Gerade bricht sie "S2510" in Stücke: tak, tak, tak. Vier Millimeter auf acht auf acht. "So ungefähr", sagt sie, "ich mache das ja nach Auge." Ihre rechte Hand bewegt ein Schwungrad, mit der linken schiebt sie eine Glaskachel unter den Spaltkeil. Tak, tak, tak. Wieder purzeln perfekte Quader von ihrem Apparat, der aussieht wie eine Nähmaschine, nur ohne Faden, ohne Motor. "S2510" ist einer von acht verschiedenen Schwarztönen im Standardrepertoire des Mosaikstein-Herstellers Orsoni. Seit 33 Jahren bricht Laura Turchetto hier, mitten in Cannaregio, farbiges Glas in Steinchen: für ein Siegesmonument im irakischen Basra oder für die Hochbahn People Mover in Detroit – Pixel für die analoge Welt. Mehr als 100 Millionen Mosaiksteine gingen durch Turchettos Maschine links hinten im Produktionsraum. Fließbandarbeit, könnte man sagen. Sie fühle sich als Künstlerin, sagt sie. "Zumindest bin ich Teil eines Kunstwerks." La regina di Cannaregio, wie die Kolleginnen sie nennen, wohnt nur einen Mosaiksteinwurf entfernt, direkt hinter der firmeneigenen Bibliothek der Farben, in der die Kacheln wie Bücher in Holzregalen bis unter die Decke stehen, allein rund 100 verschiedene Hauttöne, insgesamt über 2.800 Farben. "Beim Mosaik", sagt Laura Turchetto, "bist du auf das festgelegt, was du hast. Du kannst nicht mischen. Du kombinierst."

Wenn Venedig ein Fisch ist, woran die Umrisse der Stadt erinnern, dann ist die Firma Orsoni mitten im Sestiere Cannaregio das Auge des Fisches. Ein kleiner Punkt über dem riesigen Fragezeichen, das der Canal Grande in die Stadt zeichnet. Früher waren große Teile des Stadtteils Sumpfgebiete. Der Name Cannaregio könnte sich von canneto ableiten, dem Schilfrohr, das hier überall wuchs und damals ein wichtiger Baustoff für Hausmauern war. Er könnte aber auch von canal regio kommen, dem königlichen Kanal. Die Hauptverbindung zum Festland verlief einst mitten durch Cannaregio und von dort erst auf den Canal Grande.

Es ist frühmorgens, so früh, dass man den Nebel noch nicht sieht, sondern nur spürt. Die Fondamente Nove, jener letzte, breite Kai im Norden, bevor die Stadt abrupt den Raum der Lagune überlässt, sind so nass, als ob es geregnet hätte. Ab und zu schreit eine Möwe von irgendwo aus der Dunkelheit. Die Fensterläden der angrenzenden Wohnhäuser sind geschlossen.

Jedes Geräusch ist laut in dieser Ruhe. Das der vertäuten Schiffe etwa, die an den Holzpfählen zerren: Scheuerleisten quietschen, Seile ächzen. Vaporetto Nummer 12 legt ab, Richtung Burano, zwei Arbeiter, die Wollmützen tief in der Stirn, Kinn auf der Brust, dösen unter Deck im Neonlicht. Die Fondamente Nove, sie sind auch die Verbindung der Stadt zur Lagune, von hier legen viele Schiffe zu den Inseln und zum Festland ab.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2016

Die Friedhofsinsel San Michele taucht in der Dämmerung auf. Die Zypressen dort malen eine Silhouette in den Himmel. Es wird noch ein paar Minuten dauern bis die Sonne den Horizont einfärbt, von camparirot bis aperolorange wie ein gigantisches Glas Spritz, jenes Stadtgetränk, das hier spätestens ab halb elf Uhr vormittags mit Olive und Orangenscheibe in jeder Bar getrunken wird: al bitter, all’aperol oder select – auf venezianische Art. Vielleicht noch zwanzig Minuten wird es dauern, bis das intensive Morgenlicht wie ein Leuchtmarker über die Häuserzeilen fährt, von oben nach unten, von den altane, den venezianischen Dachterrassen – stelzenartigen Holzkonstruktionen, die knapp unter dem Himmel fast ironisch das wiederaufnehmen, was die Grundlage der Stadt ist – über die farbigen Hausfassaden bis hinunter zum Kanal. Nacheinander wird alles für ein paar Minuten glühen.

Cannaregio ist der am dichtesten besiedelte Stadtteil Venedigs. Hier sind nur wenige Häuser an Zweitwohnsitzler aus dem Ausland verkauft, hier leben, wohnen und arbeiten noch viele der immer weniger werdenden Venezianer. Das Sestiere erstreckt sich von Sant’Alvise mit dem einzigen Schwimmbad der Altstadt bis zur Saffa-Siedlung mit ihren Sozialbauwohnungen aus den achtziger Jahren, die auf dem Fabrikgelände einer großen Streichholzfabrik errichtet wurden, von der riesigen Scuola Grande della Misericordia, in der über Jahrzehnte die venezianische Basketballmannschaft trainieren durfte, bis zum versteckten Ai Biliardi, eine der wenigen Kneipen, die auch dann noch geöffnet hat, wenn die Touristen schon lange mit müden Füßen in ihren Hotelbetten liegen.