigen Ort Tremosines, der unten am See liegt. Gut achtzig Jahre, bis 1981, spannen rund 700 Arbeiter, die meisten davon Frauen, dort Baumwollballen zu Garn.

Vincenzo knubbelt am Stamm einer hohen Kiefer. "Das sind Überlebende vom großen Waldbrand 1973." Er hält ein Stückchen verkohlte Rinde hoch. "Ihre Rettung verdanken sie der Tatsache, dass sie so eng stehen." Nur deswegen seien sie so schnell in die Höhe geschossen, nur deswegen ist die Baumkrone so weit oben, dass sie kein Feuer gefangen hat. Eng zusammen stehen also, um zu überleben.