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Drei Tage Terror in Paris

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Was geschah genau zwischen dem 7. und 9. Januar 2015? Der Versuch einer ersten Rekonstruktion

Gerade eine Woche ist es her, dass in Paris 17 Menschen von drei islamistischen Attentätern ermordet wurden: in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, in einem koscheren Supermarkt, auf einer Straße in Montrouge und wohl auch in einem Park in Fontenay-aux-Roses. Die Ereignisse haben die ganze Welt bewegt. Viel ist darüber bekannt geworden, doch ebenso viel ist noch unklar. Zugleich verblassen die ersten Erinnerungen.

Dies ist der Versuch, das Geschehen vom 7. bis 9. Januar möglichst genau nachzuvollziehen. Dazu wurde die leitende Staatsanwaltschaft befragt, Mitteilungen der Behörden und Zeugenaussagen wurden ausgewertet, ebenso Aussagen der Täter selbst und Videomaterial von Augenzeugen, außerdem die umfangreiche internationale Berichterstattung. Es formt sich ein Mosaik, das noch viele Lücken enthält und sicherlich auch Fehler. Doch es zeigt zum ersten Mal ein umfassendes Bild eines Terrorangriffs, wie ihn Europa seit den Anschlägen von London und Madrid nicht mehr erlebt hat.

1 — Das Attentat

Eigentlich sollte dieser Ort geheim bleiben. Diese stille Straße im 11. Arrondissement von Paris, diese Ansammlung von anonymen Bürogebäuden mit abblätternder Fassade, die Rue Nicolas Appert. Niemand sollte erfahren, dass hier seit dem Sommer eine Redaktion tagt, die unter Polizeischutz steht, weil sie über alles Witze macht, auch über den Islam: die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Die deshalb 2011 nach einem Brandanschlag umgezogen war an den Autobahnring von Paris, wo es sicherer schien. Die zuletzt wieder zentralere Räume angemietet hatte – eben jene in der Rue Nicolas Appert Nummer 10, zweiter Stock.

Unten an der Tür ist kein Klingelschild. Aber die neue Adresse fand ihren Weg in die Gelben Seiten von Paris. Wer mit Google Street View an dem Haus vorbeifährt, kann bis heute einen Polizeiwagen vor der Tür stehen sehen. Es ist nicht schwer, diesen Ort zu finden, der geheim bleiben sollte.

Der 7. Januar 2015 ist ein bewölkter Tag mit etwas Regen. Es ist 11.20 Uhr, als ein schwarzes Auto in der Straße hält, ein Citroën C3 mit verdunkelten Scheiben, fast neu, nach dem Nummernschild zu urteilen erst 2013 zugelassen. Der Wagen parkt an der Ecke zur Allee Verte. Zwei Männer steigen aus. Sie sind bewaffnet mit Kalaschnikows, einer von ihnen hält das Gewehr auf Brusthöhe wie Soldaten eines Sondereinsatzkommandos. Ihr Gesicht wird durch schwarze Sturmhauben verdeckt, am Körper tragen sie kugelsichere Westen. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft bestätigt, dass ihr Umgang mit den Waffen geübt war, ihr Vorgehen zielstrebig. Welche Waffen sie jedoch genau trugen, sei noch Gegenstand der Ermittlungen.

Greifen hier professionell ausgebildete Killer an? Später wird bekannt, dass der französische Geheimdienst die beiden Täter überwachte. Warum werden sie jetzt nicht beobachtet und aufgehalten – traute man ihnen eine solche Tat nicht zu?

Im zweiten Stock tagt schon seit etwa einer Stunde die Redaktion von Charlie Hebdo, wie jeden Mittwoch seit zehn Uhr. Ganz links am großen, eckigen Konferenztisch sitzt Stéphane Charbonnier, genannt "Charb". Neben ihm hat der Cartoonist Laurent Sourisseau Platz genommen. Auch Charbonniers Leibwächter Franck Brinsolaro sitzt im Raum, genauso wie ein Gast der Redaktion: der Journalist und Lokalpolitiker Michel Renaud. 

Jemand hat Kuchen gekauft, der Zeichner Luz hat Geburtstag. Doch er ist zu spät dran. Vor wenigen Minuten noch hat der 73 Jahre alte Zeichner Philippe Honoré seine letzte Zeichnung per Twitter verbreitet: Abu Bakr al-Bagdadi, der selbst ernannte Kalif des "Islamischen Staats", wünscht seinen Anhängern zu Neujahr "vor allem anderen Gesundheit".

An diesem Morgen steht kein Polizeiwagen vor den Büroräumen. Die Straße ist fast menschenleer. Später wird Patrick Pelloux, ein Kolumnist des Magazins, sagen, die Polizei habe eine "dynamische Überwachung" zum Schutz des Chefredakteurs angeordnet. Jede halbe Stunde sei ein Streifenwagen durch die Straße gefahren.

Ein Ausschnitt aus einem Amateurvideo zeigt die Täter kurz vor der Erschießung des Polizisten Ahmed Merabet. © AP/dpa

So zielstrebig die Männer in Schwarz erscheinen mögen: Gleich am Anfang begehen sie offenbar einen Fehler. In Kampfmontur stürmen sie auf das Haus zu, das zwei Aufgänge hat – Nummer 10 und Nummer 6, einige Meter weiter rechts. Die Angreifer nehmen den falschen Aufgang, laufen die Treffen hoch und passen die Postbotin ab, um in die Büros zu gelangen.

Dort hat die Medienagentur Bayoo ihren Sitz. Yve Cresson, ein Mitarbeiter der Agentur, wird später zu Protokoll geben, dass die beiden Männer nach der Redaktion von Charlie Hebdo fragen und zwei Schüsse abfeuern. Eine Kugel durchschlägt eine Fensterscheibe. Es ist jetzt etwa 11.25 Uhr. Die Täter laufen die Treppen hinunter, zurück zu ihrem eigentlichen Ziel.

Haben die Mitarbeiter von Bayoo die Polizei nicht gerufen, nachdem bei ihnen geschossen wurde? Die Staatsanwaltschaft kann die genaue Uhrzeit des ersten Hilferufs nicht nennen. Aber sie bestätigt, dass der erste Hilferuf direkt aus der Redaktion selbst kam.

Der Zufall kommt den Mördern zu Hilfe. Die Cartoonistin Corinne Rey, genannt Coco, ist zu spät dran und will in das Gebäude. Sie wird später sagen, dass sie von den beiden Männern mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurde, den Sicherheitscode für die Eingangstür einzugeben. Rey wird auch die ersten Hinweise auf die Identität der Täter liefern. Beide hätten fließend Französisch gesprochen. Einer habe gesagt, er käme von Al-Kaida. Auch die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass die Täter fließendes Französisch sprachen. Ob sie sich auf Al-Kaida beriefen oder auf den Dschihad, sei aber unklar.

Die Männer stürmen in die Büroräume von Charlie Hebdo im zweiten Stock. Auf dem Weg erschießen sie den Hausmeister Frédéric Boisseau, er ist 42 Jahre alt. Was dann geschieht, stützt sich im Wesentlichen auf Augenzeugenberichte, vor allem auf die Aussagen der Gerichtsreporterin von Charlie Hebdo, Sigolène Vinson, und des Journalisten Laurent Léger.

Als die Attentäter die Redaktion betreten, treffen sie zuerst auf Simon Fieschi, den Webmaster. Sie schießen ihm sofort zwei Kugeln in Schulter und Lunge. Er wird überleben, liegt aber im künstlichen Koma.

Die Redakteure im Zimmer weiter hinten zögern kurz. Einer fragt: "Sind das Knallkörper?" Franck Brinsolaro, der Leibwächter, erhebt sich und tastet nach seiner Waffe. Einige Redakteure kriechen unter den Tisch. Brinsolaro sagt: "Bewegt euch nicht ruckartig." Dann betreten die Männer den Konferenzraum.

Vinson wird später zu Protokoll geben, dass die Männer zuerst "Allahu Akbar" ("Gott ist groß"), dann den Namen des Chefredakteurs schreien: "Wo ist Charb?" Sie finden Charbonnier auf dem Boden und erschießen ihn.

Nach und nach exekutieren sie andere Redaktionsmitglieder, mit gezielten Schüssen, einen nach dem anderen. Außer den Schüssen ist es still im Raum, keiner schreit.

Sie töten den Zeichner Philippe Honoré, 73 Jahre.

Den Cartoonisten Bernard Verlhac, genannt Tignous, 57 Jahre.

Den Zeichner Jean Cabut, genannt Cabu, 76 Jahre.

Den Redaktionsmitarbeiter Mustapha Ourrad, 60 Jahre.

Den Zeichner George Wolinski, 80 Jahre.

Den Ökonomen und Kolumnisten Bernhard Maris, 68 Jahre.

Den Leibwächter Franck Brinsolaro, 49 Jahre.

Den Lokalpolitiker und Journalisten Michel Renaud, 69 Jahre.

Die Psychoanalytikerin Elsa Cayat, 54 Jahre. Sie ist die einzige Frau unter den Opfern.

Erste Reihe von links: Bernard Maris, Bernard Verlhac "Tignous", Jean Cabut "Cabu" | Zweite Reihe: Franck Brinsolaro, Elsa Cayat, Ahmed Merabet | Dritte Reihe: Georges Wolinski, Stéphane Charbonnier "Charb", Frédéric Boisseau | Vierte Reihe: Mustapha Ourrad, Michel Renaud, Philippe Honoré © dpa, Getty Images, Twitter, DR,

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft bestätigt diese Angaben weitgehend. Eine Sprecherin sagt, die Frau, die den Attentätern die Tür zur Redaktion geöffnet habe, habe ihnen auch den Weg zum Konferenzraum gewiesen. Dort hätten die Redakteure um einen Tisch herum gesessen. Die Täter sollen nach den Namen der Anwesenden gefragt haben, die diese offenbar nannten. Die Täter schossen ihren Opfern in den Kopf. In welcher Reihenfolge, sei noch unklar. Schon zuvor sagte der leitende Staatsanwalt François Molins, in den Büros hätten die Ermittler 31 Patronenhülsen Kaliber 7,62 gefunden, das üblicherweise die Kalaschnikow AK-47 verschießt, sowie 25 Hülsen eines anderen Kalibers.

Vinson hat sich – auf dem Boden kriechend – in den hinteren Teil der Büros gerettet. Dort verstecken sich auch Léger und ein Layouter. Léger duckt sich unter den Schreibtisch des Wachmanns. Die Luft ist jetzt voll von verbranntem Schießpulver.

Einer der Zeugen wird später zu Protokoll geben, dass es Léger in dieser Zeit gelungen sei, einen ersten Notruf an einen Freund abzusetzen: "Ruf die Polizei. Es ist ein Gemetzel, ein Blutbad. Alle sind tot."

Einer der Attentäter – nach Angaben von Vinson ist es Saïd Kouachi, der ältere der beiden Brüder, die sich später als Täter herausstellen sollen – findet Vinson und schaut sie an. Er sagt: "Hab keine Angst. Beruhige dich. Ich werde dich nicht umbringen. Du bist eine Frau. Wir töten keine Frauen. Aber denke darüber nach, was du tust. Das, was du tust, ist schlecht. Ich verschone dich und weil ich dich verschone, wirst du den Koran lesen."

Vinson sagt, dass sie sich an jedes Wort erinnern könne. Saïd Kouachi soll daraufhin seinem Bruder Chérif zugerufen haben: "Wir bringen keine Frauen um." Auch dieses Zitat beruht auf der Aussage von Vinson. Zwei Tage später wird Chérif das Zitat in einem Telefongespräch mit dem Sender BFMTV wiederholen. Keine Frauen.

Vinson hört, wie die Täter die Büroräume verlassen. Sie steht auf und geht in den Konferenzraum, wo die Leichen auf dem Boden liegen. Draußen sind Schüsse zu hören. Einer der Zeichner, Laurent Sourisseau, ruft, dass er lebe. Er sei nur an der Schulter getroffen worden. Auch Corinne Rey eilt aus ihrem Versteck herbei.

Vinson holt ihr Handy aus dem Mantel und setzt einen Notruf ab. Sie ruft die Feuerwehr an, das Telefonat dauert 1 Minute und 42 Sekunden. "Hier ist Charlie, kommen Sie schnell, alle sind tot." Der Feuerwehrmann fragt: "Wie viele Leichen?". Er fragt nach der Adresse der Redaktion. Sie erinnert sich nicht. Sie wiederholt drei Mal: "Alle sind tot."

Wenige Minuten zuvor hatte sich einige Räume weiter Martin Boudot in Bewegung gesetzt. Boudot arbeitet für die Medienagentur Premières Lignes. Sein Büro ist im gleichen Gebäude wie das von Charlie Hebdo. Er wird später sagen, dass er die Schüsse gehört und geahnt hatte, was passierte.

Boudot weiß, dass man von den Räumen aufs Dach gelangen kann, manchmal gehen dort Kollegen rauchen. Boudot und sein Kollege Julien Beaupé erreichen das Dach und ziehen sich in den hintersten Winkel zurück, rund 100 Meter von der Rue Nicolas Appert. Sie sehen, wie zwei schwarze Gestalten das Gebäude verlassen und auf die Straße treten. Boudot zückt eine Kamera und filmt die Szene. Es sind später die wohl ersten Bilder der Täter, die um die Welt gehen.

Boudot und Beaupé beobachten, wie die Täter noch einmal in eine Gasse feuern, in die die Rue Nicolas Appert mündet. Ein zweites Video, das später veröffentlicht wird und offenbar von der Ecke Nicolas Appert/Allee Verte aus gemacht wurde, belegt, dass die Täter einen Moment lang auf der Straße stehen bleiben und ausrufen: "Wir haben den Propheten Mohammed gerächt." Dann steigen sie in den Citroën und fahren nach rechts in die Allee Verte.

Im gleichen Moment biegt aus der Gegenrichtung ein Polizeiwagen in die enge Straße ein. Als er sich nähert, steigen die Terroristen aus und eröffnen das Feuer. 15 Schüsse durchbohren die Frontscheibe, aber der Polizist überlebt. Hektisch setzt er den Wagen zurück und rammt auf dem Boulevard Richard Lenoir ein parkendes Auto. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft kam der Polizeiwagen, weil die Hilferufe aus der Redaktion die Polizei zu diesem Zeitpunkt schon erreicht hatten und der Streifenwagen sofort zum Tatort fuhr.

Die Terroristen steigen wieder in ihren Citroën und fahren auf den Polizeiwagen zu. Es kommt noch einmal zu einem Schusswechsel. Dann steuern Saïd und Chérif Kouachi den Wagen nach links in den Boulevard Richard-Lenoir, eine viel befahrene Straße. Der Boulevard besteht aus zwei großen Fahrbahnen, die durch einen Grünstreifen voneinander getrennt sind. Links abzubiegen ist hier eigentlich nicht möglich, weil sie so entgegen der Einbahnstraße fahren.

Warum fahren sie nach links, weil sie nach Norden wollen? Weil sie aufgeregt sind? Und was passiert danach? Immerhin tauchen sie kurz darauf auf der anderen Straßenseite auf, dieses Mal in der richtigen Fahrtrichtung. Sie müssen also gewendet haben. Doch warum?

Fest steht, dass die Täter abermals auf der Höhe der Redaktion von Charlie Hebdo vorbeikommen. Auf dem Boulevard Richard Lenoir treffen sie auf den Polizisten Ahmed Merabet, 41 Jahre alt. Wie die Attentäter ist Merabet Sohn algerischer Einwanderer. Unterwegs ist er auf dem Fahrrad. Er ist zur Verfolgung der Täter über Funk gerufen worden, bestätigt die Staatsanwaltschaft. Ob Merabet eine Waffe zieht, um die beiden Männer zu stoppen, ist unklar. Sicher ist, dass die Attentäter ihren Wagen stoppen, einer der Männer steigt aus und schießt Merabet an.

Die Szene ist gebannt auf Video, aufgenommen von einem Mann namens Jordi M. von einem Wohnhaus gegenüber. Man sieht, wie die Attentäter auf den am Boden liegenden Polizisten zugehen. "Willst du uns töten?", fragt einer. "Nein, ist schon gut, Chef", antwortet Merabet. Dann schießt ihm einer der Täter in den Kopf. Merabet ist das zwölfte Opfer binnen weniger Minuten.

Ein weiteres Amateurvideo zeigt, dass der Polizist aus dem beschossenen Polizeiwagen noch versucht einzugreifen. Er kniet auf der Straße und zielt auf die Attentäter. Das Video stützt auch die These, dass die beiden Männer Merabet auf der anderen Seite des Boulevard Richard-Lenoir ermordeten – und dass sie ihren Wagen zuvor irgendwo südlich des Tatortes gewendet hatten.

2 — Die Flucht

Longpont, nördöstlich von Paris: Tausende Polizisten durchkämmen Wälder und Dörfer. © Michel Spingler/AP/dpa

Ruhig und entschlossen hätten die beiden Schützen bei ihrer Tat gewirkt, sagen hinterher Zeugen und Ermittler. Mit ihren Kalaschnikows schossen sie gezielt, kein Dauerfeuer, immer einzelne Schüsse. Doch auf der Flucht, die nun folgt, wirken die Männer alles andere als ruhig.

Saïd und Chérif Kouachi wollen Richtung Norden, soviel ist klar. Nach ihrem waghalsigen Wendemanöver und dem Mord an Merabet rasen sie in diese Richtung. Bis etwas schiefgeht.

Am Place du Colonel Fabien, eineinhalb Kilometer von Charlie Hebdo entfernt, verursachen sie einen Unfall. Es ist einer der wuseligen Pariser Kreisverkehre, Kopfsteinpflaster, viele Ampeln, keine Fahrspuren. Neun Straßen treffen dort aufeinander. Der schwarze Citroën der Attentäter rammt gegen 11.40 Uhr ein anderes Auto, dessen Fahrerin wird leicht verletzt. Das Fluchtauto ist beschädigt, die Täter suchen ein neues Fahrzeug. Sie biegen vom Kreisverkehr in die Rue de Meaux ein, fahren dreihundert Meter und lassen den Citroën mitten auf der Kreuzung zur Rue Sadi Lecointe stehen.

Wenig später wird Staatsanwalt Molins mitteilen, die Ermittler hätten in dem Wagen zehn Molotowcocktails gefunden, eine Fahne mit dem Aufdruck "Allah ist groß", außerdem den Personalausweis von Saïd Kouachi. Auf einer der Molotowcocktail-Flaschen entdecken die Beamten zudem einen Fingerabdruck von Chérif Kouachi. Von diesem Zeitpunkt an ist der Polizei klar, dass sie es mit ihnen bekannten Islamisten zu tun hat.

Die Zeitung Le Figaro berichtet, in dem Auto sei auch eine GoPro-Kamera gefunden worden. Haben die Brüder ihr Attentat gefilmt, so wie später Amedy Coulibaly seine Tat im Supermarkt? Hat die Polizei die Bilder sichergestellt?

Nun wechseln Saïd und Chérif Kouachi die Richtung: Es geht nach Nordosten. Sie zerren den Fahrer eines grauen Renault Clio aus seinem Wagen, laden ihre Waffen um und fahren auf eine Ausfallstraße in Richtung der Nationalstraße N 2. Wo genau sie den Clio entdeckt haben, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. An der Porte de Pantin werden sie das letzte Mal gesehen. Sie bewegen sich stadtauswärts, Richtung Autobahn A 3.

Hatten Saïd und Chérif Kouachi einen Plan, wohin sie fliehen wollten? Hatten sie ihre Flucht überhaupt vorbereitet? Zielgerichtet handeln sie nicht, nachdem sie "Charlie Hebdo" verlassen haben, das bestätigt auch die Staatsanwaltschaft, nennt ihr Vorgehen "überstürzt". Hätten sie auf eine Autobahn gewollt, um aus der Stadt zu gelangen, wäre es schneller gegangen, sie hätten den direkten Weg zur A 3 gewählt. Die Auffahrt zum Pariser Innenstadtring liegt nur drei Kilometer von "Charlie Hebdo" entfernt.

Chérif und Saïd Kouachi © Französische Polizei/epa/dpa

Das nächste Mal werden Saïd und Chérif Kouachi am Donnerstagmorgen gegen 10.30 Uhr an einer Avia-Tankstelle kurz vor Villers-Cotterêts eindeutig identifiziert. Wo sie die Nacht verbracht haben, weiß man nicht. Fast 24 Stunden haben sie für die 68 Kilometer Luftlinie von ihrem ersten Tatort gebraucht. Die Fluchtrichtung ist noch immer Nordosten. Wollen sie zur Grenze nach Belgien, oder vielleicht nach Luxemburg?

Vorbereitet sind sie auf eine so weite Fahrt zumindest nicht. Nicht nur, dass der gestohlene Clio offenbar kein Benzin mehr hat. Ihnen fehlt auch Essen. Mit vorgehaltener Waffe stürmen sie die Tankstelle an der Nationalstraße N 2. Sie nehmen sich Schokoriegel, Getränke und tanken. Doch dann fahren sie nicht weiter, sondern drehen um und kehren den gleichen Weg zurück, den sie am Tag zuvor gekommen waren.

Warum Saïd und Chérif Kouachi ihre Fluchtrichtung abermals ändern, darüber lässt sich nur spekulieren. An der Tankstelle sind sie bereits weit von Paris entfernt. Ein Teil ihrer Familie lebt in Charleville-Mézières nahe der belgischen Grenze. Wollten sie dorthin und haben erfahren, dass sich ihr 18 Jahre alter Schwager der Polizei gestellt hat? Er wurde gesucht, war aber zum Zeitpunkt der Tat in der Schule. Saïd Kouachi wohnte zudem in Reims, das ebenfalls nordöstlich von Paris liegt. Kannte er die Region und hatte eine Idee, wo sie sich verstecken könnten? Noch am Mittwochabend ist die Polizei dort und durchsucht seine frühere Wohnung in einem Neubauviertel. Auch ihre Namen werden nun in den Medien genannt. Hält sie das davon ab, Orte aufzusuchen, mit denen man sie in Verbindung bringen könnte?

Die Polizei rechnet auch am Donnerstag noch damit, sie im Nordosten von Paris aufstöbern zu können. Am Donnerstagnachmittag sperren Beamte die Straßen zwischen Longpont und Soissons und errichten in der Umgebung weitere Kontrollposten. Sie vermuten, dass sich die Attentäter in den Wäldern dieser Gegend versteckt halten könnten. Die ganze Nacht über suchen Hubschrauber mit Wärmebildkameras die Region ab. Vergeblich.

Am Freitagmorgen tauchen Saïd und Chérif Kouachi in Nanteuil-le-Haudouin wieder auf. Der Ort liegt auf halber Strecke zwischen der Tankstelle und Paris, auf dem Rückweg also. Sie kommen aus dem Wald, bedrohen eine Lehrerin und rauben ihr das Auto. Wieder ist es ein unauffälliger Kleinwagen. Dieses Mal ein weißer Peugot 206. Möglicherweise hat ihre Flucht kein Ziel; dennoch agieren sie überlegt. Der Fahrerin tun sie nichts. Sie ruft sofort die Polizei.

Saïd und Chérif Kouachi fahren zurück auf die Nationalstraße N 2. Die Polizei, alarmiert von dem Autodiebstahl, entdeckt und verfolgt sie. Dieses Mal entkommen sie nicht so leicht, die ganze Gegend ist inzwischen voller Polizisten. Schüsse fallen. Langsam muss ihnen klar werden, dass Fliehen nicht länger eine Option ist. Die Polizei hat wieder die Straße gesperrt, dieses Mal in Richtung Süden, ihre Fahrtrichtung. Saïd und Chérif Kouachi verlassen die Nationalstraße.

Suchen sie ein Versteck? Oder einen Unterschlupf, um sich zu verschanzen und zu verhandeln? Oder sogar einen Ort zum Sterben?

3 — Der dritte Mann

Die Avenue Pierre Brossolette, am Donnerstagmorgen: Die Polizistin Clarissa Jean-Philippe wird von einem bislang unbekannten Täter "wie aus dem Nichts" erschossen. © Geoffroy Van der Hasselt/Anadolu/Getty Images

Durch die kleine Gemeinde Fontenay-aux-Roses südlich von Paris zieht sich ein schmaler Grünstreifen. Entlang eines gekiesten Weges stehen Bänke, manchmal eine Schaukel. Irgendwo hier, nicht weit vom angrenzenden Parc des Sceaux, schießt am Abend des 7. Januar gegen 20.30 Uhr ein Unbekannter auf einen 32 Jahre alten Jogger und verletzt ihn lebensgefährlich. Der Täter entkommt unerkannt. Die Polizei findet fünf Patronenhülsen. Sie stammen aus einer Tokarew-Pistole. Erst zwei Tage später ist offenbar klar, wem sie gehörte: Amedy Coulibaly, dem dritten Attentäter von Paris.

Amedy Coulibaly, der dritte Attentäter © Direction centrale de la Police judiciaire

Haben die Brüder Kouachi und Coulibaly die Taten gemeinsam geplant? Jedenfalls kannten sie sich. Coulibaly war Chérif Kouachi im Gefängnis begegnet, sie trafen sich auch danach immer wieder. Coulibalys Freundin Hayat Boumeddiene und die Frau von Chérif waren offenbar befreundet. Geheimdienste registrierten im vergangenen Jahr mehr als 500 Telefonkontakte zwischen ihnen. In einem Video, das in den folgenden Tagen bekannt wird, sagt Coulibaly, dass er und die Brüder Kouachi zwei Teams gebildet hätten: "Wir haben einige Dinge zusammen gemacht, einige unabhängig voneinander, um mehr Wirkung zu erzielen." Er selbst sollte gegen die Polizisten vorgehen und gegen die Juden. Doch wer versucht, Coulibalys Weg vom Mittwoch an zu folgen, hat nicht den Eindruck, dass der Attentäter einem ausgearbeiteten Plan gefolgt wäre. Ob die Taten tatsächlich abgestimmt waren, ist ebenfalls nicht bewiesen. Während Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel die Verantwortung für den Anschlag auf "Charlie Hebdo" übernimmt, gilt das ausdrücklich nicht für Coulibalys Taten.

Die Schüsse auf den Jogger bleiben zunächst rätselhaft. Es gibt auch keinen Hinweis auf einen Zusammenhang mit dem Attentat auf Charlie Hebdo, das in diesen Stunden ganz Frankreich in Atem hält.

Am Donnerstagmorgen gegen 7.50 Uhr fahren im Süden von Paris in Montrouge, auf der Höhe der Hausnummer 91 auf der Avenue Pierre Brossolette, im dichten Berufsverkehr zwei Wagen aufeinander. Die Stadtpolizei wird gerufen. Eine Streife eilt zum Unfallort. Es sind Clarissa Jean-Philippe und ein Kollege.

Jean-Philippe steht auf der Straße und regelt nach dem Unfall den Verkehr. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft taucht Coulibaly wie "aus dem Nichts" auf. Offenbar sei er "zufällig" am Tatort gewesen. Er beschießt die Polizistin von hinten und trifft sie am Hals. Ein weiterer Verkehrspolizist wird ebenfalls schwer verletzt – eine Kugel hat seine Wange durchbohrt.

Clarissa Jean-Philippe

Coulibaly soll drei Mal geschossen haben, sagten Zeugen später aus. Jean-Philippe stürzt sofort zu Boden, sie ist tot. Sie war 26 Jahre alt und absolvierte gerade ihr Anerkennungsjahr. Geboren wurde sie auf Martinique, einem französischen Überseedepartment. Nach ihrer Ausbildung auf Martinique kam sie 2013 nach Paris.

Der Vorfall in Montrouge wirft noch viele ungeklärte Fragen auf: War Coulibaly tatsächlich zufällig in der Gegend oder war er auf dem Weg zu einem Anschlag? Ganz in der Nähe des Unfallorts, kaum zweihundert Meter weiter, liegt eine jüdische Schule. War sie sein Ziel, wie später vor allem Mitglieder der jüdischen Gemeinde vermuten? Die Staatsanwaltschaft will sich dazu nicht äußern. Die These der jüdischen Gemeinde sei "eine Hypothese von vielen".

Coulibaly flüchtet zunächst zu Fuß. Er ist komplett in schwarz und mit einer schusssicheren Weste bekleidet, trägt eine Sturmhaube, eine Pistole vom Typ Tokarew und eine kleine Skorpion-Maschinenpistole. Dann zwingt er einen Autofahrer, ihm seinen weißen Renault Clio zu überlassen. Der Wagen wird wenig später im rund drei Kilometer weiter westlich gelegenen Arcueil gefunden. Von Coulibaly fehlt jede Spur.

Um 9.15 Uhr verlässt Innenminister Bernard Cazeneuve die Krisensitzung im Élysée-Palast, die sich mit dem Attentat auf Charlie Hebdo befasst, und begibt sich nach Montrouge. Er appelliert an die "Zurückhaltung und das Verantwortungsgefühl" aller Franzosen und sagt, eine Verbindung zu dem Terrorattentat auf Charlie Hebdo sei "bislang nicht zu erkennen".

Gegen elf Uhr stürmen Sicherheitskräfte der Sondereinsatzkommission Brigade de recherche et d'intervention (BRI) ein Hotel in Montrouge, in dem sie den Täter vermuten. Die Fährte erweist sich als falsch.

Um 16.30 Uhr übernimmt die Anti-Terror-Einheit der französischen Polizei die Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Verfahren gegen eine "terroristische Vereinigung" wegen "des Vorsatzes der schweren Schädigung einer Ordnungskraft". Am Abend des Donnerstags zeigen Ermittler den Zeugen von Montrouge mehrere potenzielle Täter. Schließlich erkennt einer von ihnen Coulibaly. Zudem hat die Polizei eine Sturmhaube am Tatort gefunden, die Coulibaly dort zurückließ. Daran werden offenbar Fingerabdrücke und DNA-Spuren nachgewiesen, die in der Nacht zum Freitag Coulibaly zugeordnet werden können. Doch niemand weiß, wo sich der dritte Mann aufhält.

4 — Die Geiselnahme

Polizisten umstellen den Supermarkt Hyper Cacher an der Avenue de la Porte de Vincennes. © William Stevens/Abaca Press/dpa

Nur die Polizei kennt das Video. Es zeigt, wie Amedy Coulibaly am Freitag, dem 9. Januar, um 13.35 Uhr mit gezückter Waffe in den Supermarkt Hyper Cacher an der Avenue de la Porte de Vincennes stürmt. Wie er auf die zahlreichen Menschen schießt, die dort am Vorabend des Sabbat schnell noch einkaufen wollen. Wie er drei Menschen tötet. All das filmt die Kamera, die sich Coulibaly um seinen Bauch gebunden hat.

Der Hyper Cacher liegt an einer Straßenecke, ein Laden mit Flachdach, vorgebaut einem sechsgeschossigen Hochhaus. Seine Schaufenster sind blau verblendet, nur die Eingangtür besteht aus Glas. Kleinwagen parken vor dem Laden, ein silberner Smart, ein dunkler Renault.

Wie ist Coulibaly dorthin gekommen? Das Auto seiner Freundin Hayat Boumeddiene wurde in der Nähe gesehen. Ist er selbst gefahren oder hat ihn jemand gebracht? Boumeddiene war es nicht, sie hatte Frankreich längst in Richtung Syrien verlassen.

Als die Schüsse fallen, bricht im Laden Panik aus. Ein Kunde, den die Zeitung Libération später Nessim Cohen nennen wird, weil er seinen echten Namen nicht veröffentlicht sehen will, gibt zu Protokoll: "Es war viel los an den Kassen und zwischen den Regalen. Plötzlich habe ich eine starke Detonation gehört. Weil ich Sportschütze bin, habe ich sofort an Schüsse gedacht."

Cohen und seine Freundin stürmen mit anderen Kunden in den hinteren Teil des Ladens. Irgendwo dort ist eine Klappe im Boden eingelassen. Jemand reißt sie auf. Sie führt in den Keller unter dem Laden, in einen Vorratsraum. Die Menschen stürzen hinab, ein knappes Dutzend, Männer, Frauen, ein Vater mit seinem drei Jahre alten Sohn.

Ein anderer Mann kann nach draußen fliehen. Es ist offenbar der Ladenbesitzer Patrice Oualid. So wird es jedenfalls dessen Bruder später berichten: "Patrice hat mir alles im Detail erzählt. Er war am Eingang, als der Terrorist mit Militärkleidung, Kalaschnikow und zwei Granaten in den Laden stürmte. An seinem Bauch hatte er eine GoPro-Kamera. Er wollte, dass die ganze Welt sieht, was er tut, schrie: 'Ihr seid Juden, ihr werdet heute alle sterben!'" Neben einer Maschinenpistole trägt Coulibaly noch zwei Tokarew-Pistolen bei sich sowie Sprengstoffstangen und Zündvorrichtungen.

Woher kommen diese Waffen, wer hat sie bezahlt? In seinem Video sagt Coulibaly, er habe den Brüdern Kouachi einige Tausend Euro gegeben, damit sie Waffen kaufen konnten. Doch die israelische Zeitung Haaretz berichtet, er habe die Waffen bei einem belgischen Kriminellen in Brüssel selbst gekauft. Der habe sich inzwischen der Polizei gestellt und den Deal gestanden. Das Geld dafür, 6.000 Euro, hat Coulibaly sich bei Cofidis geborgt, einer französischen Bank, die Kleinkredite vergibt. In den Kreditantrag schrieb er seinen richtigen Namen. Und er schloss gleichzeitig eine Lebensversicherung ab, die im Todesfall den Kredit begleicht.

Der Ladenbesitzer Oualid, so berichtet dessen Bruder, habe direkt neben Coulibaly gestanden. "Er sagte zu ihm: 'Schießen Sie nicht auf die Leute, ich bin der Besitzer, was wollen Sie?' Der Terrorist sagte nur: 'Ich werde dich erschießen, nicht nur ich werde sterben, sondern auch du.'" Oualid kann fliehen, obwohl ihn ein Schuss am Arm trifft. Er ruft die Polizei. Nötig wäre das nicht gewesen. Coulibaly will sich nicht verstecken. Er ruft selbst den Polizei-Notruf an: "Ihr wisst, wer ich bin." Dann legt er auf.

Im Keller hat Lassana Bathily gerade gebetet. Er ist Malier, Muslim, 24 Jahre alt und im Supermarkt angestellt. Da stürzen Menschen in den Vorratsraum. Bathily begreift sofort, worum es geht. Schnell führt er sie weiter in einen Kühlraum. Er schaltet die Kühlung und das Licht aus, spricht beruhigend auf die verängstigten Menschen ein. Wie viele es sind, bleibt unklar, vermutlich ein knappes Dutzend.

Coulibaly hat gesehen, wohin die Menschen flüchteten. Er schickt eine Mitarbeiterin des Ladens in den Keller. Wenn sie nicht heraufkommen, wird er alle Geiseln oben erschießen. Die Leute in der Kühlkammer sind unschlüssig. Einzelne weigern sich zu gehen.

"Meine Freundin und ich haben unseren Mut zusammengenommen und sind hochgegangen. Ein anderer junger Mann ist uns gefolgt", berichtet Cohen. Insgesamt sind es offenbar vier Personen, die wieder in den Laden zurückkehren. Der junge Mann hinter Cohen sieht, dass Coulibaly eine seiner Waffen auf einen Karton neben sich gelegt hat. Er greift danach, versucht, auf den Attentäter zu zielen. Doch der ist schneller. Er erschießt den jungen Mann. "Coulibaly sagt zu uns: 'Schaut euch an, was dem passiert ist, der versucht hat, sich zu wehren'", erzählt Cohen.

All das muss sich innerhalb weniger Minuten abgespielt haben. Dann liegen vier Tote am Boden, der junge Mann, ein weiterer neben dem Eingang, zwei auf der Höhe der Kassen.

Es sind der Elektriker Yoav Hattab, 21 Jahre alt.

Der Lehrer und IT-Berater Philippe Braham, 45 Jahre alt.

Yohan Cohen, 22 Jahre alt.

Der Mediziner François-Michel Saada, 55 Jahre alt.

Im Uhrzeigersinn von links oben nach rechts unten: François-Michel Saada, Philippe Braham, Yoav Hattab, Yohan Cohen © AFP/Getty Images

Einer dieser beiden Niedergeschossenen atmet noch. "Coulibaly hat uns gefragt: 'Wollt ihr, dass ich es zu Ende bringe?' Wir haben 'Nein' geantwortet, also hat er nichts getan. Nach einer halben Stunden hat die Person keinen Laut mehr von sich gegeben", sagt Cohen.

Unmittelbar nach der Geiselnahme sind Polizisten am Tatort. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten mehrere Notrufe die Polizei erreicht. Es sei sofort klar gewesen, dass Coulibaly der Täter sei, sagt eine Sprecherin. Nach ihm sei schon als Attentäter von Montrouge gesucht worden und die ersten Zeugen am Supermarkt hätten sein Äußeres beschrieben. "So gab es keine Zweifel." Die Beamten riegeln die Umgebung großräumig ab. Die Metrolinien 3a, 3b und 1 werden unterbrochen und die Station Porte de Vincennes wird geschlossen.

Wie viele Geiseln genau im Laden ausharren müssen, ist nicht bekannt. Zeugen widersprechen sich, einige wissen von sieben, andere von mehr, manche von bis zu 17 Personen. Die genaue Zahl der Geiseln kann die Staatsanwaltschaft auch eine Woche nach der Tat noch nicht nennen. Die Polizisten können aber viele von ihnen sehen, sie haben Zugriff auf die Überwachungskameras im Laden. Außerdem gelingt es mehreren Geiseln, mit ihren Handys Kontakt nach außen herzustellen. Nessin Cohen ruft mehrmals seine Mutter an, um sich zu verabschieden.

Um 14.30 Uhr verliert die Polizei ihre Augen im Laden. Coulibaly befiehlt den Geiseln, die Kabel zu den Überwachungskameras abzureißen. Außerdem müssen sie die Ausgänge verrammeln. Vor dem Eingang ist ein Rolladen heruntergelassen. Coulibaly ruft im Kommissariat an der Avenue Daumesnil an. Er verlangt, den Ministerpräsidenten zu sprechen oder den Präsidenten der Republik. Er stellt Forderungen: Frankreich soll alle seine Truppen aus sämtlichen muslimischen Ländern abziehen. Zur selben Zeit veröffentlichen die Behörden einen Fahndungsaufruf nach Coulibaly und seiner Freundin. 

Die Geiseln werden für Coulibaly nun zur Nebensache. "Man kann nicht sagen, dass er uns überwacht hat", sagt Cohen. Der Geiselnehmer konzentriert sich auf seine Botschaft. Er lädt die Bilder seiner Kamera auf ein mitgebrachtes Laptop und bearbeitet sie dort. Eine Geisel soll den Rechner im Büro des Supermarktes starten und ins Internet gehen. Den Gefangenen erzählt er, dass er Jean-Philippe getötet habe und dass er im Namen des Kalifen und des "Islamischen Staates" handle. Ähnliches sagt er auch in seinem Video.

Und er regt sich über die Berichterstattung des Fernsehens auf: "Was soll das heißen, es gibt keine Toten. Die werden schon sehen, ob es keine Toten gibt", soll Coulibaly gerufen haben, berichtet Le Monde. Im Verlauf der Geiselnahme hatte das Innenministerium mehrfach öffentlich dementiert, dass bei dem Überfall Menschen ums Leben gekommen seien.

Coulibaly ruft den Fernsehsender BFMTV an. Er sagt abermals, dass seine Taten mit denen der Kouachis abgestimmt seien, er sei Teil des "Islamischen Staats" und wollte Juden treffen. Vier Minuten lang spricht er mit dem Chefredakteur von BFMTV. Nur wenige Momente des Gesprächs sind öffentlich. So fragt der Chefredakteur: "Wie viele seid ihr?" Coulibaly antwortet: "Es gibt vier Tote und 16 Personen mit Kind, das macht 17."

Coulibaly sagt auch, er sei bereit, zu verhandeln. Der Sender soll die Telefonnummer an die Polizei weitergeben. Nach dem Ende der Geiselnahme wird Staatsanwalt Molins sagen, Coulibaly habe gedroht, alle Geiseln zu erschießen, sollte die Polizei die Druckerei in Dammartin stürmen, in der sich die Kouachi-Brüder verschanzt hatten. Coulibaly telefoniert noch mehrmals. Irgendwann macht er einen Fehler und legt nicht richtig auf. Die Polizei kann mithören, was im Ladeninneren geschieht.

Unterdessen will der Ladenangestellte Lassana Bathily die Geiseln aus dem Kühlraum befreien. Es gibt einen Lastenaufzug. Doch die Geiseln fürchten, das Geräusch könnte den Attentäter aufschrecken. So schleicht sich Bathily alleine hinaus. Mit erhobenen Händen geht er auf die Polizisten zu. Sie fürchten, er sei ein Mittäter. "Sie haben mich eineinhalb Stunden lang festgehalten. Sie haben mir nicht geglaubt", sagt Bathily später. Schließlich wird er identifiziert. Bathily zeichnet einen Grundriss des Supermarktes für die Polizei.

Kurz nach 17 Uhr beginnt Coulibaly mit seinem Gebet. Etwa 15 Minuten lang habe er sich nicht um die Geiseln gekümmert, sagt Cohen, jemand habe das der Polizei via Handy berichtet. Das ist der Moment des Zugriffs. Die Fernsehsender France 2 und 3 zeichnen ihn auf.

Freitag, der 9. Januar: Die Polizei stürmt den koscheren Supermarkt in der Avenue de la Porte de Vincennes. © Nicolas Gouhier/Abacapress/dpa

Gegen 17.20 Uhr rücken Dutzende schwer bewaffnete Polizisten hinter Schilden von beiden Seiten auf die Eingangstür des Supermarktes zu. Offenbar ist es ihnen gelungen, die Elektronik des Rollladens zu hacken. Er öffnet sich automatisch, die Glasschiebetüren stehen offen. Sofort stürmt ein Polizist mit vorgehaltenem Schild in den Laden. Andere eröffnen das Feuer, schießen von außen in den Raum. Eine Blendgranate wird gezündet. Coulibaly läuft geduckt auf die Tür zu, eine Maschinenpistole hängt am Riemen an seiner Schulter. In der Tür schießen Polizisten mehrfach auf ihn. Er stürzt zu Boden, ein Polizist schießt nochmals auf ihn.

"Er ist ganz dicht an uns vorbeigelaufen, ohne auf uns zu schießen", berichtet Cohen später. "Als ich gesehen habe, dass er fällt, habe ich gerufen 'Wir laufen raus'." Polizisten drängen in den Laden, während Geiseln zwischen ihnen hindurch nach draußen stolpern. Zwei Beamte ziehen einen offenbar verletzten Kollegen weg vom Geschehen. Dann ist die Geiselnahme beendet. Vier Geiseln und vier Polizisten werden verletzt. Coulibaly ist tot.

5 — Das Ende

Die Druckerei in Dammartin-en-Goële, 40 Kilometer nördlich von Paris, auf einem Screenshot von Google Street View © Abacapress/dpa

Warum ausgerechnet diese Druckerei in Dammartin-en-Goële? Was haben die Attentäter vor, nachdem sie auf der Nationalstraße vor der Polizei geflüchtet sind?

Saïd und Chérif Kouachi fahren von der N 2 herunter und in den Ort hinein, geraten in einen Kreisverkehr und nehmen gleich die erste Ausfahrt. Nach wenigen Metern biegen sie erneut ab, nach rechts.

Die Straße bringt sie in ein Industriegebiet, einige der Gebäude konnten sie schon von der Autobahnabfahrt aus sehen. Saïd und Chérif Kouachi fahren an einem Kurierdienst der französischen Post vorbei und an zwei Logistikzentren. Es sind große, schmutzigweiße Lagerhallen, in denen vermutlich viele Menschen arbeiten. Doch die Täter nehmen sich nicht das erste Gebäude vor, das in ihren Blick gerät, auch nicht das größte. Sie halten vor der kleinsten Firma auf dem Gelände, einem zweistöckigen Bürohaus in der Rue Clément Ader, Hausnummer 27. Dort befindet sich eine Druckerei namens CDT, Création Tendance Découverte.

Für Michael Catalano, den 47 Jahre alten Geschäftsführer des Unternehmens, war es bis dahin ein ganz normaler Freitagmorgen. Um 8 Uhr hatte er sein Büro aufgeschlossen, kurz danach war sein Angestellter gekommen, der Grafikdesigner Lilian Lepere. Durch das große Fenster im ersten Stock schaut er in den verregneten Tag auf den nassen Parkplatz. Da sieht er, wie ein Mann in schwarzer Kleidung auf das Haus zukommt. Er trägt eine Kalaschnikow in der Hand und einen Granatwerfer an einem Gurt über der Schulter. Ihm sei sofort klar gewesen, dass er sich in Gefahr befinde, dass er die beiden Gesuchten vor sich habe, sagte Catalano am Tag danach mehreren Journalisten. Doch da hätten die Kouachi-Brüder schon an seine Tür geklopft. Catalano sagt, er habe sich noch zu Lepere umgedreht und ihn gewarnt, er solle sich im hinteren Teil des Hauses verstecken. Ihm sei klar gewesen, dass dort nicht genug Platz für sie beide sei. "Das ist das Ende", habe er noch gedacht, da waren die beiden Brüder schon da.

Etwas am Verhalten der Kouachis ist anders. Auf Polizisten haben die Attentäter sofort geschossen, jeden anderen, von dem sie etwas wollten, haben sie mit der Waffe bedroht. Nun aber sind sie ruhig und geradezu höflich. Ist ihnen klar, dass dies ihre letzte Station sein wird? Oder glauben sie, dass sie sich verstecken, dass sie entkommen können, wenn sie jetzt in Deckung gehen?

Zitternd sei er zur Tür gegangen, sagt Catalano später in Fernsehkameras. Jeden Moment habe er geglaubt, von Kugeln getroffen zu werden. Stattdessen habe er eine leise, ruhige Stimme gehört: "Keine Sorge, wir wollen nur hineinkommen", habe einer der beiden gesagt. Durchgeweicht und erschöpft hätten Saïd und Chérif Kouachi ausgesehen, nicht aggressiv. Catalano will sie davon abhalten, das Gebäude zu durchsuchen. Er bietet ihnen Kaffee an. Sie nehmen welchen.

Ungefähr eine Dreiviertelstunde ist der Geschäftsmann mit den Attentätern alleine, da klopft es wieder. Durchs Fenster sieht Catalano, dass ein Mann namens Didier im Regen steht, Vertreter eines seiner Zulieferer. Auch Didier überlebt und berichtet später im Radiosender France Info, was er sah. Catalano habe ihm die Tür geöffnet, zusammen mit einem bewaffneten Mann, der sagte, er sei von der Polizei. Man habe sich die Hände geschüttelt. Er solle wieder gehen, habe Catalano gesagt, also sei er umgekehrt. Im Gehen aber habe der schwarz gekleidete Mann etwas Seltsames gesagt: "Gehen Sie weg, wir töten sowieso keine Zivilisten." Dieser Satz habe ihn sehr verwirrt, daher habe er die Polizei gerufen.

Ist den Attentätern zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass sie sterben werden? Sie sind keine klassischen Märtyrer, sind vom Tatort geflohen, haben sich zwei Mal erfolgreich versteckt, sind der Videoüberwachung, Tausenden Polizisten und Hubschraubern mit Wärmebildkameras entgangen. Der Tod war nicht ihr erster Plan.

Catalano berichtet, nachdem Didier gegangen sei, hätten die Brüder gesagt: Es werde an diesem Ort enden – nicht erfreut, nicht so, als sei es geplant gewesen, sondern eher resigniert. Sie erlauben Catalano, die Polizei anzurufen. Zu dritt warten sie auf die Beamten.

Polizisten verschiedener Sondereinsatzkommandos fahren zu dem Industriegebiet, Hubschrauber landen auf einer Wiese in der Nähe. Das Gelände wird abgesperrt. Um 10.20 Uhr sagt ein Sprecher des Innenministeriums, man glaube, die Attentäter von Charlie Hebdo seien in dem Gebäude der Druckerei. Wahrscheinlich hätten sie eine Geisel.

Freitag, 9. Januar: Polizisten und Soldaten beziehen Stellung vor der Druckerei in Dammartin-en-Goële im Nordosten von Paris. © Michel Spingler/AP/dpa

Als die Attentäter sehen, dass Hunderte Gendarmen und Polizisten das Areal umstellen, schießen sie mit ihren Kalaschnikows. Anscheinend aber nicht gezielt. Niemand wird getroffen. Den Raketenwerfer setzen sie nicht ein, obwohl sie ihn seit Tagen mit sich herumtragen. Catalano sieht, dass Saïd Kouachi an der Stirn verletzt wurde und bietet an, ihn zu verbinden. Kouachi lässt sich verarzten. Catalano wagt sogar, zu fragen, ob er nicht gehen dürfe. "Nein, nicht sofort", habe Saïd gesagt. Doch sein jüngerer Bruder habe interveniert: "Geh nur." Catalano sagt später, sie hätten aufgeregt gewirkt und Angst gehabt vor dem kommenden Tod.

Die ganze Zeit über sitzt der junge Grafikdesigner Lilian Lepère in seinem Versteck unter einer Küchenspüle im hinteren Teil des Gebäudes. Die Attentäter wissen nichts von ihm. Wissen nicht, dass er mit seinem Handy längst Nachrichten an die Polizei schickt. Die meiste Zeit seien die Brüder im Büro des Geschäftsführers gewesen, berichtet er später im französischen Fernsehsender France 2. Einmal aber kommt einer der beiden in die Küche, sucht etwas in einem Schrank, schaut in den Kühlschrank, trinkt ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn der Spüle, unter der Lepère sich versteckt.

Die Attentäter ahnen nicht, dass noch jemand im Haus ist. Catalano habe überlegt, ob er auch um Lepères Leben bitten solle und nicht gewusst, ob er die Geduld der beiden damit überstrapaziere, sagt er später. Schließlich geht er, Lepère bleibt.

Saïd und Chérif Kouachi bereiten sich auf ihren letzten Kampf vor, als das Telefon klingelt. Es ist der Fernsehsender BFMTV. Der hat auch schon mit Coulibaly im Pariser Supermarkt telefoniert. Chérif Kouachi spricht mit dem Journalisten Igor Sahiri: Sie seien die Verteidiger des Propheten, Al-Kaida im Jemen habe sie geschickt. Er selbst sei im Jemen gewesen, finanziert von Anwar al-Awlaki persönlich.

Saïd Kouachi ist nach amerikanischen Geheimdienstinformationen wohl tatsächlich in Jemen gewesen und von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ausgebildet worden. Am Mittwoch, 14. Januar, übernimmt Nasir bin Ali al-Anisi, ein führender AQAP-Kommandeur, die Verantwortung für das Attentat der beiden Brüder.

Sahiri beschreibt das Gespräch als ruhig, ohne Aufregung habe ihm Kouachi geantwortet. Kouachi sagt auch, dass die Geheimdienste ihn kennen und er sich wundere, dass sie ihn hätten machen lassen.

Sahiri fragt weiter: Ob sie vorhätten, weiter zu töten?

"Wen töten?"

Das weiß ich nicht.

"Haben wir während dieser zwei Tage Zivilisten getötet?"

Sie haben Journalisten getötet.

"Haben wir Zivilisten oder normale Leute getötet?"

Dann sagt Chérif, dass sie keine Killer seien, sondern Verteidiger des Propheten.

Nach diesem Telefonat rühren sich die Brüder nicht mehr. Versuche der Polizei, sie ans Telefon zu bekommen, ignorieren sie.

Am Nachmittag greift die Polizei zu: Zeitgleich wird auch der Supermarkt angegriffen. Präsident François Hollande hatte den Befehl dazu persönlich erteilt.

Blitze, Rauch, Granaten, Schüsse. Die Sonderkommandos sprengen an der Rückwand ein großes Loch in das Gebäude. Die Brüder stürmen feuernd aus der Eingangstür an der Frontseite. Sie kommen nicht weit. Nach wenigen Metern brechen sie zusammen, getroffen von den Kugeln der Scharfschützen auf den Dächern ringsum und denen der eindringenden Polizisten. In der Küche finden die Beamten den Grafikdesigner. Sie hatten ihn kurz vor dem Angriff per SMS gewarnt. Zusammengerollt habe er sich, die Hände über dem Kopf, berichtet Lepère. Plötzlich habe er Stimmen gehört, dann sei da Licht gewesen. Die Beamten führen ihn aus dem Gebäude. Es ist vorbei.

Mitwirkende

Autoren: Kai Biermann, Philip Faigle, Annika Joeres, Mounia Meiborg, Karsten Polke-Majewski

Redaktionelle Koordination: Karsten Polke-Majewski

Infografik: Paul Blickle, Sascha Venohr

Redigatur: David Hugendick

Bildredaktion: Reinhold Hügerich, Fabian Mohr, Nina Lüth

Korrektorat: Meike Dülffer, Florian Höhler