Hundert Mal ist Craig Unterschute schon über den Berg geflogen, den sie den Grabstein nennen, aber dieses Mal entschließt er sich dazu, etwas zu tun, das er noch nie getan hat. "Wahrscheinlich keine gute Idee", knistert seine Stimme über den Kopfhörer, als er auf einen Gipfel direkt an der Seite des Grabsteins zusteuert. Dann fängt er an, das Flugzeug langsam zu kippen, bis die Zeiger der Instrumente im Cockpit sich drehen und er fast senkrecht in der Luft sitzt. In einem engen Kreis kurvt Craigs kleine Cessna 172 über den Gipfel, als wäre sie ein Plastikflugzeug in einem Kirmeskarussell. "Siehst du die Spitze unter dir?"

Nur zu gut. Ein Monolith, der sich wie eine Blume an den Grabstein schmiegt, ihre Knospe zum Greifen nah unter den Trägern der Cessna. Der Berg thront hier im Tombstone Territorial Park direkt an der Grenze zur Arktis. Zu seinen Flanken spannt sich eine Wüste aus Stein, so weit das Auge sehen kann. Auf den Kämmen hängt dünner Schnee, und in den Tälern liegen türkise Seen. Eine majestätische Landschaft, als hätte ein Riese ein Blatt Papier zusammengeknüllt, wieder aufgefaltet und über die Spitze der Erde gezogen. "Ich wollte dir die Größe dieses Lands zeigen", sagt Craig.

Wenn sie einer kennt, dann er. Craig ist Buschpilot, einer jener als Draufgänger bekannten Pioniere, deren Flugrouten die Lebensadern einer Landschaft sind, in der es keine Gleise und kaum Straßen gibt. Jeden Tag fliegen Craig und seine Kameraden von Great River Air Jäger zu ihren Hütten und Bergarbeiter zu ihren Minen, halten für den Umweltschutz Ausschau nach Feuern in den Wäldern und Lachsen in den Flüssen – kümmern sich um die wenigen Menschen, die in der Wildnis des Yukon leben.

Fast 20.000 Stunden hat der bullige Pilot in der Luft verbracht. Das sind zweieinhalb seiner 61 Jahre. Er ist in Saskatchewan geflogen, in British Columbia und überall im hohen Norden. Nirgendwo sei es so wie im Yukon, sagt er. "Für einen Buschpiloten sind die Nordwest-Territorien und Nunavut langweilig. Tausende Meilen verdammter Tundra und sonst nichts. Die Landschaft des Yukon ist da viel abwechslungsreicher." 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 12/2016 © MERIAN

Deswegen lebe er hier. Und wegen der Menschen. "Nur 35.000 wohnen im Yukon, aber unter ihnen gibt es so viele Talente! Musiker, Schriftsteller, Ingenieure, Geologen. Ein Kerl hat einen Bohrer gebaut, der in Gletscher drillen kann. Die NASA verwendet ihn jetzt auf dem Mars, aber sein Erfinder lebt noch immer in Whitehorse. Weil die Menschen es lieben, hier zu leben." 

Das müssen sie auch: Der Yukon ist einer der unwirtlichsten Winkel der Welt. Das Territorium am nordwestlichen Ende Kanadas ist größer als Deutschland, Dänemark, die Niederlande und Belgien zusammen. Fünf Mal so viele Karibus und anderthalb Mal so viele Elche wie Menschen leben hier. Im Winter fallen die Temperaturen auf minus 40 Grad, und die Sonne scheint nur zwei Stunden am Tag. Im Sommer steigen sie auf 30 Grad, und es wird nie wirklich Nacht.