Vielleicht haben sich die Kommunisten so die Zukunft ihrer Städte vorgestellt: Im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt entsteht derzeit ein neues Viertel, das auf Werbeprospekten den Utopien vergangener Zeiten gleicht: Majestätisch reihen sich fast identische Türme entlang des Flusses Saigon aneinander, spätestens bis 2018 soll hier auch das höchste Gebäude Vietnams vollendet sein, mehr als 450 Meter wird der Landmark 81 Tower in den Himmel ragen.

Doch nicht der Staat lässt das Retortenviertel aus dem Boden stampfen, sondern der reichste Mann des Landes: 2,2 Milliarden Dollar schwer ist der Unternehmer Pham Nhat Vuong, der sein Vermögen mit Fertiglebensmitteln und Immobilien gemacht hat. Und es werden keine einfachen Arbeiter in seine Wohntürme ziehen, sondern die neue Wirtschaftselite des Landes – darunter echte Selfmade-Millionäre, aber auch viele Parteikader, die sich lukrative Posten in den Staatsunternehmen sichern konnten. Schon eine Einzimmerwohnung kann umgerechnet fast 200.000 Euro kosten, für die meisten Vietnamesen eine gigantische Summe, der monatliche Mindestlohn in Ho-Chi-Minh-Stadt liegt bei gerade mal rund 150 Euro.

Vietnam heißt zwar immer noch Sozialistische Republik. Doch mit Planwirtschaft will die Kommunistische Partei des Landes nicht mehr viel zu tun haben. Stattdessen wandelt sich das Land mehr und mehr zum kapitalistischen Musterstaat. Die Öffnung zur Globalisierung hat dem Land einen Wirtschaftsboom beschert – mit allen Vor- und Nachteilen, die der Kapitalismus mit sich bringt.

Die pure Not gab den Ausschlag für die Wirtschaftsreformen: Noch vor 35 Jahren war Vietnam eines der ärmsten Länder der Welt. Die Kommunisten hatten im Vietnamkrieg zwar die Supermacht USA in die Flucht geschlagen. Doch wirtschaftlich trieben die Sieger das Land in den Ruin. Statt Wohlstand brachte die Zentralwirtschaft Hungersnöte.

Mitte der Achtziger merkte die Regierung, dass es so nicht weitergehen konnte. Mit den sogenannten "Doi Moi"-Reformen (vietnamesisch für "Erneuerung") liberalisierte sie die Wirtschaft. Und setzte dabei auf ganz ähnliche Maßnahmen wie der große Nachbar China: Sie gab zunächst den Bauern mehr Freiheiten und ließ mehr private Unternehmen zu, um sich dann der Globalisierung zu öffnen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017 © MERIAN

Offiziell nennt die Partei ihr System nun "sozialistisch orientierte Marktwirtschaft". Es räumt dem Staat weiterhin eine große Rolle ein, will aber auch die produktiven Kräfte des Kapitalismus nutzen: Zumindest offiziell soll so der Wohlstand der gesamten Bevölkerung wachsen und möglichst gleich verteilt werden. Dabei setzt die Führung immer stärker auf die unsichtbare Hand des Marktes, hofft auf Freihandelsabkommen mit Ländern wie Japan, Australien und Chile – und fürchtet den neuen Protektionismus der USA. Denn: Vietnam will seinen boomenden Exportsektor ausbauen und unterwirft sich dafür noch stärker den Regeln des globalen Kapitalismus.

Tatsächlich hat die wirtschaftliche Öffnung dem Land extrem geholfen. Zu Beginn der Reformen betrug das Durchschnittseinkommen der Vietnamesen rund 90 Euro im Jahr. Heute sind es 1.900 Euro. Die Weltbank nennt das Land eine "entwicklungspolitische Erfolgsgeschichte".

Die Aufbruchstimmung ist noch nicht verflogen. Vietnam gehört laut der Marktforschungsfirma Nielsen zu den fünf Ländern, in denen die Verbraucher am zuversichtlichsten in die Zukunft schauen. Die wachsende Mittelschicht gibt ihr Geld in Konsumtempeln wie der Vincom Mega Mall in Hanoi aus, einem der größten unterirdischen Einkaufszentren Asiens. Den Kommunismus wünscht sich kaum einer zurück: Dem amerikanischen Marktforschungsinstitut Pew zufolge unterstützen 95 Prozent aller Vietnamesen die Marktwirtschaft – so viel wie in keinem anderen Land.