Es ist noch Zeit für eine Zigarette. Sollen sie doch warten, die anderen Kapitäne in ihren Kähnen. Gleich, ja doch, gleich fahre er weg, ruft Luca Giambino einem zu, der schon auf seinen Platz am Pier spekuliert. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, der Laster mit der Ladung hat Verspätung, aber Luca bleibt gelassen, zündet sich eine Kippe an und bläst die roten Backen auf. Eigentlich wollte er kürzer treten, aber das Rauchen hilft gegen die Kälte und das Warten. Von beidem gibt es an diesem Morgen mehr als genug am Scalo Fluviale. "Alles, was in die Stadt kommt, wird hier von Lastern auf Boote geladen", erklärt Luca. "In einem nur hundert Meter schmalen Hafen, vor dem oft drei oder vier Reihen Schiffe liegen. Das ist doch verrückt, oder?" 

Das ist Venedig: eine Welt in den Wellen. Gebaut auf hundert Inseln und geteilt durch noch mehr Kanäle. Vielen Städten brachte das Wasser Reichtum durch Handel und Wandel durch Immigration, aber in keiner anderen ist der Rhythmus des Lebens so eng an das Element gebunden. Auf dem Wasser zu sein ist, mehr als alles andere, die venezianische Verfassung. Und der Eingang in diese eigenartige Welt liegt am Scalo Fluviale, einem unscheinbaren Streifen Beton mit zwei Kränen am Ende des Ponte della Libertà, der das Festland mit der Altstadt verbindet. Oder wie Luca sagt: "Ab hier gibt es keine Straßen mehr. Ab hier geht es nur noch mit dem Boot weiter."

Als die Sonne gerade aufgeht, taucht der Laster hinter der Brücke auf, und Luca macht endlich die Leinen los. Fast jeden Tag ist der 50-jährige Kapitän für ein Transportunternehmen unterwegs, liefert Lebensmittel oder Kleidung aus so wie heute: Dutzende weiße Beutel liegen auf der Ladefläche, darin die gewaschenen Uniformen der Müllmänner, die später am Morgen noch mit dem Boot durch die Stadt schippern werden. Aber auch zu früher Stunde ist Luca längst nicht allein auf dem Wasser.

Die ersten Vaporetti, die Wasserbusse Venedigs, fahren schon in Zickzacklinien über den Canal Grande, nur ein paar dösende Pendler an Bord. Die Gondolieri ziehen die Planen von ihren Arbeitsstätten und putzen jede Ritze, bis sie blitzt. Ein Kahn, gefährlich hoch gestapelt mit den Koffern der Kreuzfahrtgäste, kreuzt ein Postschiff, auf dem sich die Pakete genauso türmen. Vor einem Palazzo hocken zwei Maler in einem Gerüst, das auf ihrer Nussschale wackelt, und pinseln an einem alten Fensterladen. Venedig wacht als Erstes auf dem Wasser auf.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2016 © MERIAN

"Wenn ich einen Tag lang eine Kamera auf mein Schiff stellen würde und das Video anschließend bei YouTube hochlade", sagt Luca, "dann, wette ich, würden sich viele das anschauen. Weil es das Venedig zeigt, das kein Tourist sieht." Manche Ecken dieser Stadt lassen sich nur an Bord entdecken, da wo der Fußweg aufhört, aber der Kanal weitergeht. Wohnhäuser, deren Türen sich nur zum Steg hin öffnen, und Supermärkte, die ihren Kunden den Einkauf direkt auf den Kahn stellen.

Luca fährt jeden Tag durch ein Labyrinth, in dem er sich, da muss er lachen, nie verirren würde, nein, nein. "Das ist unmöglich, wenn man hier aufgewachsen ist." Nur einmal hat er etwas anderes probiert, zog aufs Festland und arbeitete als Glaser, weil er sich um seine Gesundheit sorgte. Aber dann zog es ihn doch zurück in die Stadt, in der er sich, wie er sagt, manchmal noch immer wie in einem Disney-Film fühle. "Das ist harte Arbeit auf dem Wasser. Vor allem im Winter, wenn es regnet und dir alles wehtut. Aber gerade im Sommer, da siehst du Venedig und fühlst dich frei." 

Diese Spannung zwischen Freiheit und Furcht bestimmt von jeher das Verhältnis der Venezianer zum Wasser. Der Dialekt der Stadt wandelte das männliche mare zum weiblichen mar, schließlich war die See die Vermählte Venedigs. Jedes Jahr an Himmelfahrt fuhr der Doge auf der Staatsgaleere hinaus in die Lagune. Begleitet wurde er von den Adligen und Gilden in ihren Booten zum Klang von Kanonen, Glocken, Hörnern und Trompeten. Die Prozession hielt dort, wo die Lagune aufhört und die Adria beginnt. Dann nahm der Doge ein Gefäß voll Weihwasser und goss es in die Wellen, bevor er einen Ring hineinwarf und sprach: "Ich vermähle mich mit dir, Meer, zum Zeichen unserer wahren und ewigen Herrschaft."