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Australiens große Unbekannte

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Von Adelaide hat hierzulande kaum jemand ein Bild. Dabei zählt die südaustralische Stadt zu den lebenswertesten der Welt.

Adelaides Skyline atemberaubend zu nennen, das muss man so sagen, wäre übertrieben. Sie erinnert eher an die Vorspänne von TV-Serien wie Dallas oder Denver-Clan aus den achtziger Jahren. Zwischen cremefarbenen Retro-Hochhäusern lugt  britische Kolonialgeschichte hervor: viktorianische Gebäude mit Giebeln aus Naturstein und Klinker.

Neue architektonische Highlights reihen sich am schmalen Torrens River auf, einem gezähmten Flüsschen mit englischem Rasen zu beiden Seiten: das Theater, die Kongresshalle und das moderne medizinische Forschungszentrum mit seiner gezackten Metallfassade, das die Adelaidians den großen Käsehobel nennen. Rings um die Innenstadt liegen die Parklands, ein grüner Gürtel, auf dem Eukalyptusbäume wachsen.

Adelaide ist die fünftgrößte Stadt Australiens und trotzdem sehr beschaulich. Der Economist hat sie in die Top-Fünf der lebenswertesten Städte der Welt gewählt.

Am South Australian Health and Medical Research Institute werden neue Behandlungsmethoden erforscht. © Jackstarshaker/creative commons

1 — Der Künstler

Henry Stentiford sieht aus wie ein großes Kind. Nicht weil er die Schuhe falsch herum trägt, so dass die Spitzen nach außen zeigen, auch nicht wegen seines Shirts mit dem Pokémon-Aufdruck. Henry, 23 Jahre alt, hat die naive Unvoreingenommenheit, mit der Kinder durch die Welt laufen. Ein Stein am Straßenrand kann seine Aufmerksamkeit für Minuten fesseln. Wenn er da ist, ist er ganz da. Wenn nicht, dann nicht.

Momentan ist Henry Artist in Residence im Carclew House, einer Einrichtung, die junge Künstler fördert. In wenigen Tagen beginnt seine Ausstellung. Er erzählt es so unaufgeregt, als ginge es nicht um ihn. 1LoveADL nennt sich Henry auf Instagram, die drei Buchstaben sind der Flughafencode von Adelaide. Die Vernissage wird ein Heimspiel.

Henry, geboren in Adelaide, zur Schule gegangen, gefeiert, gelacht, geheult, im Park geschlafen, aufgewacht, nie weggezogen. London, Paris, New York, davon träumen die Anderen. Interessiert ihn nicht, zu groß, zu anonym,  langweilig, sagt er. "Was uns Adelaidians verbindet, ist ein demütiger Stolz auf diese Stadt. Wir prahlen nicht damit, aus Adelaide zu kommen. Es ist eher ein stillschweigendes Wissen darum, wie schön es hier ist."

Blick auf die King William Street im Zentrum Adelaides
London, Paris, New York? Langweilig!
Der Künstler Henry Stentiford

Natürlich wird sich die Ausstellung um seine Heimat drehen. Er will den Besuchern zeigen, wie besonders die Stadt ist, in der sie gemeinsam leben. Die Werke lehnen noch an den Wänden seines Studios: Ein Gemälde zeigt ein grinsendes Tetrapack Farmers Union Coffee mit Joint im Mund. Den Eiskaffee trinkt hier jeder, man könnte ihn als siganture drink Adelaides bezeichnen. Der Joint verweist auf die liberale Drogenpolitik, niemand stört sich an einer Hanfpflanze im Garten, nicht mal die Polizei. Eine Geschwindigkeitsübertretung ist teurer als der Besitz kleiner Mengen Cannabis.

Auf einem anderen von Henrys Bildern ist ein fliegender Mann in historischer Uniform zu sehen. Es ist Colonel Light, der britische Offizier und Landvermesser, der im Jahr 1853 dafür sorgte, dass Adelaide dort liegt, wo es liegt. Colonel Light entschied auch, dass der Grundriss einem Schachbrettmuster gleichen sollte.

2 — Das Oval

Die kleinen Punkte unterhalb des Flutlichtmasts sind Oval-Kletterer. © The Oval

Im Großraum Adelaide leben 1,3 Millionen Menschen, hektisch ist es trotzdem nicht. Die Stadt zieht sich 80 Kilometer die Küste entlang und 30 Kilometer ins Landesinnere hinein, bis an den Rand der Adelaide Hills. Auf einen Quadratkilometer kommen 400 Menschen, in Berlin sind es fast zehn Mal so viele, in New York beinahe 25 Mal so viele. Adelaide ist entspannt, das gilt für das Zusammenleben und vor allem auch für das Vorankommen. Stau nennt man es hier schon, wenn mal zehn Minuten Stop-and-go herrscht. Außerdem gibt es Züge, Busse, eine Tram und einen Schienenbus – und die ausgenommen freundlichen Einwohner.

"Entschuldigen Sie, wo kann ich hier schnell ein Taxi bekommen?"
"Taxi? Nehmen sie doch den Bus."
"Ich habe es aber eilig, ich bin sozusagen schon zu spät."
"Wo müssen Sie denn hin?"
"Zum Oval."
"Ach, ich fahre Sie schnell. Mein Wagen steht da vorne."
"Danke, das ist toll. Müssen Sie auch in die Richtung?

"Nein, ich wollte eigentlich gerade wieder ins Haus gehen. Steigen Sie ein."   

Laut dem Reiseführer Lonely Planet ist das Adelaide Oval die Nummer-Eins-Attraktion der Stadt. Das Stadion gibt es seit 1871, aber erst seit vergangenem Jahr darf man dort auf das Dach klettern. Wobei klettern etwas ist übertrieben ist. Es ist ein sehr gut gesicherter Spaziergang. Man muss seinen Schmuck ablegen, einen leuchten blauen Hosenanzug überziehen, den Klettergurt anlegen, sich mit dem Haken am Geländer einklinken, Telefone und Kameras abgeben, die Brille mit einem Band am Kopf befestigen.

Während der Führung hört man ein Fakten-Stakkato: 14.000 Schrauben im südlichen Dach, bei einem Gewicht von nur 57 Kilogramm pro Quadratmeter. Das Material ist eine Polyestermembran, sehr leicht, aber so widerstandsfähig wie ein Metalldach. Das Oval ist das einzige Stadion der Welt mit Sitzplätzen 50 Meter über dem Tor. Von den oberen Rängen überblickt man die ganze Stadt: die Universität und das Theater, das Festivalcenter und die Messehalle, den Zoo und den Botanischen Garten und ganz am Rand der City den großen Käsehobel. Alles nah beieinander: Gesundheitsversorgung, Kultur, Sport, Business, Bildung. Hohe Lebensqualität.

3 — Das Restaurant

Max Mason gehört das Henry Austin, das Restaurant über das gerade halb Adelaide redet. Eine Karte gibt es nicht, nur eine Liste mit Zutaten, die in der Küche gerade angesagt sind: Emufleisch, Kinkawooka-Muscheln, Macadamianüsse, Rotkraut, Fenchel, Ananas. Die Kellner, alle in schwarz-weißem Outfit, tragen kleine Holzboxen herum, in denen die Tellerchen mit den Kreationen stehen. Man nimmt sich heraus, was einem gefällt: Muscheln mit Hühnchenschenkeln in Zwiebelbrühe und wilden Kohlblüten zum Beispiel. Oder geräucherten Königsdorsch mit Spargel, Austerncreme und geraspelten Macadamias.

Im Henry Austin werden die Gerichte in einer Holzkiste von Tisch zu Tisch getragen. Wer will, greift zu. © Pia Volk/Zeit Online

Vor dem Henry Austin beherbergte das Haus ein anderes Restaurant. Als Max die Räume übernahm, übernahm er auch die Schanklizenz. Die sind in Australien an bestimmte Gebäude gekoppelt – und sie sind rigide. In seinem Fall bedeutete das: kein Fassbier – Dosen und Flaschen sind erlaubt, keine laute Musik – eine Definition von "laut" gibt es nicht, keine Band mit mehr als zwei Mitgliedern auf der Bühne. Die Einschränkungen schaden Max’ Geschäft, keine Frage. Würde er aber die nächst größere Lizenz beantragen, wäre er überfordert, weil er dann jeden Tag einen Liveact auf die Bühne stellen müsste.

Dieser Song könnte sie verärgern.
Radiomoderatoren

Australien hat Regeln. Für alles und jeden. Das spiegelt sich auch in den teils absurden Hinweisen wieder, die man allerorten findet: "No drinking while standing up", steht auf einem Zettel im Biergarten. "This song might offend you", sagen die Radiomoderatoren, bevor sie einen Song spielen, in dem Schimpfwörter vorkommen. In ein Taxi darf man nicht einsteigen, wenn man einen Kapuzenpulli trägt oder betrunken ist. Der Taxifahrer wiederum muss schwarze, geschlossene Schuhe tragen.

Wer darauf achtet, sieht nichts anderes mehr als Schilder, die einem vorschreiben, wie man sich zu benehmen hat. Das mag Sicherheit verleihen, indem es einen Rahmen vorgibt, es entmündigt aber auch. Wer nicht in Kategorien passt, wird passend gemacht.

4 — Der Architekt

Das Café liegt nahe des Hauptbahnhofs. © UniversalImagesGroup/Getty Images

Phil Harris sitzt an einem Tisch im Café Troppo und schaut hinaus auf den begrünten Whitmore Square, über den sich ein feiner Regenschleier legt. Auf der anderen Seite des Platzes will er sein nächstes Projekt verwirklichen, ein kleines Boutique Hotel, einzigartig in Adelaide. Der Entwurf steht schon: vier Gebäude, 23 Zimmer, keine Rezeption, stattdessen ein öffentlicher Begegnungsraum, der nicht nur für die Gäste interessant sein soll. "Einheimische habe normalerweise nichts mit Hotels am Hut", sagt Phil, "aber ich möchte, dass dieser Ort offen für alle ist." 

Phil will Kategorien auflösen, das Hotel neu denken, nur will niemand in seine Idee investieren. "Die Banken, die Immobilienfirmen, alle halten an dem fest, was sie kennen", erklärt Phil. Weil es in Adelaide kein Vorbild gibt, ist seine Idee für die Zahlenmenschen wertlos. Typisch Australien, findet er.

Vom fünften Kontinent kommen zwar einige große Erfindungen wie WLAN, der medizinische Ultraschall oder Cochlea-Implantate, aber im internationalen Vergleich schneidet das Land schlecht ab. Laut Global Innovation Index 2015, kooperieren Industrie und Wissenschaft in keinem OECD-Land so wenig wie in Australien. Statt Neues zu erschaffen, rennt man den Trends hinterher. Das hat auch die Regierung in Canberra erkannt, vor etwas mehr als einem Jahr hat sie 1,1 Milliarden australische Dollar in ein Innovationsinitiative gesteckt. 

Phil kann da nur den Kopf schütteln. "Um etwas Neues zu schaffen, braucht man nicht nur Geld", sagt er, "sondern vor allem Offenheit und Mut." Beides vermisst er, und das nicht zum ersten Mal.

Wir reden hier mit allen Menschen.
Der Architekt Phil Harris

Das Haus in dessen Erdgeschoss er sitzt, hat er selbst entworfen, im Auftrag der Stadt. Sie wollte ein umweltfreundliches Wohnhaus für Mieter mit wenig Geld. Das Gebäude ist aus lokalen Materialien gebaut, die Stühle sind aus recycelter Esche, der Tresen aus heimischem Eukalyptus, die Sessel sind mit Aborigine-Motiven bedruckt. Und obwohl er mit dem Entwurf einen Architekturwettbewerb gewonnen hat, stand das Ladengeschäft monatelang leer. Dabei könnte das Haus zwischen der Einkaufsstraße und dem Bahnhof zentraler kaum liegen. Schließlich haben Phils Kinder Maggie und Alex den Laden übernommen und das Café Troppo eröffnet.

Auf der Karte stehen immer nur vier Gerichte, die Zutaten kommen aus der Umgebung. "Suppe oder Salat?", fragt Maggie immer wieder. Vor dem Tresen hat sich eine Schlange gebildet, die Scheiben sind beschlagen. Die Leser eines Stadtmagazins haben das Troppo zum Café des Jahres 2016 gewählt. Phil ist stolz auf seine Kinder und auf die offene Art, die im Café herrscht. "Wir reden hier mit den Menschen", sagt Phil, "und zwar mit allen."

5 — Die Pitjantjatjara

Pitjantjatjara ist ein zentralaustralischer Aborigine-Stamm, auch seine Stammesmitglieder werden so genannt. Manchmal campen einige von ihnen auf dem Whitmore Square, den sie Ivaritji Square nennen. Der Platz ist so etwas wie der soziale Brennpunkt der Innenstadt, Geschäfte gibt es hier kaum, nur den Laden der Heilsarmee und das Obdachlosenheim.

Viele weiße Anwohner ärgern sich über die temporären Camps der Aborigines. Das Verhältnis zwischen Natives und europäischen Siedlern ist geprägt von Berührungsängsten, nicht nur hier. Eine Umfrage ergab jüngst, dass jeder fünfte Australier von der Parkbank aufstehen würde, wenn sich ein indigener Mitbürger neben ihn setzte. Genauso viele würden sie in einem Geschäft beobachten, weil sie etwas klauen könnten. Einer von zehn Arbeitgebern würde keinen Aborigine einstellen.   

Rassismus ist verbreitet im Land, nicht nur gegenüber Aborigines. Das mag absurd klingen, weil Australien selbst ein Einwandererland ist, aber die Einwanderer wurden meist nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgesucht: Die Chinesen kamen als Minenarbeiter im 19. Jahrhundert, später die Melanesier, um auf Baumwoll- und Zuckerplantagen zu schuften, zuletzt Computertechniker aus Indien. Flüchtlinge gibt es praktisch nicht.

Australier demonstrieren gegen die Flüchtlingspolitik ihrer Regierung. © Daniel Munoz/Getty Images
Echte Australier sagen "Willkommen!"
Plakatkampagne

Australien hat seine moralische Verantwortung abgegeben: An Nauru zum Beispiel, ein Zentrum für Flüchtlinge auf einer kleinen Insel, mehr als 4.000 Kilometer vor der Nordküste Australiens. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die katastrophalen Zuständen dort, doch die Regierung hält an ihrer Politik fest: Kein Mensch, der illegal auf dem Wasserweg in Australien ankommt, darf dort sesshaft werden.

Aber es regt sich Widerstand dagegen, auch in Adelaide. Bei Peter Dews zum Beispiel. "Es ist absurd", sagt er, "beide Parteien haben im letzten Wahlkampf mit der Parole stop the boats Politik gemacht. Dabei waren die ersten Boote, die hier ankamen, die der Engländer." Um ein Zeichen zu setzen hat er Poster entworfen und in der Stadt verteilt. "Real Aussies say Welcome" lautet einer seiner Slogans. Das Geld für den Druck der Plakate hat er per Crowdfunding gesammelt.

6 — Das Rollerderby

In der Halle mit dem kalten Betonboden sitzen ein paar hundert Menschen auf bunten Picknickdecken und wackeligen Campingstühlen. Die Punkband neben dem Burgerimbiss spielt eine krachige Version der Backstreet Boys-Schnulze I want it that way. Auch wenn es so aussieht, das hier ist kein Musikfestival.   

Die Stars des Abends stehen nicht auf der Bühne, sie laufen sich warm: tätowierte Frauen in Shorts und Glitzerröcken, die Schminke sieht nach Halloween aus oder nach Kriegsbemalung. Sie tragen T-Shirts, auf denen ihre Kampfnamen stehen: Sin&Tonic, Little Murdermaid, Colonel Chaos, Death by Disco. Es sind die Rollerderby-Spielerinnen von Adelaide. Die städtische Liga besteht aus vier Teams, insgesamt 130 Frauen. Keine Stadt hat mehr.

Die Rollschuhe sind schon umgeschnallt, gleich beginnt das Rollerderby. © Pia Volk/Zeit Online

Man muss die Regeln von Rollerderby nicht lange studieren, um Spaß daran zu haben. Zwei Mannschaften mit jeweils fünf Frauen treten gegeneinander an. Auf einer Rollschuhbahn fahren sie im Kreis, wobei eine Spielerin die Aufgabe hat, die Gegnerinnnen zu überholen. Für jede Umrundung gibt es Punkte. Die übrigen acht müssen die gegnerische Schnellfahrerin davon abhalten.  

Es geht doch nicht um Punkte.
Rollerderby-Fan

Auf dem Feld rangeln mittlerweile bunte Körper, ineinander verkeilt rollen sie im Kreis wie ein menschliches Knäuel. Es wird gefault und gestritten, aber vor allem getanzt und gelacht. Hier ist jeder willkommen, egal ob schwarz oder weiß, hetero oder schwul, reich oder arm. Was draußen bleibt, sind Rassismus und Diskriminierung.

Während der letzten Runde – die Gewinnerinnen stehen längst fest – läuft eine Frau durchs Publikum, sie verkauft  Kappen und Aufnäher ihres Teams. Sie lächelt ein breites Lächeln, obwohl ihre Favoritinnen gerade verloren haben. Woher kommt die gute Laune? "Es geht doch nicht um Punkte", sagt sie, "es geht darum, Spaß zu haben und glücklich zu sein."